1980 sorgte der polnische Stabhochspringer Władysław Kozakiewicz bei den Olympischen Spielen in Moskau für Aufsehen: Nach Gold und Weltrekord quittierte er die Pfiffe des russischen Publikums mit einer legendären Geste.
Die Geste, die in Polen niemand anders nennt als "Kozakiewicz-Geste" (gest Kozakiewicza" oder kurz "wał", besteht darin, einen Arm mit gebeugtem Ellbogen nach oben zu recken, die Faust nach oben, und mit der anderen Hand auf den Oberarm zu schlagen und festzuhalten. In Frankreich heißt sie bras d'honneur, wörtlich ‚Ehrenarm‘. Im Englischen spricht man vom Italian salute oder schlicht von the arm.
Im Gespräch mit Euronews erinnert sich Władysław Kozakiewicz an die Stimmung im Moskauer Stadion und erklärt, wie es zu der Geste kam, die seine gesamte Zukunft prägte – nicht nur die sportliche. In seiner Heimat Polen gärte es politisch, beim "großen Bruder", in der Sowjetunion, war ihm das Moskauer Publikum nicht gerade wohlwollend gesinnt, sondern vielmehr dem russischen Konkurrenten.
"Ich hatte nicht vor, diese Geste zu zeigen", erinnert er sich. "Es ist schwer, die Situation heute genau zu beschreiben. In Polen gab es Streiks, Russland war militärisch an der Grenze aufmarschiert, Wałęsa war gerade dabei, dieses neue Polen aufzubauen. Und ich trat damals in Moskau an."
Aus sportlicher Sicht war Moskau der Höhepunkt in Kozakiewiczs Karriere. Der Pole schlug zunächst alle Konkurrenten – darunter den damaligen Weltrekordhalter, den Franzosen Thierry Vigneron (5,77 m), und den sowjetischen Springer Konstantin Wolkow. Damit war Gold sicher. Danach sprang er noch ein drittes Mal, überquerte 5,78 Meter und stellte einen neuen Weltrekord auf.
"Ich war als Einziger noch bei dieser Höhe im Wettbewerb. Ich hörte Pfiffe. Es war ja nicht einmal ein russischer Weltrekord, der gehörte einem Franzosen. Aber die Russen pfiffen trotzdem auf mich", blickt er im Gespräch mit Euronews auf diese spannenden Sekunden zurück. "In der Luft, von der Latte bis zur Matte, verbringt man ungefähr anderthalb Sekunden. Und in dem Moment, als ich von der Matte aufstand, legten sich meine Arme wie von selbst zu dieser Geste. Ich dachte mir: Soll es eben so sein."
Heute analysiert er im Gespräch mit Euronews nüchtern verschiedene Szenarien:
"Wenn ich nicht gewonnen hätte, hätte ich diese Geste nicht gezeigt. Wenn ich gewonnen hätte, aber es keine Pfiffe gegeben hätte, ebenfalls nicht. Wenn diese Spiele in Frankreich oder in Los Angeles stattgefunden hätten, hätte ich sie auch nie gezeigt. Aber es war Moskau, und zu Zeiten Breschnews saß die sowjetische Führung auf der Tribüne, und ich habe ihm so einen …" – hier demonstriert Kozakiewicz lachend die Geste.
Wie Kozakiewicz selbst einräumt, bemerkten im Stadion nur wenige die Geste. Das eigentliche Problem begann erst durch das Fernsehen.
Die Geste Kozakiewiczs tauchte auf Fernsehbildschirmen in vielen Teilen der Welt auf – aber nicht in Polen und nicht in der Sowjetunion. Für die sowjetischen Behörden reichte der Vorfall weit über das Stadion hinaus und landete in den Amtszimmern. Der sowjetische Botschafter in Polen, Boris Aristow, verlangte, Kozakiewicz die Medaille abzuerkennen, den Weltrekord zu annullieren und ihn wegen Beleidigung des sowjetischen Volkes lebenslang zu sperren.
Die kommunistischen Machthaber in Polen wollten den Konflikt mit Moskau entschärfen. Sie versuchten, die Geste als unwillkürlichen Muskelkrampf infolge der Anstrengung oder als Ausdruck überschwänglicher Freude darzustellen. Die offizielle Presse der Volksrepublik Polen, die "Trybuna Ludu", verschwieg den Vorfall in ihrem Bericht vollständig und schrieb lediglich, der Athlet sei "so glücklich gewesen, dass er sich beim Gruß in Richtung Tribüne fast bis zur Erde verbeugte".
Vor der Disqualifikation und der Aberkennung des Rekords rettete ihn schließlich Juan Antonio Samaranch, der spätere Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Der Sportler erinnert sich, Samaranch habe dem Komitee eine Darstellung präsentiert, die der Version der polnischen Delegation entsprach. Demnach mache Kozakiewicz "immer diese Geste, wenn er gewinnt, besonders, wenn er einen Weltrekord bricht".
In unserem Gespräch erzählt er, welchen Preis er später dafür zahlte.
"Ich war der beste polnische, vielleicht sogar der beste Stabhochspringer der Welt. Trotzdem erfand man fingierte Disqualifikationen, ich durfte das Land nicht verlassen, man nahm mir den Pass weg. Immer wieder wurden mir die Pässe abgenommen. Wenn sich der Präsident des Polnischen Leichtathletikverbands änderte, machte sich der nächste Präsident daran, mich fertigzumachen."
Die Lage eskalierte, als der Sportler 1985 bei einem Wettkampf in Westdeutschland de facto ein Ticket ohne Rückkehr bekam. Im Hotel in Hannover erfuhr er, dass er doch nicht starten werde.
"Ich wurde lebenslang disqualifiziert, und damit war die Freundschaft mit Polen vorbei. Man nahm mir sämtliches Eigentum im Land. Bis heute habe ich nichts zurückbekommen – keine Wohnung, kein Auto, kein Konto", sagt er im Gespräch mit Euronews.
Er begann in Deutschland bei Null. "Ich stand da, so wie ich jetzt vor Ihnen stehe, mit einer Tasche, und fing ein neues Leben in Deutschland an", erinnert er sich. "Nach einer Woche meldete sich ein Verein, nachdem er erfahren hatte, dass Polen Kozakiewicz disqualifiziert hatte. Ich wurde aufgenommen, kam in den Klub, bekam eine Wohnung, bekam ein Gehalt und begann noch einmal von vorn. Ich hatte Ruhe, konnte ohne Nachfrage in die ganze Welt reisen. Die Schikanen waren vorbei."
1990 kehrte er nach Polen zurück und wurde, wie er sagt, mit offenen Armen empfangen.
"Ich konnte kaum die Straße überqueren, weil ständig jemand mir die Hand geben und gratulieren wollte."
Kozakiewicz erzählt, er habe immer wieder versucht zu erklären, dass die Geste kein kalkulierter Akt war, sondern ein spontaner Reflex, eine Reaktion auf die Pfiffe von den Rängen.
"Ich bin ein spontaner Mensch. Ich kann nicht sagen, dass ich besonders mutig bin. Wenn mich etwas umtreibt, sage ich es direkt ins Gesicht", erklärt er und fügt hinzu, gerade diese Eigenschaft habe ihm im Leichtathletikverband der Volksrepublik Polen Probleme bereitet.
Unabhängig von seinen Motiven wurde Kozakiewiczs Geste für die Polen zum Symbol – und ist es bis heute. Der Leichtathlet scherzt sogar, die Geste verfolge ihn seit Moskau 1980 ununterbrochen, habe sein Leben im Ergebnis aber zum Besseren gewendet.
Direkt gefragt, ob er heute eine ähnliche Geste in Richtung mancher Staats- und Regierungschefs weltweit machen würde, hat Kozakiewicz keine Zweifel:
"Natürlich. Im Moment könnte ich diese Geste ohne Weiteres gegenüber Trump, Putin oder Netanyahu zeigen. Und ich glaube nicht, dass mir das heute irgendwelche Schikanen einbringen würde. Denn ich bin damit nicht allein. Die ganze Welt denkt ähnlich. Meiner Meinung nach gibt es nach wie vor viele Menschen, denen man diese Geste zeigen muss."
Władysław Kozakiewicz wurde am 8. Dezember 1953 im litauischen Šalčininkai geboren, das damals zur Sowjetunion gehörte. Seine polnische Familie war infolge der Grenzverschiebungen nach dem Zweiten Weltkrieg dorthin geraten. Erst 1957 wurde sie nach Polen repatriiert und ließ sich in Gdynia (Gdingen) nieder.
Zu den wichtigsten Erfolgen Kozakiewiczs zählen: der polnische Rekord im Stabhochsprung (1973, 5,32 m), die Silbermedaille bei den Europameisterschaften 1974, der Europarekord (1975, 5,60 m), zwei Goldmedaillen bei Hallen-Europameisterschaften (1977 und 1979) sowie als Krönung seiner Karriere Gold und Weltrekord bei den Olympischen Spielen in Moskau 1980. 1985 emigrierte er nach Deutschland, wo er noch zweimal Landesmeister wurde (1986, 1988) und den westdeutschen Rekord im Stabhochsprung auf 5,70 m schraubte.
Das Gespräch wurde während des 2nd International Family Business Summit geführt.