Während der vatikanische Chefdiplomat Gallagher in Moskau um Frieden für die Ukraine wirbt, sorgt der Besuch eines griechischen Metropoliten beim Moskauer Patriarchat für einen handfesten Kirchenstreit in Griechenland.
Auf europäischer diplomatischer Ebene gehört der Besuch des vatikanischen Außenministers, Monsignore Paul Richard Gallagher, in Russland samt seiner geplanten Treffen mit Sergej Lawrow und Metropolit Antonij von Wolokolamsk, dem Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, zu den wichtigen Nachrichten des Tages. Zugleich sorgt die Reise eines griechischen Metropoliten nach Moskau in den vergangenen Tagen für erhebliche Unruhe in der Kirche von Griechenland.
Es geht um Metropolit Nektarios von Korfu, Paxoi und den Diapontischen Inseln. Er reiste vor rund einer Woche nach Moskau und brachte die rechte Hand des Schutzheiligen der „Insel der Phäaken", des heiligen Spyridon, damit sie vom russischen Volk verehrt werden kann.
Metropolit Nektarios und eine kleine Delegation der Metropolis Korfu waren einer Einladung des Moskauer Patriarchats gefolgt. Die Visa wurden problemlos ausgestellt, die Gruppe flog über Belgrad nach Moskau, da seit den Russland-Sanktionen keine Direktflüge aus der EU mehr möglich sind. Zurück reiste der Metropolit über Konstantinopel. „Die Hand des Heiligen bleibt in Moskau, begleitet von wechselnden Vertretern unserer Metropolis Korfu", erklärte Nektarios.
Bemerkenswert: Laut einer Mitteilung des Moskauer Patriarchats zelebrierten am 19. August in der Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale Patriarch Kyrill von Moskau und Metropolit Nektarios gemeinsam die Liturgie, zusammen mit Bischöfen des Moskauer Patriarchats und der griechischen Delegation. Zur Würdigung seines Beitrags zu den russisch-griechischen Kirchenbeziehungen wurde Nektarios mit dem Orden des heiligen Seraphim von Sarow, II. Klasse, ausgezeichnet. Er selbst bedankte sich bei Patriarch Kyrill für die Ehre, das Fest der Verklärung des Herrn gemeinsam feiern zu dürfen.
Patriarch Kyrill mit verstorbenem Erzbischof Christodoulos verglichen
Nektarios erinnerte daran, Kyrill schon als Metropolit von Smolensk und Chef des Außenamtes gekannt zu haben. Damals habe er ihn mit dem verstorbenen Oberhaupt der griechischen Kirche, Erzbischof Christodoulos, verglichen: Wie dieser „verkünde auch Kyrill das Wort der Wahrheit recht", so Nektarios, „wie ein geistlicher Magnet, der Menschen, besonders junge Leute, zur Russischen Orthodoxen Kirche zieht".
Während der Liturgie bat Nektarios Kyrill, die Gläubigen mit der Spyridon-Reliquie zu segnen, und überreichte ihm die höchste Auszeichnung der Metropolis Korfu, den Orden des Goldenen Kreuzes mit Stern des heiligen Spyridon. Ein Gespräch der beiden Kirchenmänner und ein Austausch von Erinnerungsstücken schlossen den Besuch ab.
Treffen im Außenamt des Moskauer Patriarchats
Bereits am 18. August hatte Nektarios die Zentrale des Außenamtes besucht und sich mit Metropolit Antonij von Wolokolamsk getroffen, jenem Kirchenmann, den in den kommenden Stunden auch der vatikanische Außenminister treffen soll. Laut Patriarchat nahmen an dem Treffen zudem der Vorstandschef einer russischen Energiegesellschaft sowie Mitarbeiter des Außenamtes teil. Am Ende verehrten alle Anwesenden die Reliquie und tauschten Geschenke aus.
Kritik und heftige Reaktionen
Die Moskau-Reise des Korfu-Metropoliten hat sowohl in der Kirche von Griechenland als auch in der griechischen Regierung für Aufregung gesorgt. Laut der Zeitung „Ta Nea" beschäftigte der Vorgang auch das Büro von Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis. Kirchliche Kreise bezeichnen die Reise laut „Kathimerini" gar als „Putsch". Eine kirchliche Quelle fragt: „Wie kann er bereit sein, mit jemandem zu konzelebrieren, der das Oberhaupt seiner eigenen Kirche nicht im Hochgebet erwähnt?"
Die zweitägige Sitzung der zwölfköpfigen Ständigen Heiligen Synode unter Vorsitz von Erzbischof Ieronymos, der Nektarios als Mitglied angehört, dürfte sich mit dem Fall befassen. Sie begann am Dienstag und endet am Mittwoch, weshalb Nektarios bereits seit Montag in Athen ist, nahezu direkt nach seiner Rückkehr aus Russland.
Belastete Beziehungen zu Bartholomaios und Ieronymos
Zur Einordnung: Im Oktober 2019 unterbrach das Moskauer Patriarchat die eucharistische Gemeinschaft mit der Kirche von Griechenland, weil diese die autokephale Orthodoxe Kirche der Ukraine anerkannt hatte. Seither erwähnt Kyrill Erzbischof Ieronymos nicht mehr im liturgischen Gedenken. Bereits ein Jahr zuvor, im September 2018, hatte Moskau die namentliche Erwähnung von Ökumenischem Patriarch Bartholomaios eingestellt, ohne die eucharistische Gemeinschaft formal zu brechen.
Nach Russlands Angriff auf die Ukraine spitzten sich die Konflikte weiter zu. Bartholomaios warf der russischen Kirche vor, gemeinsam mit der politischen Führung Verantwortung für die Kriegsverbrechen zu tragen, darunter die Verschleppung ukrainischer Kinder. Moskau reagierte mit dem Vorwurf, Bartholomaios wolle ein neues Schisma herbeiführen. Der Ökumenische Patriarch forderte daraufhin sogar Kyrills Rücktritt, selbst um den Preis einer möglichen Gefängnisstrafe.
Das Moskauer Patriarchat setzt seither Kirchenvertreter, die die ukrainische Autokephalie anerkennen, faktisch auf eine schwarze Liste. Gleichzeitig veröffentlichte es 2019 eine Liste „akzeptierter" griechischer Metropoliten, die diese Anerkennung ablehnten. Nektarios von Korfu gehörte durchgehend dazu, als einer von drei griechischen Metropoliten, die der Ukraine-Entscheidung nicht zustimmten.
Eine kirchliche Quelle bei „Kathimerini" betonte, Nektarios habe „nie seine Russland-Beziehungen verheimlicht", stellte aber die Frage, welche Rolle russische Oligarchen, die Korfu besuchen, bei der Reiseentscheidung gespielt haben könnten. Sie sprach von einer „sehr leichtfertigen Bewegung", die von Moskau politisch ausgenutzt werden könnte.
Was Metropolit Nektarios zu seinem Besuch sagt
Auffällig: Die Metropolis Korfu hat auf ihrer Website bislang nichts über die Reise vermeldet. Nektarios selbst gab der US-Zeitung „Ethnikos Kirikas" jedoch ein Interview und erklärte, er habe für die Reise die Zustimmung der Heiligen Synode eingeholt. „Wir erhielten eine Einladung vom Patriarchen von Moskau. Ich habe sie der Heiligen Synode vorgelegt und um Erlaubnis gebeten, die ich auch erhielt. Der heilige Spyridon gehört der gesamten Orthodoxie, nicht nur Korfu", sagte er.
Zum kirchenrechtlichen Problem, das aus der unterbrochenen eucharistischen Gemeinschaft resultiert, entgegnete Nektarios: „Sobald die Kirche von Griechenland mir die Erlaubnis gegeben hat, hatte ich keinen Grund abzulehnen. Ich bin Mitglied der Hierarchie und da man mir die Erlaubnis erteilte, bin ich gefahren."
Ein anderer Hierarch sagte gegenüber „Kathimerini", die Genehmigung von Reiseanträgen sei normalerweise reine Formsache. Angesichts der Sensibilität dieses Falls hätte es aber eine ausführlichere Prüfung geben müssen, was offenbar unterblieben sei. Ein Vertreter der Heiligen Synode betonte gegenüber Euronews dagegen, es gebe „keinerlei Problem", Nektarios habe eine reguläre Genehmigung erhalten.
Nektarios berichtete zudem, er habe in Moskau Grüße von Erzbischof Ieronymos überbracht, und betonte: „Ich habe keine Ablehnung gegenüber unserer Kirche bemerkt. Patriarch Kyrill erwähnte niemanden namentlich, offensichtlich um mich nicht in eine schwierige Lage zu bringen." Auf die Frage, ob sein Besuch zur Entspannung zwischen den Kirchen beitragen könne, sagte er, er dürfe als Bischof keine offiziellen Stellungnahmen abgeben, sehe die Einladung aber als „Öffnungsschritt". Eine mögliche Vermittlerrolle würde er „sehr gern" übernehmen.
Euronews bat sowohl Nektarios als auch die griechische Regierung um Stellungnahme, bislang jedoch ohne Antwort. Zur Erinnerung: Bereits im vergangenen Dezember hatte das zuständige Ministerium in einem ähnlichen Fall Sensibilität gezeigt, als die Teilnahme griechischer Professoren an einer Tagung in Moskau am Ende abgesagt wurde.