Hitler sollte als "Befreier" erscheinen – heute zeugen die Fundstücke von deutscher Propaganda. Auf dem Piłsudski-Platz in Warschau haben Archäologen verkohlte Reste eines Propagandaplakats entdeckt, das sich an die belarussische Bevölkerung richtete.
Am Dienstag, dem 1. September, waren Archäologen auf dem Piłsudski-Platz in Warschau im Einsatz. Dort laufen derzeit die Vorbereitungen für den Wiederaufbau unter anderem des Sächsischen Palais. Dabei machten die Fachleute einen interessanten Fund. Sie stießen auf Fragmente eines deutschen Propagandaplakats aus der Zeit der Besatzung.
Wie Sławomir Kuliński, Sprecher der Gesellschaft Sächsisches Palais, mitteilte, ist auf den erhaltenen Teilen Adolf Hitler zu sehen. Die Aufschrift ist auf Belarussisch und lautet "Hitler wyzwoliciel" – auf Deutsch: "Hitler, der Befreier". Kuliński erklärte, dass das Material für den Generalbezirk Weißruthenien bestimmt war, der während des Zweiten Weltkriegs zum Reichskommissariat Ostland gehörte.
"Das propagandistische Ziel war simpel: Die deutsche Invasion von 1941 sollte als Befreiung von den Bolschewiken und von Stalin erscheinen, Hitler als Retter", sagte der Sprecher. Mit solchen Materialien versuchten die Deutschen, Teile der lokalen Bevölkerung sowie Menschen, die mit den Besatzern zusammenarbeiteten, auf ihre Seite zu ziehen. Das Plakat mit Hitlers Porträt wurde auch in der Ukraine eingesetzt. Dort war die Aufschrift allerdings auf Ukrainisch. "Das gleiche Porträt ging auch in die Ukraine, aber mit ukrainischer Beschriftung", erklärte Kuliński. Wie die Plakatreste unter den heutigen Piłsudski-Platz gelangten, ist bislang unklar.
Palast Saski: Geschichte und Wiederaufbau
Der Palast Saski gehörte zu den markantesten Gebäuden des Vorkriegs-Warschau. Seine Geschichte reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. An der Stelle des heutigen Komplexes stand damals ein Palais der Familie Morsztyn. Anfang des 18. Jahrhunderts kaufte König August II. der Starke die Residenz. Er ließ sie anschließend erweitern und zu einem repräsentativen Sitz der Wettiner-Dynastie umbauen. Seitdem setzte sich der Name Palast Saski durch.
Im 19. Jahrhundert wechselte der Palast mehrfach seinen Besitzer und seine Funktion. Nach der Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit 1918 wurde er zu einem wichtigen Ort des jungen polnischen Staates. Unter anderem waren dort militärische Institutionen untergebracht. Im Palast Saski arbeiteten auch Mathematiker und Kryptologen, die in den 1930er-Jahren eine entscheidende Rolle bei der Entschlüsselung der deutschen Enigma-Chiffriermaschine spielten.
Die Enigma war eine elektromechanische Rotor-Chiffriermaschine, die vor allem vom deutschen Militär im Zweiten Weltkrieg zur Verschlüsselung von Nachrichten eingesetzt wurde.
Im Zweiten Weltkrieg wurde der Palast fast vollständig zerstört. Im Dezember 1944, nach dem Scheitern des Warschauer Aufstands, sprengten deutsche Einheiten die verbliebenen Gebäudeteile. Vom gesamten Komplex blieb lediglich ein Teil der Kolonnade am Grab des unbekannten Soldaten erhalten. Sie ist bis heute eines der bedeutendsten Symbole des Vorkriegs-Warschau.
Zur Idee eines Wiederaufbaus des Palasts Saski kehrte man erst viele Jahrzehnte später zurück. 2021 verabschiedete das polnische Parlament ein Gesetz zum Wiederaufbau des Palasts Saski, des Brühl-Palasts und der Häuser an der Królewska-Straße. Das Projekt soll die historische Gestalt eines Teils des repräsentativen Stadtzentrums wiederherstellen und zugleich Platz für öffentliche und kulturelle Einrichtungen schaffen. Die Vorbereitungsarbeiten, zu denen auch archäologische Untersuchungen gehören, dienen dabei nicht nur der Planung des Bauprojekts.
Sie sollen auch helfen, die Geschichte des Ortes besser zu verstehen. Bei den Ausgrabungen stoßen Archäologen regelmäßig auf Überreste aus verschiedenen Phasen der Bebauung des Platzes und seiner Umgebung. Zu den jüngsten Funden gehören auch die Fragmente des deutschen Propagandaplakats aus der Zeit der Besatzung.