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Jugendarbeitslosigkeit: Wie verhindert man eine verlorene Generation?

Von Naomi Lloyd, Fanny Gauret, Sabine Sans
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Jugendarbeitslosigkeit: Wie verhindert man eine verlorene Generation?
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Die Verringerung der Jugendarbeitslosigkeit und die wirksame Einbindung möglichst vieler junger Europäer in die Welt der Arbeit sind ein zentraler Punkt auf der Tagesordnung der EU-Politik. Die Coronakrise erhöht die Jugendarbeitslosigkeit und führt zu einer Abkopplung junger Menschen. Thema in Real Economy: steigende Jugendarbeitslosigkeit – wie verhindert man das Heranwachsen einer verlorenen Generation?

Was tun gegen die Jugendarbeitslosigkeitskrise?

Angesichts der Tatsache, dass mehr als drei Millionen junge Menschen in Europa keinen Job finden - und sich die Situation mit der Pandemie noch verschlimmert - spricht man von einer Jugendarbeitslosigkeitskrise.

Sie hat langfristige Auswirkungen: Junge Menschen ohne Job riskieren Depressionen und psychische Probleme, sie verdienen tendenziell ihr ganzes Leben lang weniger - und sie verlassen später ihr Zuhause und gründen später eine Familie. Aber es gibt auch positive Beispiele: Fanny Gauret hat junge Menschen in Belgien getroffen, die eine Arbeit gefunden haben.

Wie Jugendliche in Belgien Arbeit finden

Der 25-jährige Baggio Lorenzino hat in der Nähe von Brüssel einen Jugendarbeitsvertrag. Der ehemalige Elektriker hat gerade seine Ausbildung zum Dachdecker abgeschlossen. Er hofft, sein Einkommen aufzubessern – sein neuer Job wird in der Region sehr nachgefragt.

"Mein Bruder hat mich in das Handwerk eingeführt", erzählt der Dachdecker. "Hier decken wir nur Dachziegel, das ist einfach. Aber mit Schiefer zu arbeiten, ist eine wahre Kunst und macht zudem Spaß. Viele meiner Freunde haben im Moment Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden. Aber mit dieser Ausbildung mache ich mir keine Sorgen. Damit habe ich alle Chancen."

Finanziert wurde seine Umschulung von "Tremplin". Das Programm in der Region Brüssel wird vom Europäischen Sozialfonds finanziert. Verteilt über sieben Jahre hat er ein Budgetrahmen von 18 Millionen Euro. Bisher haben 10.000 18- bis -25-Jährige davon profitiert. Eine von ihnen ist Gamze Celik. Die 19-Jährige macht nach ihrer viermonatigen Ausbildung gerade ein Praktikum:

"Im vergangenen Jahr habe ich die Schule abgeschlossen", erzählt die junge Frau. "Danach wusste ich nicht, was ich machen sollte. Das hat mich sehr verunsichert. Durch die Coronakrise hat sich E-Commerce sehr gut entwickelt. Das hat mich dazu gebracht hat, mich für diesen Bereich zu entscheiden. 01 :56 Der Shop hat auch eine Online-Verkaufsplattform. Ich kümmere mich um Lagerbestand, Verkauf, Bestellungen und Social Media Management wie Facebook, Instagram."

Gamze Celik bereut ihre Wahl nicht: Sie wurde bereits zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. In der Region Brüssel ist die Zahl der Arbeitssuchenden unter 25 Jahren im Vergleich zum Vorjahr um 8 % gestiegen. Die Jugendarbeitslosigkeitsquote liegt bei 25 %. Aber Gamze und Baggio sind voller Hoffnung, dass ihre Berufsträume in Erfüllung gehen werden:

"Unternehmer in der Ausbildung zu sehen, hat mich motiviert. Ich möchte einen Job im E-Commerce finden. Und dann möchte ich mich selbständig machen und anfangen, Abendkleider zu verkaufen", so Gamze Celik. Und Baggio Lorenzino träumt von der eigenen Firma: "In ein paar Jahren wollen mein Bruder und ich ein Unternehmen gründen. Das hat für mich noch einen größeren Wert, etwas selbst auf die Beine zu stellen."

Die Coronakrise hat die Jugendarbeitslosigkeit in Europa verschlimmert

Es gibt weniger Arbeitsmöglichkeiten, und junge Menschen stehen in Konkurrenz zu Arbeitslosen mit mehr Erfahrung.

Die EU plant, mindestens 22 Milliarden Euro zu investieren, um die Beschäftigung von Jugendlichen zu fördern. Wirtschaftswissenschaftler Guntram B. Wolff, Direktor der Bruegel-Denkfabrik, fordert mehr Maßnahmen:

_"22 Milliarden Euro von der EU sind nicht genug, es ist auch nationale Unterstützung für die junge Generation nötig. Die traurige Wahrheit ist, dass Jugendarbeitslosigkeit nicht so schnell sinkt. Nach der jüngsten Finanzkrise hat es zwischen 5 und 10 Jahren gedauert, bis man wieder das Niveau der Jugendarbeitslosigkeit von 2009 erreicht hat. Politische Entscheidungsträger müssen im Auge behalten, wie die Jugend von der Pandemie beeinträchtigt wird."

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Auch wenn es - wie berichtet - positive Beispiele gibt, muss man verhindern, das seine ganze Generation abgehängt wird. Immer mehr junge Menschen sind auf Beschäftigungszentren wie dieses in Brüssel angewiesen. Wie schlimm ist die Situation in Europa - und was wird dagegen an der Spitze getan? Ein Überblick.

Fakten & Zahlen

Bereits 2019 lag die Jugendarbeitslosigkeit in Europa bei 15%.

Dann kam die Pandemie. Jetzt liegt sie bei fast 18% (17,8 %), d.h., dass 3,1 Millionen 15-24-Jährige arbeitslos sind.

Und 4,7 Millionen, wenn man die 15-29-Jährigen mitzählt. Und das sind nur die, die aktiv nach Arbeit suchen. Zählt man all jene mit, die arbeitslos sind und sich nicht in Ausbildung befinden - bekannt als NEETS sind es fast 10 Millionen Menschen (9,6 Millionen zwischen 15 und 29 Jahren).

Um diese Kluft zu überbrücken, hat die EU in den vergangenen 7 Jahren 22 Milliarden Euro investiert, um junge Menschen durch Berufsausbildung und Lehrstellen in Arbeit zu bringen. Und sie wird in den nächsten 7 Jahren mindestens weitere 22 Milliarden investieren.

Das Paket zur Förderung der Jugendbeschäftigung (YES) wird aus dem Europäischen Sozialfonds+ und anderen EU-Fonds finanziert. Damit wird die Zusage aufrechterhalten, dass jungen Menschen, die sich bei der Jugendgarantie anmelden, innerhalb von vier Monaten ein Stellen-, Bildungs-, Ausbildungs- oder Weiterbildungsangebot vermittelt wird.

Interview mit dem EU-Kommissar für Beschäftigung und soziale Rechte

Was die Europäische Kommission gegen Jugendarbeitslosigkeit unternimmt, erklärt der EU-Kommissar für Beschäftigung und soziale Rechte Nicolas Schmit im euronews-Interview.

euronews-Reporterin Naomi Lloyd:
Es gibt derzeit drei Millionen junge Menschen in Europa, die keinen Job finden. Ist das eine verlorene Generation?

Nicolas Schmit:
Wir müssen eine neue verlorene Generation verhindern. Wir kommen gerade aus einer Zeit, in der aufgrund der Finanz- und der daraus folgenden Wirtschaftskrise eine verlorene Generation entstand. Deshalb hat die Kommission sehr schnell und sehr mutig reagiert, auch mit der Verabschiedung des Jugendbeschäftigungsförderungsprogramms. Denn es war uns sehr wohl bewusst, dass es das Risiko einer verlorenen Generation gibt. Wir können nicht in so kurzer Zeit zwei verlorene Generationen entstehen lassen.

Euronews:
Nach der Finanzkrise dauerte es ein Jahrzehnt, bis die Jugendarbeitslosigkeit wieder auf das Niveau davor sank. Was ist heute anders?

Nicolas Schmit:
Weil die Situation eine andere ist. Diese Krise ist anders, die Reaktion darauf ist ganz anders. Nach der Finanzkrise gab es eine sehr strenge Sparpolitik. Diesmal haben wir ein großes Investitionsprogramm, um die Wirtschaft zu beleben, um Arbeitsplätze zu schaffen; um den Übergang in eine grüne, digitale Wirtschaft zu begleiten, und auch viele andere Bereiche zu fördern.

Euronews:
Es gibt gut ausgebildete und hoch qualifizerte junge Arbeitskräfte, für die es nicht genügend Jobs gibt, oder?

Nicolas Schmit:
Es gibt Arbeitsplätze. Es gibt Sektoren, in denen es offene Stellen gibt, aber manchmal fehlen auch die jungen Fachkräfte. Die Ausbildungsprofile stimmen nicht mit den Anforderungen dieser Arbeitsplätze überein. Deshalb müssen wir schnell reagieren. Es gibt übrigens seit 2013 eine sogenannte Jugendgarantie. Wir müssen jungen Menschen vielleicht eine zusätzliche Ausbildung, eine zusätzliche Umschulung für vorhandene Arbeitsplätze anbieten.

Euronews:
Es gibt die Kritik, dass die 22 Milliarden Euro der EU nicht ausreichen.

Nicolas Schmit:
_Vielleicht ist es nie genug, aber immerhin ist es eine Richtgröße. Es sind nicht 20 Milliarden Euro und das wars. Es gibt eine Menge anderer Mittel durch die Aufbau- und Resilienzfazilität. Wir müssen einen großen Teil dieses Geldes nutzen, um Arbeitsplätze zu schaffen und die Jugend in diese Jobs zu vermitteln._

Cutter • Nicolas Coquet

Weitere Quellen • Produktion: Camille Cadet; Kamera Brüssel: Bram Verbeke, Pierre Holland and Jorne Van Damme; Motion Design: NEWIC https://www.agence-newic.com