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EU-Hilfe und Solidarität für ukrainische Flüchtlinge

Von Naomi Lloyd  & Fanny Gauret, Sabine Sans
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EU-Hilfe und Solidarität für ukrainische Flüchtlinge
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Diese Real Economy-Folge kommt aus Österreich: Es geht um die Hilfe, die die EU Ukrainern gewährt, die in der EU Arbeit suchen. Wir haben eine Ukrainerin getroffen, die einen Sommerjob in der Tourismusbranche gefunden hat sowie eine weitere Ukrainerin in einem Wiener-Personalservice-Center. Im Interview steht Johannes Kopf Rede und Antwort, der Leiter der österreichischen öffentlichen Arbeitsverwaltung und des Netzwerks der europäischen öffentlichen Arbeitsverwaltungen (PES-Netzwerk).

Das EU-Netzwerk der öffentlichen Arbeitsverwaltungen umfasst alle 27 EU-Länder, Norwegen, Island und Liechtenstein sowie die Europäische Kommission; es ermöglicht den Mitgliedern, bewährte Praktiken zu teilen sowie Ideen und Erfahrungen auszutauschen.

Das Netzwerk spielt eine Schlüsselrolle beim Abgleich der Qualifikationen von neu angekommenen Ukrainern mit den Anforderungen des Arbeitsmarktes und hat öffentlich seine Solidarität mit den Ukrainern und sein Engagement für die Unterstützung von Kriegsflüchtlingen zum Ausdruck gebracht

Wie schwierig ist es für Ukrainer, einen Job in der EU zu finden?

Diese Real-Economy-Folge kommt aus Wien, wir begleiten ukrainische Flüchtlinge bei der Jobsuche. Ukrainer, die vor dem russischen Krieg in ihrem Land fliehen, haben das Recht, bis zu drei Jahre lang in der EU zu leben und zu arbeiten - aber wie schwierig ist es, einen Job zu finden? Und was bedeutet dieser Zustrom von Flüchtlingen für die europäischen Arbeitsmärkte und die Wirtschaft? Aber zuerst gibt es einen Überblick über die Unterstützung der EU

EU-Unterstützung für ukrainische Flüchtlinge

Seit dem Beginn des russischen Krieges in der Ukraine sind mehr als 7 Millionen Ukrainer aus ihrem Land geflohen, schätzungsweise 2 Millionen sind in ihre Heimat zurückgekehrt.

Die meisten von ihnen sind Frauen und Kinder. Sie haben das Recht, bis zu drei Jahre lang in der EU zu leben und zu arbeiten, haben aber viele Schwierigkeiten, eine Beschäftigung zu finden: Sie sprechen nicht immer die Sprache, die Kinder müssen betreut werden, ihre Qualifikationen werden vielleicht nicht anerkannt und sie leiden möglicherweise unter schweren Traumata.

Um ihnen zu helfen, bietet die EU Sprachkurse und Schulungen sowie Leitlinien auf Ukrainisch für den Zugang zum Arbeitsmarkt an. Sie hilft Arbeitgebern in der EU, ukrainische Qualifikationen zu verstehen und anzuerkennen, und hat den Europass, mit dem man einen europaweit verwendbaren Lebenslauf erstellen kann, ins Ukrainische übersetzt. Außerdem wird ein "EU-Talentpool" eingerichtet, um die Fähigkeiten ukrainischer Flüchtlinge mit freien Stellen abzugleichen.

Das EU-Kompetenzprofil-Tool wurde ebenfalls ins Ukrainische übersetzt. Das Tool hilft dabei, die Fähigkeiten, Qualifikationen und Berufserfahrung von Flüchtlingen, Migranten und Bürgern aus Nicht-EU-Ländern, die sich in der EU aufhalten, zu erfassen. Anschließend gibt es individuelle Ratschläge für die nächsten Schritte, z. B. wie sie ihre Abschlüsse anerkennen lassen können und wohin sie sich wenden können, um eine Weiterbildung zu absolvieren oder Unterstützung bei der Arbeit zu erhalten. Es wird bald Teil der Europass-Plattform werden.

Wie schwierig ist es, in Österreich Arbeit zu finden?

In Österreich haben sich über 40.000 ukrainische Flüchtlinge dafür entschieden, mit ihren Kindern im Land zu bleiben. Eine befristete Aufenthaltsgenehmigung erlaubt es ihnen, im Land zu leben und zu arbeiten.

Welche beruflichen Möglichkeiten haben diese Menschen, meist Frauen mit Kindern? Und wie hilft ihnen das Land? Euronews hat zwei Ukrainerinnen bei der Jobsuche begleitet.

Wir sind im Süden des Landes in der Region Kärnten, die für ihre Berge und Seen bekannt ist. Nataliia Voznyuk ist Kosmetikerin. Als sie in einem örtlichen Flüchtlingszentrum ankam, bot man ihr in diesem Hotel eine Unterkunft und einen Job als Hilfskellnerin an.

"Mir gefällt die Arbeit, ich habe einen Vertrag bis September, dann werde ich sehen, wie sich die Situation in der Ukraine entwickelt", erzählt Nataliia Voznyuk von ihren ersten Erfahrungen. 

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In der Ukraine übte Nataliia Voznyuk ihren Beruf als Kosmetikerin aus, in Österreich fand sie eine Stelle als Hilfskellnerineuronews

Die Tourismusbranche in Österreich boomt, seit 2019 hat sich die Zahl der offenen Stellen im Hotel- und Gastgewerbe verdoppelt, viele Arbeitgeber finden kein Personal. Für die Hotel-Personalabteilungsleiterin war es eine naheliegende Entscheidung, ihre freien Zimmer und Stellen ukrainischen Flüchtlingen für die Sommersaison anzubieten:

"Das sind ca. jetzt um die 60 oder 70 Personen, von denen ca. 29 bei uns arbeiten", erzählt Alexandra Tiefenbacher. "In allen Bereichen: in der Küche, im Restaurant, Housekeeping, Haustechnik, in der Kinderbetreuung. Und das läuft recht gut. Es ist natürlich eine Sprachbarriere vorhanden, aber man kann es handeln."

Nataliia spricht ein bisschen Englisch, sie kann sich mit ihren Kollegen verständigen. Aber den Zeitplan ihres Saisonjobs mit der Betreuung ihreR 5-jährigen Tochter in Einklang zu bringen, ist kompliziert, erzählt sie: "Es ist schwierig. Es gibt hier ein Kinderspielzimmer, aber es ist nur bis 16.30 Uhr geöffnet. Wenn ich bis 23.00 Uhr arbeite, muss ich jemanden bitten, auf sie aufzupassen."

In Österreich fehlen auch in Bereichen wie dem Gesundheitswesen und der IT-Branche qualifizierte Arbeitskräfte. Aber auch wenn die Hälfte der hier registrierten ukrainischen Flüchtlinge einen Hochschulabschluss hat, ist es für sie schwierig, eine dieser Stellen zu bekommen.

Schwierige Anerkennung von Abschlüssen

Zurück in Wien trifft euronews-Reporterin Fanny Gauret Ganna Zhygun , Mutter von drei Kindern und Deutschlehrerin. Die Reporterin begleitet sie auf ihrem Weg zu einem Jobcenter für Flüchtlinge.

"Das wichtigste war für mich, die Schulplätze für meine eigenen 3 Kinder zu finden", erzählt die Ukrainerin. "Und nachdem die Schulplätze gefunden waren, bin ich jetzt auf der Suche nach einer Arbeitsstelle.

Sie würde gerne als Deutschlehrerin arbeiten, um anderen Flüchtlingen die Sprache beizubringen. Aber ihr Diplom wird in Österreich nicht anerkannt: "Diese Bildungsunterlagen muss man hier übersetzen, anerkennen, d.h. nostrifizieren. Das ist ein Problem für mich. Das dauert lange Zeit", so Ganna Zhygun.

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Die ukrainische Deutschlehrerin Ganna Zhygun bei der Arbeitsberatung in Österreicheuronews

Die Mitarbeiter des Arbeitsamtes unterstützen Ganna bei diesem Prozess: "Wir begleiten auch zu diesen Terminen, übersetzen auch, also helfen da, wo es notwendig ist", so Marjana Celebi, Mitarbeiterin beim itworks-Personalservice. "Das Ziel ist es, ein großes Netzwerk aufzubauen, uns auch mit den Kooperationspartnern kurzzuschließen, um so schnell wie möglich auch die Hilfe anbieten zu können."

In der Zwischenzeit erhält die Ukrainerin, wie andere in Österreich registrierte Flüchtlinge, den Mindestlohn und eine Krankenversicherung.

Herausforderung der erfolgreichen Integration ukrainischer Flüchtlinge

Wie meistert Europa die Herausforderung der erfolgreichen Integration ukrainischer Flüchtlinge? Auf diese Frage antwortet Sandra Leitner, eine Expertin für Migrationsbewegungen:

"Wenn es nur um die Integration in den Arbeitsmarkt geht, wenn wir kulturelle Aspekte und die politischen Auswirkungen außer Acht lassen, haben wir aus den vorangegangenen (Migrations-)Wellen viel darüber gelernt, was wirklich wichtig ist, um den Übergang in den Arbeitsmarkt zu erleichtern: Es geht um Sprache, Bildung und die Anerkennung von Qualifikationen. Wenn all diese Elemente vorhanden sind, kann meiner Meinung nach jeder willkommen sein", so die leitende Ökonomin, Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche

Wie geht Europa mit dem Zustrom ukrainischer Flüchtlinge um?

Zu dieser Thematik hat euronews-Reporterin Naomi Lloyd den Leiter des Europäischen Netzwerks der öffentlichen ArbeitsverwaltungenJohannes Kopf, der in Wien arbeitet, interviewt.

Das EU-Netzwerk der öffentlichen Arbeitsverwaltungen umfasst alle 27 EU-Länder, Norwegen, Island und Liechtenstein sowie die Europäische Kommission, es ermöglicht ihnen, bewährte Praktiken sowie Ideen und Erfahrungen auszutauschen.

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Der Vorsitzende des Europäischen Netzwerks der öffentlichen Arbeitsverwaltungen Johannes Kopf im Interview mit euronews-Reporterin Naomi Lloydeuronews

Euronews-Reporterin Naomi Lloyd: "Sie sind der Generaldirektor des österreichischen Arbeitsmarktservices. Sie sind auch der Leiter des europäischen Netzwerks. Wie gehen Sie mit dem Zustrom von ukrainischen Flüchtlingen auf europäischer Ebene um?"

Johannes Kopf, Vorsitzender des Europäisches Netzwerks der öffentlichen Arbeitsverwaltungen (PES): "Das Thema kam nur wenige Tage nach Beginn dieses schrecklichen Krieges auf, als unsere polnischen Kollegen das Netzwerk darüber informierten, dass die ersten Ukrainer auftauchen und Hilfe brauchen werden. Und das führte zu einer großen Welle der Solidarität innerhalb der öffentlichen Arbeitsverwaltungen in ganz Europa. Einige Staaten wie Schweden, Deutschland und natürlich Österreich haben in der Flüchtlingskrise 2015/2016 und danach viel Erfahrung gesammelt. Zum Beispiel, wie man den Prozess der Anerkennung von Qualifikationen oder wie man individuelle Qualifikationsnachweise in der Muttersprache organisiert."

Euronews: "Es ist nicht abzusehen, wie lange dieser Krieg noch dauern wird, die Ukrainer wollen zurück in ihre Heimat. Wie kann man sie unter diesen Umständen in die Arbeitswelt in Europa integrieren?"

Johannes Kopf:"Derzeit sind die meisten Flüchtlinge Frauen mit kleinen Kindern, und sie haben natürlich unterschiedliche Bedürfnisse. Das Wichtigste ist, dass es einen Bedarf an Kinderbetreuung gibt. Österreich muss genügend Plätze in Schulen und in Kindergärten organisieren. Und der nächste Schritt ist dann der Eintritt in den Arbeitsmarkt. Natürlich gibt es freie Stellen und Unternehmen, die wirklich händeringend nach Fachkräften suchen und jetzt die Hoffnung haben, zum Beispiel I.T.-Experten aus der Ukraine zu finden. Das ist klar. Aber ich mag es eigentlich nicht, Asyl- oder Flüchtlingsthemen mit dem Arbeitsmarktbedarf zu vermischen. Und ja, es ist besser, all diese Menschen zu integrieren, als ihnen nur Sozialleistungen zu zahlen. Aber zuerst, und das ist das Wichtigste, ist es eine Frage der Humanität."

Cutter • Silvia Lizardo

Weitere Quellen • Produktion: Louise Lehec; Kamera: Mathieu Rocher, Daniel Scherrer, Daniel Zanetti, Humam Samakeh; Motion Design: NEWIC https://www.agence-newic.com