Zu Europas wichtigsten Start-ups für Fusionsenergie zählt Proxima Fusion. Das Unternehmen setzt auf Stellaratoren - eine bislang kaum genutzte Technologie.
Seit Beginn des Krieges im Iran am 28. Februar steht Energie wieder im Zentrum der internationalen Schlagzeilen.
Der Konflikt und die Entscheidung Irans, die Lieferungen durch die Straße von Hormus – eine zentrale Route für den weltweiten Öltransport – drastisch einzuschränken, haben nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur (Quelle auf Englisch) zur größten Angebotsstörung in der Geschichte des Ölmarkts geführt.
Die Krise veranlasst europäische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, die Abhängigkeit von importierten fossilen Energieträgern zu hinterfragen und verstärkt nach heimischen Alternativen zu suchen.
Als Alternativen gelten erneuerbare Energien und Kernenergie. Letztere meint nicht nur die bekannte, stark umstrittene Kernspaltung.
Es gibt noch eine andere Form der Kernenergie: Fusionsenergie. Sie könnte nach Ansicht mancher Fachleute Europas Energiekrise langfristig mit entschärfen.
Für Francesco Sciortino, Mitgründer und Geschäftsführer des deutschen Start-ups Proxima Fusion, übernimmt Fusionsenergie sogar „alle Rollen“, wenn es darum geht, die Energiesicherheit in Europa zu stärken.
Doch was ist Kernfusion genau? Und welche Technologie setzt Proxima Fusion ein, um sie zu erzeugen?
Fusionsenergie: Verspricht sie eine neue Energiequelle?
Fusionsenergie ist neben der Kernspaltung eine von zwei Möglichkeiten, durch Kernreaktionen Energie zu erzeugen.
Die Kernspaltung ist der bekanntere Prozess, der üblicherweise mit Atomkraftwerken und Atommüll verbunden wird. Dabei entsteht Energie, wenn der Kern eines schweren Atoms gespalten wird.
Die Kernfusion, auch Fusionsenergie genannt, erzeugt dagegen Energie, indem sie die Kerne leichter Atome verschmilzt.
Nach Angaben der Internationalen Atomenergie-Organisation (Quelle auf Englisch) (IAEO) kann Fusionsenergie pro Kilogramm Brennstoff bis zu viermal so viel Energie liefern wie Kernspaltung und fast vier Millionen Mal so viel wie das Verbrennen von Öl oder Kohle.
Hinzu kommt: Fusionsenergie verursacht keine CO2-Emissionen, erzeugt keinen langlebigen radioaktiven Abfall, gilt als sicherer als Kernspaltung und lässt sich besser vorhersagen als Wind- oder Solarstrom.
Das klingt vielversprechend, doch Fusionsenergie ist noch keine kommerzielle Realität.
Eine Fusionsreaktion zu zünden und aufrechtzuerhalten ist technisch extrem anspruchsvoll und erfordert enorme Energiemengen. Fachleute müssen erst noch zeigen, dass sie unter realen Bedingungen mehr Energie und letztlich auch Geld erzeugen kann, als sie verschlingt.
Proxima Fusion und die Stellarator-Technologie
Zu den Projekten, die dieses Ziel verfolgen, gehört Proxima Fusion, ein in München ansässiges Start-up, das 2023 aus dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik hervorgegangen ist.
Im Unterschied zu den meisten europäischen und internationalen Fusionsprojekten wie JET und ITER setzt Proxima Fusion nicht auf Tokamaks, sondern auf sogenannte Stellaratoren, um die Fusionsreaktion zu erzeugen.
Beide Technologien nutzen ringförmige Anlagen, die mit Magnetfeldern ein Plasma einschließen – einen besonderen Materiezustand und eine Schlüsselzutat der Fusion. Sie unterscheiden sich vor allem darin, wie sie das Plasma stabil halten und auf die extrem hohen Temperaturen bringen, die die Fusion benötigt.
Beide Ansätze haben Vor- und Nachteile. „Stellaratoren sind schwieriger zu entwerfen, schwieriger zu bauen, aber sie sind leichter zu betreiben, sie können durchgehend laufen und sie können von Natur aus stabil sein“, sagt Sciortino.
Noch sind Stellaratoren weniger verbreitet als Tokamaks. Nach Einschätzung der IAEO (Quelle auf Englisch) könnten sie sich aber zur bevorzugten Option für künftige Fusionskraftwerke entwickeln. Proxima Fusion arbeitet genau in diese Richtung.
„Alpha ist das letzte Gerät, das wir bauen müssen, bevor wir zu einem ersten Fusionskraftwerk unter kommerziellen Betriebsbedingungen übergehen“, sagt Sciortino. Alpha ist ein Demonstrator. Er soll zeigen, wie der Stellarator funktioniert und ob er einen Nettoenergiegewinn erreicht – ob das Plasma also so viel Energie erzeugen kann, wie zu seiner Aufheizung nötig ist.
Alpha befindet sich derzeit in der Fertigung. Nach Angaben Sciortinos soll die Anlage Anfang der 2030er Jahre in Betrieb gehen.
Zusätzlich zu Alpha arbeitet Proxima Fusion an Stellaris, der nach eigenen Angaben weltweit ersten kommerziellen Fusionsanlage.
„Unser Ziel ist etwas, das sich in großem Maßstab ausrollen lässt. Und damit das gelingt, müssen wir Geld verdienen, also wirtschaftlich sein – kurz gesagt: ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln“, so Sciortino.
Stellaris soll in der zweiten Hälfte der 2030er Jahre ans Netz gehen, etwas später als Alpha.
„Wir sind an einem Punkt, an dem wir eine neue Branche schaffen“, sagt er. „Es geht nicht nur um ein einzelnes Unternehmen. Die ganze Lieferkette muss in ihre Fähigkeiten investieren, damit sich dieses Feld schneller entwickelt als je zuvor. Die Geschichte der Fusion hat praktisch erst begonnen.“
Deutschlands und Europas Fusionszukunft
Das Kraftwerk Stellaris ist auf dem Gelände eines ehemaligen Kernspaltkraftwerks im bayerischen Gundremmingen geplant. Deutschland hat den Ausstieg aus der Kernspaltung im April 2023 abgeschlossen und steckt nun Geld in den Aufbau der Fusionsenergie.
Im Oktober 2025 stellte das Kabinett von Bundeskanzler Friedrich Merz einen [Aktionsplan](https://www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Publikationen/DE/7/1112618%5FAktionsplan %28Quelle auf Englisch%29%5FFusion.pdf?%5F%5Fblob=publicationFile&v=10) vor, der die Entwicklung der Fusionstechnologie unterstützen und beschleunigen soll. Mit diesem Plan will die Bundesregierung bis 2029 mehr als zwei Milliarden Euro in den Bau eines Fusionskraftwerks investieren.
Auch wenn Proxima Fusion nicht aus diesem Grund in Deutschland entstanden ist, hält Sciortino die Bundesregierung für sehr offen gegenüber den Chancen der Fusionsenergie.
„In Deutschland ist dieses Bewusstsein viel schneller gewachsen, als wir gedacht hätten“, sagt er.
Seiner Ansicht nach bietet Fusion Europa eine außergewöhnliche wirtschaftliche Chance: „Vielleicht sogar mehr als jedem anderen Kontinent, weil wir Souveränität brauchen, weil wir kaum eigene Rohstoffe haben, weil wir unsere Photovoltaikmodule nicht selbst produzieren und weil Windenergie aus wirtschaftlicher Sicht nicht so gut funktioniert.“
Skeptische Stimmen
Trotz der großen Erwartungen an die Fusionsenergie äußern sich manche Fachleute deutlich zurückhaltender zu ihrem tatsächlichen Potenzial.
In einer vor Kurzem in Nature Energy (Quelle auf Englisch) veröffentlichten Studie argumentieren Forschende, dass die künftigen Kosten von Fusionskraftwerken sehr unsicher seien und die sogenannten Erfahrungsraten häufig überschätzt würden.
Eine Erfahrungsrate gibt an, um wie viel Prozent sich die Kosten einer Technologie verringern, wenn sich ihre insgesamt installierte Leistung verdoppelt.
„Eine Technologie mit hoher Erfahrungsrate verzeichnet mit wachsender Produktion einen deutlich stärkeren Kostenrückgang. Eine Technologie mit niedriger Erfahrungsrate bleibt dagegen selbst nach einem massiven Ausbau relativ teuer“, erläutert Lingxi Tang, eine der Studienautorinnen und Doktorandin an der ETH Zürich, gegenüber Euronews Next.
Frühere Studien gingen davon aus, dass Fusionskraftwerke Erfahrungsraten von acht bis 20 Prozent erreichen könnten. Die nun veröffentlichte Studie von Tang und ihren Kolleginnen und Kollegen legt jedoch nahe, dass die Erfahrungsraten eher im Bereich von zwei bis acht Prozent liegen.
Die große Differenz erklärt Tang mit mangelnder Begründung in einigen früheren Analysen und mit einem möglichen „Optimismus-Bias“: „Vor allem in der privaten Investorengemeinschaft sind viele in ihrem Denken voreingenommen. Sie neigen dazu, auf ein sehr optimistisches Ergebnis zu setzen“, sagt sie.