Web3-Gipfel in Berlin: Entwicklerinnen, Ökonomen und Aktivisten diskutieren, ob dezentrale Technologien das Netz wirklich in die Hände der Nutzer zurückbringen.
Bei der fünften Ausgabe des von den Organisatoren so genannten „Festivals für digitale Freiheit“ ging die Debatte über Blockchain über Bitcoin und Krypto-Spekulation hinaus.
Im Mittelpunkt stand nun die größere Frage: Kann dezentrale Technologie die wachsende Macht der großen Tech-Konzerne über Daten, künstliche Intelligenz und die digitale Wirtschaft in Frage stellen?
Kern der Diskussion ist, ob Web3 sein ursprüngliches Versprechen einlösen kann – ein Internet, in dem Nutzerinnen und Nutzer ihre digitalen Leben wirklich besitzen und kontrollieren.
„Weniger Vertrauen, aber mehr Wahrheit“ kristallisierte sich als eines der zentralen Themen des Gipfels heraus. Die Idee dahinter: Das Vertrauen in Institutionen mag schwinden, doch Technologie lässt sich dennoch nutzen, um besser überprüfbare Systeme zu schaffen.
Entwicklerinnen und Entwickler, Ökonominnen, Ökonomen und Aktivistinnen und Aktivisten loten aus, wie Blockchain die Eigentums- und Verteilungsstrukturen digitaler Informationen verändern könnte.
Bill Laboon, Vizepräsident für technische Abläufe bei der Web3 Foundation, sieht persönliche Daten inzwischen als eines der wertvollsten Güter der digitalen Wirtschaft.
„Im Laufe eines digitalen Lebens schenkt ein Mensch verschiedenen Unternehmen einen Wert von rund 162.000 Dollar (141.000 Euro) – ohne es zu merken“, sagte er. Der Aufstieg der KI mache die Frage nach den Eigentumsrechten an Daten noch dringlicher.
„Die Gefahr bei KI liegt oft in den Daten, die sie von Ihnen erhält. Wir wollen nicht, dass sie Ihre ganz persönlichen Informationen kennt“, sagte er.
Machtkampf im digitalen Raum
Für den Ökonomen und Autor Yanis Varoufakis dreht sich die Debatte letztlich darum, wer die Infrastruktur kontrolliert, die die moderne Gesellschaft prägt.
Der frühere griechische Finanzminister warnt seit Langem, dass Technologiekonzerne eine beispiellose Macht über digitale Systeme angehäuft haben. Das Ergebnis sei, wie er es nennt, ein „Technofeudalismus“.
„Jedes politische System, das an diesem Konflikt zwischen den Interessen der vielen und den Interessen einiger weniger krankt, lässt sich nur durch demokratisches Handeln verbessern“, sagte er.
Er erkennt zwar an, dass Web3 sinnvolle Anwendungen bietet. Zugleich bezweifelt er, dass Technologie allein die Dominanz der Tech-Giganten brechen kann.
Blockchain für das Gemeinwohl
Andere auf dem Gipfel sind überzeugt: Die frühen Versprechen von Web3 sind zwar von Spekulation überlagert worden, doch dezentrale Systeme können weiterhin alternative Wirtschaftsmodelle stützen.
Joshua Davila, Gründer von The Blockchain Socialist, ist überzeugt, dass Blockchain Gemeinschaften hilft, neue Formen gemeinsamen Eigentums aufzubauen.
„Inspiriert von der bestehenden Solidarökonomie, also Genossenschaftsbanken und kooperativen Bewegungen, haben wir eine Reihe von Anwendungen entwickelt. Sie sollen lokale Währungen und Kreditgenossenschaften in einem System zusammenführen“, sagte er.
„Unser Ziel ist ein Ort, an dem Sie Ihr Geld anlegen und die Zinsen daraus direkt in das fließen, was Sie unterstützen“, fügte er hinzu.
Mit dem Vormarsch der KI verschärft sich das Ringen um die Kontrolle der digitalen Infrastruktur. Befürworter und Kritiker von Web3 sehen in Dezentralisierung gleichermaßen eine Chance, Macht neu zu verteilen. Ob die Technologie das leisten kann, ohne neue Ungleichheiten zu schaffen, bleibt jedoch umstritten.