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Bergtouren für Likes: Wenn Social-Media-Trends zur Gefahr werden

Symbolbild: Mitglieder der Bergrettung stehen am Donnerstag, 19. Juni 2014, früh neben dem Eingang der Riesending-Höhle in der Nähe von Marktschellenberg in Süddeutschland
Symbolbild: Mitglieder der Bergrettung stehen am Donnerstag, 19. Juni 2014, früh neben dem Eingang der Riesending-Höhle in der Nähe von Marktschellenberg in Süddeutschland Copyright  Nicolas Armer/AP
Copyright Nicolas Armer/AP
Von Sonja Issel & Johanna Urbancik
Zuerst veröffentlicht am
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Immer mehr Wanderer orientieren sich bei der Tourenplanung an Social Media. Bergwacht und Rettungsdienste sehen darin einen wachsenden Risikofaktor. Denn: Videos und Bilder vermitteln oft einen Eindruck von Leichtigkeit, der mit der Realität in den Bergen wenig zu tun hat.

Ohne jegliche Erfahrung Deutschlands höchsten Berg, die Zugspitze, zu besteigen? Klingt gefährlich, ist aber möglich - zumindest, wenn man sich die Videos manch junger Wanderer auf TikTok anschaut.

Ein Nutzer mit über 3.000 Followern auf der beliebten Social Media-App nimmt seine Follower mit auf sein 14-stündiges Abenteuer auf der Zugspitze. Ausgerüstet ist er lediglich mit einer Stirnlampe, warmer Kleidung und einem Rucksack. Lange geht der Aufstieg gut, doch nach 17 Kilometern beklagt er, dass er nur noch langsam vorankommt. Angekommen ist er am Ende trotzdem und erklärt, es sei zwar sehr anstrengend und eine echte Herausforderung gewesen, aber insgesamt "ganz gut".

Videos dieser Art häufen sich auf den sozialen Medien: so war Wandern früher etwas für ältere Leute, zieht es nun die Gen-Z an. Doch auch dieser Trend hat seine Schattenseiten. Immer mehr Hobbywanderer wagen sich an gefährliche Aufstiege - oft ohne alpine Erfahrung, dafür mit teurer Outdoor-Mode. Versehen sind ihre Videos oft mit dem Hashtag "Gorpcore".

Darunter versteht man funktionale Outdoor-Bekleidung, die als Streetwear getragen wird: Fleece, Hardshell- und Daunenjacken, Cargohosen, Wanderschuhe und Rucksäcke. In sozialen Medien hat sich der Begriff jedoch weiterentwickelt und steht nun zunehmend auch für das Wandern selbst.

Gorpcore-Look in den Bergen: Der TikTok-Account 4vsdunya zeigt Wanderungen und Touren, die in sozialen Medien große Reichweite erzielen
Gorpcore-Look in den Bergen: Der TikTok-Account 4vsdunya zeigt Wanderungen und Touren, die in sozialen Medien große Reichweite erzielen 4vsdunya

Wer nach entsprechenden Inhalten sucht, stößt auf zahlreiche Wander- und Bergvideos, darunter auch Aufnahmen von offensichtlich anspruchsvollen und riskanten Routen. Das weckt bei vielen die Lust, es selbst auszuprobieren.

Doch nicht für alle geht das gut aus: Für manche endet das Abenteuer im Rettungshubschrauber der Bergwacht. Auch die Bergrettung im österreichischen Tirol bemerkt, wie stark Online-Trends das Wanderverhalten beeinflussen und beklagt, dass durch die sozialem Medien "ein verzerrtes Bild vom Extremwandern" entstehe.

"Alles, was auf Social Media gepostet wird, kann die Gefahren und Schwierigkeiten einer Bergtour nicht realistisch abbilden, da meist nur schöne, spektakuläre Bilder gezeigt werden", so Christian Eder, Landesausbildungsleiter Alpin und Leiter der Akademie der Bergrettung Tirol, im Gespräch mit Euronews. Aus einem vorerst harmlosen Trend ist damit für viele ein Abenteuerversprechen geworden – mit Routen, die es oft in sich haben.

Fälle mit unvorbereiteten Wanderern mehren sich

Wie riskant so eine unvorbereitete Wanderungen auf anspruchsvollen Routen sein können, zeigte ein Vorfall vom November vergangenes Jahres.

Zwei junge Erwachsene mussten in den Allgäuer Alpen von der Bergwacht gerettet werden, nachdem sie schlecht ausgerüstet und ohne Erfahrung eine anspruchsvolle Tour begonnen hatten. Nach Angaben der Bergwacht hatten die beiden ihre Wanderung mithilfe von TikTok geplant.

In schneebedecktem Gelände auf rund 2.000 Metern Höhe nahe der österreichischen Grenze gerieten sie dann jedoch in eine Notlage: sie trauten sich Weder voran noch zurück und setzten schließlich einen Notruf ab.

Ob Gewitter, plötzlicher Schneefall oder ein Sturm: die Wetterlage kann sich in den Bergen in kürzester Zeit drastisch ändern
Ob Gewitter, plötzlicher Schneefall oder ein Sturm: die Wetterlage kann sich in den Bergen in kürzester Zeit drastisch ändern © KEYSTONE / ANTHONY ANEX

Ein Rettungshubschrauber brachte die beiden mithilfe einer Seilwinde in Sicherheit und flog sie zur Rettungswache, wie die Bergwacht Hinterstein auf Facebook mitteilte. Die beiden Erwachsenen seien ihnen zufolge "völlig falsch ausgerüstet und unerfahren" gewesen.

Derartige Fälle gibt es laut Aussagen Eders immer wieder: "Wir haben immer wieder mit sehr unerfahrenen Leuten zu tun die in eine missliche Lage gekommen sind oder sich sogar verletzt haben."

Ob die Vorfälle mit Social Media in Verbidnung stehen, könne jedoch nicht direkt nachgewisen werde, da keinerlei Statstiken dazu geführt werden. "Unsere Erfahrung zeigt aber schon, dass, seid die Sozialen Medien so präsent sind, Unfälle mit unerfahrenen Leuten vermehrt auftreten."

DRK: Social-Media sorgt für falschen Eindruck

Insbesondere seit der Corona-Pandemie habe der Drang, wieder hinaus in die Natur zu gehen, deutlich zugenommen, sagt Professor Dr. Volker Lischke, Mitglied der Bundesleitung Bergwacht im Deutschen Roten Kreuz, zu Euronews.

Manchmal problematisch sei dabei vor allem der Einfluss sozialer Medien.

Der Einfluss sozialer Medien sei hier in einigen Fällen problematisch, da dort immer wieder Bilder und Videos von Touren veröffentlicht würden, die erfolgreich und scheinbar mühelos absolviert worden seien. Wer solche Inhalte sehe, bekomme leicht den Eindruck, die Routen seien problemlos zu bewältigen, erklärt Lischke.

Dabei bleibe oft unbeachtet, dass entscheidende Faktoren wie Wetter, Wegebeschaffenheit, die eigene Kondition oder die allgemeine Umgebungssituation nicht immer vergleichbar seien. Genau daraus entstünden dann die eigentlichen Schwierigkeiten.

"Für viele, die diese schönen Orte wie Bergseen, Berggipfel oder Aussichtspunkte erreicht haben und das problemlos geschafft haben, gilt: Sie posten das in den sozialen Medien", ergänzt Lischke. Der unvorbereitete Leser oder Zuschauer glaube dann, er könne das ebenfalls tun. "Was dabei aber häufig vergessen oder übersehen wird, ist, dass die Lage - also Wetter, Wegverhältnisse und Vieles mehr – eben nicht immer identisch ist."

Zudem beobachtet Prof. Dr. Lischke, dass professionelle Ratgeber zunehmend seltener genutzt würden. Stattdessen vertrauten viele Menschen bei der Tourenplanung auf Inhalte aus sozialen Netzwerken - so auch im Fall der beiden TikToker, die im November gerettet werden mussten.

Zwar gebe es nach wie vor klassische Tourenführer, die heute auch digital verfügbar seien. Doch die Bereitschaft, sich intensiv mit der Tourenvorbereitung auseinanderzusetzen, nehme bei einigen Menschen ab. "Es lohnt sich, sich gut auf eine Tour vorzubereiten, also wo geht es wie hin, worauf muss ich achten, was soll ich mitnehmen", so Lischke.

Trügerisches Sicherheitsgefühl

Wie sich der Wander-Trend konkret auswirkt, erleben auch Content-Creator selbst, die auf Social Media Wanderinhalte veröffentlichen. So auch die TikTok-Creator 4vsdunya: Sie sind regelmäßig in den Bergen unterwegs und organisieren eigene Community-Wanderungen. Dabei fällt ihnen immer wieder auf, dass viele Teilnehmende schlecht vorbereitet erscheinen.

"Trotz Hinweise im Vorfeld kommen ab und zu Leute in Sneakern oder ungeeignetem Schuhwerk. Die Touren sind zwar bewusst nicht schwer angelegt, dennoch ist trittfestes Schuhwerk auch auf vermeintlich einfachen Strecken extrem wichtig", erklären sie.

Auch sie sehen die Verantwortung zum Teil bei dem "Gorpcore"-Trend, da dieser mitunter ein trügerisches Gefühl von Outdoor-Kompetenz vermittle.

Bestens vorbereitet: Die Creator-Gruppe 4vsdunya wissen, welches Schuhwerk sie für einen Aufstieg benötigen.
Bestens vorbereitet: Die Creator-Gruppe 4vsdunya wissen, welches Schuhwerk sie für einen Aufstieg benötigen. 4vsdunya

"Zumindest dann, wenn Style mit Können verwechselt wird. Der Look kann ein trügerisches Sicherheitsgefühl erzeugen. Teure oder gehypte Ausrüstung wird schnell als Zeichen von Kompetenz gesehen, obwohl gerade bei unerfahrenen Menschen oft noch Einschätzung, Routine und Belastbarkeit fehlen."

Gleichzeitig betonen sie jedoch, dass der Trend nicht nur negative Effekte habe. Er könne durchaus als Inspiration und Einstieg in die Outdoor-Welt dienen.

"Entscheidend ist, ob daraus echtes Interesse und Lernbereitschaft entstehen oder ob es beim ästhetischen Statement bleibt. Kritisch wird es dann, wenn Kleidung primär Look ist und nicht funktionale Ausrüstung."

Gute Vorbereitung hilft

Wer diese nötige Lernbereitschaft mitbringt, kann sich an alpine Vereinigungen wenden, wie Professor Dr. Lischke von der Bergwacht im Deutschen Roten Kreuz sagt. Dort lasse sich Wissen aufbauen und Erfahrung einholen.

"Da gibt es den Deutscher Alpenverein, den Österreichischer Alpenverein oder den Schweizer Alpen-Club. Dort kann man Erfahrungen sammeln und sich Ratschläge einholen."

Wer hingegen ohne ausreichende Vorbereitung unterwegs ist, setzt sich nicht nur körperlichen Risiken aus - es kann auch finanziell teuer werden: In Österreich lagen die durchschnittlichen Kosten einer Helikopterbergung bei einer angenommenen Flugzeit von 40 Minuten im Jahr 2023 bei rund 4.900 Euro, in Deutschland bei rund 3.100 Euro und in der Schweiz bei rund 3.600 Euro.

Das erlebten dann auch die beiden TikToker im November 2025 am eigenen Leib: Nach Angaben der Bergwacht mussten sie die Kosten für den Rettungseinsatz selbst tragen, da offenbar keine entsprechende Versicherung bestand.

Touren durch derart anspruchsvolles Gelände sollten zu dieser Jahreszeit ausschließlich von erfahrenen Alpinisten unternommen werden, betonten die Bergretter damals. Entscheidend seien neben Ausrüstung und Erfahrung auch Zeit, Wetter und Anpassung an die Bedingungen vor Ort, ergänzt Prof. Lischke.

"Man muss sich akklimatisieren und sich auf die Umgebung einstellen. Und wenn man nur eine Woche Urlaub hat und das Wetter nicht passt, bringt es nichts, das zu erzwingen und trotzdem auf irgendeinen Berg oder Wanderweg zu gehen. Wenn das Wetter nicht passt, dann geht es eben nicht."

Im Zweifel gilt: lieber einen Gang zurückschalten und aus dem Abenteuer einen Spaziergang machen. Denn auch dabei kommt die Wanderausrüstung an die frische Luft.

Und statt das hart erarbeitete Urlaubsgeld für eine teure Rettungsaktion auszugeben, bleibt am Ende vielleicht sogar noch Geld für die neueste Version trendiger Wanderschuhe im "Gorpcore"-Stil.

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