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Bald wieder im Flieger? Was die Kerosinkrise für Reisende und Airlines bedeutet

Flugzeug landet in Frankfurt, Lufthansa-Maschinen stehen am Boden
Landung eines Flugzeugs in Frankfurt, im Hintergrund geparkte Lufthansa-Maschinen. Copyright  AP Photo/Michael Probst, File
Copyright AP Photo/Michael Probst, File
Von Michael Starling & AP
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Kerosinpreise steigen seit Beginn des Kriegs im Iran auf das Doppelte – nun drohen erste Engpässe.

Europa und Asien droht ein akuter Mangel an Flugtreibstoff. Auslöser sind der Iran-Krieg und die Sperrung der Straße von Hormus. Bleibt das Öl weiter aus, könnte der weltweite Luftverkehr schon in wenigen Wochen aus dem Takt geraten – mit steigenden Ticketpreisen und Flugstreichungen kurz vor der Hochsaison im Sommer.

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In einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP sagte der Direktor der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, am Donnerstag, Europa verfüge nur noch über "vielleicht sechs Wochen" Kerosinreserven und die Weltwirtschaft steuere auf ihre "größte Energiekrise" zu.

Normalerweise lagern einige europäische Länder Kerosinvorräte für mehrere Monate, heißt es in einem diese Woche veröffentlichten IEA-Bericht.

Kerosin, ein aus Rohöl gewonnenes, petroleum­basiertes Produkt, ist der größte Kostenblock der Airlines. Es macht nach Angaben des internationalen Branchenverbands IATA rund 30 Prozent der Gesamtausgaben aus. Seit Beginn des Kriegs haben sich die Kerosinpreise etwa verdoppelt. Engpässe könnten als Nächstes folgen.

Willie Walsh, Generaldirektor der IATA, nannte die Einschätzung der IEA zu möglichen Kerosinknappheiten "ernüchternd". In einer am Freitag veröffentlichten Erklärung sagte er: "Wir haben außerdem berechnet, dass wir Ende Mai in Europa erste Flugstreichungen wegen fehlenden Kerosins sehen könnten. In Teilen Asiens passiert das bereits.

Zusätzlich zu allen Anstrengungen, alternative Lieferwege zu sichern, sei es wichtig, dass die Behörden klare und abgestimmte Pläne bereithalten, falls eine Rationierung nötig werde – einschließlich Ausnahmen bei Start- und Landerechten."

Amaar Khan, Leiter der europäischen Kerosinpreis-Analyse beim Informationsdienst Argus Media, sagte, mit jedem Tag, an dem die Straße von Hormus geschlossen bleibe, rücke Europa "einem Versorgungsengpass näher". Er ergänzte: "Die Meerenge steht für rund 40 Prozent der Kerosinimporte Europas, doch seit Ausbruch des Kriegs ist kein einziger Tanker mit Flugtreibstoff dort hindurchgefahren."

Fluggesellschaften reagieren bislang überwiegend vorsichtig. Sie räumen mögliche Treibstoffprobleme ein, versuchen die Kundschaft aber zu beruhigen. Einige Anbieter haben höhere Kosten schon weitergegeben – über steigende Gebühren für Gepäck und Zusatzleistungen, eingepreiste Aufschläge in den Tickets oder erhöhte Kerosinzuschläge.

Einige wenige Fluggesellschaften dünnen ihren Flugplan bereits aus. Dazu gehört die skandinavische Airline SAS, die Anfang des Monats angekündigt hat, im April "mindestens tausend" Flüge wegen der explodierenden Treibstoffpreise zu streichen.

Fachleute erwarten zudem Folgen in anderen Bereichen des Luftverkehrs, etwa bei der Flexibilität der Flugpläne und bei den Streckenführungen.

Nach einem Bericht (Quelle auf Englisch) von Tourism Economics sind die Rohölpreise seit der Schließung der Straße von Hormus im März um 64 Prozent gestiegen. Das ist die stärkste Preisverwerfung seit 2022 und trifft die Luftfahrtbranche besonders hart.

"Die Auswirkungen auf die Kerosinkosten sind noch drastischer: Der Crack-Spread liegt bei Rekordwerten von 80 Dollar je Barrel, was die Kerosinpreise binnen weniger Wochen verdoppelt hat, weil Rohöl aus dem Golf knapp ist", schrieb Stephen Rooney, Chefökonom bei Tourism Economics und Autor der Studie. "Flugpreise dürften um fünf bis zehn Prozent steigen, Kerosinzuschläge sind bereits zu sehen, doch die schwache Nachfrage begrenzt, wie viel sich tatsächlich an die Kundschaft weiterreichen lässt."

Wie funktioniert die Versorgung mit Flugtreibstoff – und wo spüren Passagiere die Folgen?

Wie kommt Kerosin ins Flugzeug?

Kerosin entsteht in Raffinerien aus Rohöl; dort werden auch Benzin und Diesel produziert.

Fluggesellschaften kaufen Kerosin meist direkt bei Raffinerien oder Mineralölkonzernen – ähnlich wie Autofahrer an der Tankstelle, nur in ganz anderen Mengen. Der Treibstoff wird per Schiff und Pipeline transportiert und von den Airlines an Flughäfen gelagert.

Den Einkauf organisieren die Airlines selbst. Gehen die Vorräte in einer Region zur Neige, heißt das nicht automatisch, dass dort alle Flüge ausfallen. Manche Gesellschaften verfügen über größere Reserven als andere.

Die verbleibenden Flüge dürften allerdings teuer sein – entsprechend den hohen Treibstoffkosten.

Größere Airlines haben bei Engpässen Vorteile. Sie können hohe Preise eher abfedern, sagt Jacques Rousseau, Geschäftsführer beim Finanzhaus Clearview Energy Partners.

Mehrere europäische Länder verfügen laut dem IEA-Bericht inzwischen über Kerosinreserven für weniger als 20 Tage. Seit 2020 war der Wert nie unter 29 Tage gefallen.

Sinkt die Reichweite unter 23 Tage, könnten an einzelnen Flughäfen reale Versorgungsengpässe auftreten, warnt die Behörde. Die Folge wären Flugstreichungen und eine schrumpfende Nachfrage.

Welche Regionen trifft es besonders?

Am abhängigsten von Öl und Kerosin aus dem Nahen Osten sind Staaten im asiatisch-pazifischen Raum, gefolgt von Europa, so Rousseau.

Den Großteil seines Kerosins produziert Europa zwar in eigenen Raffinerien. Durch den Krieg fehlen jedoch rund 20 bis 25 Prozent des üblichen Angebots, erklärt er.

Um einen Teil der Lücke zu schließen, haben die USA ihre Kerosinexporte nach Europa deutlich erhöht. Im April gingen nach seinen Angaben rund 150.000 Barrel täglich über den Atlantik – etwa das Sechsfache des normalen Volumens.

Die Verfügbarkeit von Kerosin sei in den USA, einem großen Ölproduzenten, derzeit weniger problematisch, fügt Rousseau hinzu. "Ich sage meinen Kindern: Uns geht der Treibstoff hier nicht so schnell aus. Er wird nur teurer. In anderen Teilen der Welt kann man dagegen tatsächlich an einen Punkt kommen, an dem es schlicht kein Kerosin mehr gibt."

Wie groß ist die Lücke beim weltweiten Kerosinangebot?

Durch die Schließung der Straße von Hormus fallen weltweit täglich zehn bis fünfzehn Millionen Barrel Öl weg, schätzt Pavel Molchanov, Senior Investment Strategist beim Finanzhaus Raymond James & Associates.

"Die Raffinerien in Asien und Europa stehen am selben Ort wie zuvor. Aber wenn ihnen nicht genug Rohöl zur Verfügung steht, kommt es zwangsläufig zu physischen Lieferausfällen", sagt er.

Trotzdem helfe es kurzfristig wenig, dass die IEA bereits 400 Millionen Barrel aus den Notreserven der Mitgliedstaaten freigegeben habe, so Molchanov.

"Es kann bis zum Jahresende dauern, bis all dieses Öl tatsächlich auf dem Markt ankommt", sagt er.

Welche Folgen hat das für Passagiere?

Christopher Anderson, Professor für Betriebswirtschaft, Technologie und Informationsmanagement an der Cornell University, rät Reisenden, sich nicht nur auf höhere Ticketpreise einzustellen.

"Es geht für die Airlines nicht mehr allein um die Treibstoffkosten, sondern um die Planung ihrer gesamten Netze", erklärt er. "Hohe Kerosinpreise sind ein Faktor. Genauso wichtig sind aber längere Flugrouten, weniger Flexibilität bei den Flugplänen und größere Unsicherheit darüber, wie sich die Nachfrage schon in wenigen Wochen entwickelt."

Bleibe die Störung bis in die eigentliche Sommersaison hinein bestehen, könnten Kunden "einen Markt mit späteren Buchungen, volatileren Flugplänen und weniger günstigen Angeboten" erleben, sagt Anderson.

Besonders betroffen sind laut Rooney Reisen in den Nahen Osten. Geschlossene Lufträume und Umwege verteuern die Flüge. "Rund ein Fünftel der Nachfrage auf Europa-Asien-Strecken und zehn Prozent des Verkehrs zwischen Nordamerika und Asien laufen über den Nahen Osten und sind gefährdet", schreibt er im Bericht von Tourism Economics. "Bei einem Konflikt von zwei Monaten Dauer dürfte sich der Verkehr im zweiten Halbjahr 2026 langsam erholen, doch die Verunsicherung könnte die Rückkehr zur Normalität bremsen."

Was unternehmen die Airlines?

Die niederländische Fluglinie KLM und der britische Billigflieger easyJet teilten mit, derzeit keine akuten Treibstoffengpässe zu spüren. Zum IEA-Warnbericht äußerten sie sich nicht näher. Beide Unternehmen kämpfen allerdings bereits mit stark steigenden Kosten.

Am Donnerstag kündigte KLM an, im kommenden Monat 160 Flüge zu streichen – rund ein Prozent des europäischen Streckennetzes. Begründet wurde der Schritt mit "steigenden Kerosinkosten". Eine begrenzte Zahl von Flügen sei "wirtschaftlich nicht mehr darstellbar".

In einer Zwischenbilanz erklärte easyJet, für die erste Hälfte des Geschäftsjahres 2026 mit einem Vorsteuerverlust zwischen 540 und 560 Millionen Pfund (rund 619,6 bis 642,6 Millionen Euro) zu rechnen. Dennoch sei die Nachfrage insgesamt robust, betonte Vorstandschef Kenton Jarvis. Das Osterreisegeschäft sei das bislang stärkste in der Geschichte der Airline gewesen.

Die deutsche Airline Lufthansa teilte mit, Tarifkonflikte und hohe Treibstoffpreise zwängen den Konzern, die Zubringerairline CityLine sofort und damit früher als geplant einzustellen und 27 ältere, weniger effiziente Flugzeuge aus dem Betrieb zu nehmen. Damit zieht Lufthansa die ursprünglich für das kommende Jahr vorgesehene Stilllegung vor.

Die US-Fluggesellschaft Delta Air Lines, die häufig Ziele in Europa anfliegt, erklärte, sie sei sich der möglichen Kerosinengpässe in Europa bewusst und beobachte die Lage genau. Delta hatte 2012 eine Raffinerie in Philadelphia gekauft, um den größten Kostenblock besser zu kontrollieren. Aktuell erwartet das Unternehmen "keine kurzfristigen Auswirkungen auf den Betrieb".

Wie wirken sich die Engpässe auf Preise aus?

Andere Airlines warnen offen vor den steigenden Treibstoffpreisen und legen zusätzliche Kosten bereits auf die Reisenden um – oft versteckt in Ticketpreisen und Zusatzgebühren.

In den vergangenen Wochen haben etwa die US-Gesellschaften Delta, United, American Airlines, Southwest Airlines und JetBlue ihre Gebühren für aufgegebenes Gepäck angehoben.

In einem internen Schreiben erklärte United-Chef Scott Kirby, anhaltend hohe Treibstoffpreise könnten die jährlichen Kosten um 11 Milliarden Dollar (9,32 Milliarden Euro) erhöhen. "Zum Vergleich", schrieb Kirby: "In unserem bisher besten Jahr haben wir weniger als 5 Milliarden Dollar verdient."

Die Fluggesellschaft Cathay Pacific aus Hongkong hat unterdessen ihre Kerosinzuschläge auf allen Strecken um rund 34 Prozent erhöht, während Air India seit Anfang des Monats auf einigen Flügen bis zu 280 Dollar an Gebühren aufschlägt. Emirates, Lufthansa und KLM haben ebenfalls ihre Zuschläge oder Tarife angepasst, um mit der Preisschwankung Schritt zu halten.

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