Der in Bristol lebende Künstler Tom Bailey hat sechs Wochen in einer Region verbracht, die sich schneller wandelt als fast jeder andere Ort der Erde.
Als der britische Theatermacher Tom Bailey im März an der norwegisch-russischen Grenze aufbrach, hatte er ein Zelt, einen Benzinkocher und genug Ausrüstung dabei, um Temperaturen zwischen -30 °C und +15 °C zu überstehen – aber kein fertiges Stück im Gepäck. Genau darum ging es.
Der in Bristol lebende Bailey, der unter dem Namen der Theaterkompanie MECHANIMAL arbeitet, legte mehr als 600 Kilometer in den arktischen Grenzgebieten von Norwegen, Finnland und Schweden zurück – auf Skiern, mit dem Schlitten, zu Fuß und mit dem Boot.
Die zweimonatige Reise mit dem Titel „Threshold – A Wild New Border Journey“ endete am 27. Mai beim Stamsund International Theatre Festival auf den Lofoten.
„Ich bin Theatermacher und Umweltkünstler und mir liegt viel daran, Arbeiten über Natur und Klimawandel zu entwickeln“, sagt Bailey Euronews Earth per Video aus Svolvær auf den Lofoten. „In den vergangenen Jahren ist stärker in den Vordergrund gerückt, wie wir unsere Arbeiten in Zeiten des Klimawandels auf Tour schicken und reisen.“
Statt an ein Ziel zu fliegen, entschied Bailey sich, sich körperlich durch die Landschaft zu bewegen. Rund sechs Wochen lang überquerte er abgelegene Wälder, zugefrorene Seen und Küstengebirge. Unterwegs traf er Sami-Gemeinschaften, Menschen vor Ort, Künstlerinnen und Künstler sowie Forschende.
„Im klassischen Tourneetheater fliegen oder fahren wir irgendwohin und durchqueren die Gegend, ohne uns wirklich mit der Landschaft auseinanderzusetzen“, sagt er.
„Auf diese Weise erkenne ich das Land, über das ich spreche, vollständig an und setze mich intensiv mit ihm auseinander.“
**„**Ist es Zeit, der Natur gesetzlich ein Mitspracherecht zu geben?“
Die Reise ist genauso sehr eine politische Recherche wie ein künstlerisches Experiment. Bailey untersucht, was der beschleunigte Wandel in der Arktis für die Menschen, die dort leben, bedeutet – und wer oder was bei Entscheidungen über ihre Zukunft überhaupt mitreden darf.
„Mit der fortschreitenden Erwärmung der Erde und dem Klimawandel werden neue Ressourcen und Meerflächen zugänglich. Dann stellt sich die Frage nach Eigentum, nach dem Teilen dieser Ressourcen, nach Souveränität“, erklärt er.
Er greift auch die Bewegung für die Rechte der Natur auf.
„Ist es nicht an der Zeit, die Natur rechtlich als Entscheidungsträgerin und Rechtsträgerin in alle Beschlüsse über die Arktis einzubeziehen? Wie sähe es aus, wenn das Meer, die Rentiere oder die Flechten eine Vertretung hätten?“
Nach seinen Worten reagieren die Menschen entlang der Route überwiegend positiv auf das Projekt.
„Viele schätzen vermutlich, dass ich mir mehr Zeit lasse – dass es darum geht, den Menschen in der Region zuzuhören und mich über Wochen und Monate wirklich mit Landschaft, Menschen und Kultur auseinanderzusetzen.“
Warmer Frühling in der Arktis macht Reise gefährlich
Die Reise verlief jedoch alles andere als einfach. Ein ungewöhnlich warmer Frühling machte den Schnee oft weich und matschig – das Unterwegssein wurde deutlich anstrengender als geplant.
Bailey war schließlich meist nachts unterwegs, wenn die Temperaturen fallen und der Schnee wieder gefriert, und schlief tagsüber im Zelt.
Allein Auf- und Abbau des Camps kosteten ihn täglich vier bis fünf Stunden – inklusive Schneeschmelzen für Trinkwasser, was pro Durchgang etwa eine Stunde dauerte. „Es war oft bitterkalt, die Tage waren sehr lang, und den Schlitten zu ziehen war extrem hart“, sagt er.
Auch der Brexit brachte unerwartete Hürden. Als britischer Staatsbürger unterliegt Bailey der 90-Tage-Grenze für Aufenthalte im Schengen-Raum. „Grenzen sind mir gerade sehr präsent“, sagt er. „Ich muss sehr genau planen, wie lange ich unterwegs bin und wie viele Reisetage ich für die Rückfahrt nach Großbritannien brauche.“
Die Inszenierung kommt erst noch
Die Reise selbst dient als Recherche. Das fertige Bühnenstück, das Bailey gemeinsam mit der Bühnenbildnerin Natasha Soonchild entwickelt – sie arbeitet während seiner Tour als Artist in Residence im norwegischen Kirkenes –, soll voraussichtlich 2027 Premiere feiern, sofern die Finanzierung steht.
Bailey warnt davor, sein Projekt vorschnell als Modell für andere zu sehen. „Ich gehe nicht davon aus, dass sich dieses Vorgehen für jedes Projekt eignet“, sagt er.
Er findet jedoch, dass Diskussionen über klimafreundliche Tourneen zu oft bei der reinen CO₂-Rechnung stehen bleiben, statt das Verhältnis von Kunstproduktion zur Natur grundsätzlich neu zu denken.
„Manchmal habe ich das Gefühl, wir stecken in der Haltung fest: Business as usual, aber wir reisen eben mit dem Zug. Das reicht nicht, um sich wirklich mit den tiefgreifenden Veränderungen auseinanderzusetzen, die der Klimawandel mit sich bringt – und mit den Chancen, die in einer neuen Beziehung zum Planeten liegen.“
Die größere Frage für ihn ist, ob das Theater den Schritt schaffen kann, nicht nur über die Natur zu arbeiten, sondern mit ihr.
„Vielleicht ist es im Moment eine ziemlich verrückte Idee, eine lange Reise durch die Natur zu machen und dabei manchmal als Rentier kostümiert zu sein. Aber vielleicht wird das in fünf Jahren eine sehr plausible und dringliche Frage sein“, sagt er.
Bailey stellte beim Stamsund International Theatre Festival am 27. Mai erstmals öffentlich Material vor, das er auf der Reise gesammelt hat. Die vollständige Inszenierung soll bis zum Sommer 2027 aufführungsreif sein.