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„Es ist zu warm“: Grönlands Fischer greifen zu klimaschädlichen Methoden

Ein Fischer fängt Heilbutt in der Diskobucht bei Ilulissat in Grönland am Mittwoch, 28. Januar 2026.
Ein Fischer fängt am Mittwoch, 28. Januar 2026, vor Ilulissat in Grönlands Diskobucht Heilbutt. Copyright  AP Photo/Evgeniy Maloletka
Copyright AP Photo/Evgeniy Maloletka
Von Emma Burrows, Kwiyeon Ha and Evgeniy Maloletka mit AP
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Schwindendes Meereis zwingt viele traditionelle Eisfischer aufs Boot oder treibt sie in die kommerzielle Fischerei.

Fischer Helgi Áargil weiß inzwischen kaum noch, was ihn in den Fjorden Grönlands erwartet. Bis zu fünf Tage am Stück ist er mit seinem Boot unterwegs, nur Hund Molly und das ständig wechselnde Nordlicht leisten ihm Gesellschaft.

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Im vergangenen Jahr blieb sein Boot im Treibeis stecken, das sich von einem nahen Gletscher gelöst hatte. Dieses Jahr ist dagegen alles ungewöhnlich nass. Auch sein Einkommen bleibt unberechenbar. Manchmal bringt ihm eine Tour rund 100.000 dänische Kronen (etwa 13.400 Euro), manchmal gar nichts.

Das rasch wandelnde Klima in der Arktis wirft für Grönland immer neue Fragen auf. Die teilautonome Region des Königreichs Dänemark wurde zuletzt zusätzlich von dem Kaufinteresse des damaligen US-Präsidenten Donald Trump aufgeschreckt.

Inzwischen hat sich Trumps Haltung zu Grönland geändert, doch die Welt bekommt die Folgen des Klimawandels nicht gebremst. Die Arktis erwärmt sich schneller als jede andere Region der Erde, angetrieben durch die Verbrennung von Öl, Gas und Kohle.

Welche Folgen das für die Fischerei hat, die Grönlands Wirtschaft weitgehend trägt, ist noch offen. Die Branche steht für bis zu 95 Prozent der Exporte. Viele Lieferungen gehen nach China, den wichtigsten Absatzmarkt, aber auch in die USA, nach Japan und nach Europa.

Fischer Helgi Aargil fährt mit seinem Boot und Hund Molly nahe Nuuk in Grönland, Mittwoch, 21. Januar 2026.
Fischer Helgi Aargil fährt mit seinem Boot und Hund Molly nahe Nuuk in Grönland, Mittwoch, 21. Januar 2026. AP Photo/Evgeniy Maloletka

Arktisches Meereis verschwindet

In einen Wollpullover gegen den eisigen Wind gehüllt, erzählt Áargil, wie er Heilbutt und Kabeljau fängt. Weitere wichtige Arten sind Garnelen und Schneekrabben, deren Körper mitsamt Beinen länger als ein Meter werden können.

Die traditionellen Eisfischer, die rund die Hälfte der lokalen Branche stellen, erleben die drastischsten Veränderungen ihrer Arbeit.

„Mein Vater fischte noch vom Meereis aus“, erzählt Karl Sandgreen. Die Schicht war damals eineinhalb Meter dick. Er leitet das Eisfjord-Zentrum in der Stadt Ilulissat, das den Klimawandel in der Region dokumentiert.

Dieses Meereis begann nach Sandgreens Angaben etwa ab 1997 zu verschwinden. Die Fischer, die früher Löcher ins Eis bohrten, stiegen nach und nach auf Boote um. Damit erreichen sie größere Fanggebiete, müssen aber höhere Kosten tragen und verursachen Abgase, die die Erwärmung zusätzlich beschleunigen.

Ein Fischerboot fährt vor einem Eisberg in der Diskobucht nahe Ilulissat in Grönland, Mittwoch, 28. Januar 2026.
Ein Fischerboot fährt vor einem Eisberg in der Diskobucht nahe Ilulissat in Grönland, Mittwoch, 28. Januar 2026. AP Photo/Evgeniy Maloletka

Klimawandel drängt traditionelle Fischer in die industrielle Fischerei

Die Fischerei hat die Gemeinden in Grönland geprägt. Der Hafen, an den die Fischer mit ihrem Fang zurückkehren, bildet in jedem Ort das Zentrum. Vor der Ausfahrt holen sich manche Kapitäne Kisten von den Fischereibetrieben der Insel. Darin verpacken sie ihren Fang, der in der Hauptstadt Nuuk per Kran direkt vom Boot in die Fischfabrik gehievt wird.

Toke Binzer, Vorstandschef des größten Arbeitgebers der Insel, Royal Greenland, macht sich zunehmend Sorgen um eine Zukunft mit deutlich weniger Meereis. Das könnte traditionelle Fischer in größere Orte und damit in die Reihen der industriellen Fangflotten drängen.

Die große Frage sei nun, wie man die traditionellen Fischer unterstützen könne, wenn es manchmal „zu viel Eis zum Fahren, aber zu wenig, um darauf hinauszugehen“ gebe, sagt Binzer. Diese Unberechenbarkeit habe schon jetzt ein „riesiges“ Problem geschaffen.

Royal Greenland vergebe bereits Darlehen zum Kauf von Booten, die die Fischer mit ihrem Fang nach und nach zurückzahlen, so Binzer.

Fischer laden am Donnerstag, 22. Januar 2026, im Hafen von Nuuk in Grönland Kisten mit Fisch von einem Boot.
Fischer laden am Donnerstag, 22. Januar 2026, im Hafen von Nuuk in Grönland Kisten mit Fisch von einem Boot. AP Photo/Evgeniy Maloletka

Sollten jedoch alle auf die Bootsfischerei umsteigen, könnte das wirtschaftlich zwar helfen, aber zu Überfischung führen, warnt Boris Worm, Experte für marine Artenvielfalt an der Dalhousie University in Kanada.

In Grönland gebe es schon jetzt Hinweise auf zu intensive Küstenfischerei, sagt Binzer, denn die Heilbutte würden kleiner. Worm bestätigt das und spricht von einem klassischen Zeichen für Überfischung: Die großen Fische werden gefangen, die kleineren und jüngeren bleiben zurück.

Das Problem könnte sich verschärfen, weil der Rückzug des Eises den Zugang zu den Beständen erleichtert. Gleichzeitig könnten die Fischbestände wachsen, erklärt Worm. Wärmeres Wetter bringt mehr Regen und Schmelzwasser, damit gelangen zusätzliche Nährstoffe ins Meer, von denen das Plankton lebt, das den Fischen als Nahrung dient.

Allerdings warnt er, dass sich die Fische womöglich nicht mehr so „berechenbar“ verhalten wie früher. Sie könnten neue Nahrungsquellen suchen, falls sie sich nicht mehr von den Algen ernähren können, die unter dem Meereis wachsen.

Neben der Fischerei bleiben kaum Alternativen

Auf seinem Boot vor Nuuk denkt Áargil über eine weitere Herausforderung nach. Durch die mildere Witterung ziehen sich manche Fischarten in größere Tiefen zurück, auf der Suche nach kälterem Wasser, und werden damit schwerer zu fangen.

„Es ist zu warm“, sagt er und blickt auf die Hügel rund um den Fjord. „Ich weiß nicht, wohin die Fische ziehen, aber es sind nicht mehr viele.“

Abgesehen von der Fischerei gibt es in Grönland kaum Erwerbsmöglichkeiten. Der Tourismus wächst, spielt wirtschaftlich aber noch immer keine große Rolle.

Auch traditionelle Lebensweisen stehen im Zentrum der Sorgen über den Klimawandel. Hundeschlittenfahrer bleiben schon heute am Land, wenn sich auf dem Meer kein Eis mehr bildet.

„Für viele Menschen in Grönland ist es sehr wichtig, hinausfahren und segeln zu können“, sagt Ken Jakobsen, Leiter der Royal-Greenland-Fabrik in Nuuk. Die Fischerei sei „das Wichtigste“.

Allein in der Hauptstadt liegen im Sommer über 1.000 Boote im Hafen, sagt er. Und das in einem Gebiet mit insgesamt gut 50.000 Einwohnern.

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