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Indiens Hitzewellen töten Zehntausende – Behörden erfassen die Opfer kaum

Pendlerinnen und Pendler ruhen an einer staatlichen Kühlstation am Straßenrand in Neu-Delhi, Indien, um der extremen Sommerhitze zu entkommen, Mittwoch, 20. Mai 2026.
Pendlerinnen und Pendler ruhen an einer staatlichen Kühlstation am Straßenrand in Neu-Delhi, um der Sommerhitze zu entkommen, 20. Mai 2026. Copyright  AP Photo/Manish Swarup
Copyright AP Photo/Manish Swarup
Von Angela Symons
Zuerst veröffentlicht am
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Fachleute schlagen Alarm: Offizielle Statistiken zu Hitzetoten liegen ihrer Einschätzung nach weit unter der tatsächlichen Zahl der Opfer.

Indien ächzt unter einem brütend heißen Sommer, in dem die Temperaturen im nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh im Mai auf über 48 °C kletterten.

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Eine jüngst veröffentlichte Studie macht die Gefahr dieser neuen Hitzerekorde deutlich. Schätzungen zufolge führt schon ein einzelner Tag mit extremer Hitze landesweit zu rund 3.400 zusätzlichen Todesfällen in Indien.

Hält eine Hitzewelle fünf Tage an, steigt diese Zahl demnach auf fast 30.000 zusätzliche Tote, so die im vergangenen Monat in der Fachzeitschrift Frontiers in Environmental Health veröffentlichte Studie (Quelle auf Englisch).

Solche Hitzewellen treten häufiger auf, dauern länger und werden intensiver. Der Klimawandel, angetrieben durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe, treibt die globalen Temperaturen nach oben. Laut der Weltmeteorologieorganisation (WMO) waren die vergangenen elf Jahre von 2015 bis 2025 die heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen.

Warum liegen die Schätzungen so weit über den offiziellen Zahlen?

Die offiziellen Statistiken zu Hitzetoten in Indien liegen mit landesweit etwa 500 bis 1.500 Fällen pro Jahr deutlich niedriger. Fachleute warnen jedoch, dass diese Zahlen die Realität massiv unterschätzen. Es fehlt an einheitlicher Erfassung, und indirekte Folgen bleiben außen vor, etwa wenn Hitze bestehende Krankheiten verschlimmert.

Die jetzt vorgelegte Untersuchung versucht dies erstmals zu korrigieren. Sie liefert detaillierte Schätzungen für alle 765 Bezirke des Landes. Zugleich erfasst sie die gesamte versteckte Wirkung der Hitze, indem sie alle zusätzlichen Todesfälle während einer Hitzewelle berücksichtigt – nicht nur jene, die direkt auf Hitzschlag oder hitzebedingte Katastrophen zurückgehen.

Mangels einheitlicher landesweiter Daten werteten die Forschenden frühere Zahlen aus zehn indischen Städten in unterschiedlichen Klimazonen zu Übersterblichkeit während Hitzewellen aus. Jeden der 765 Bezirke ordneten sie jener Stadt zu, deren Klima am ehesten vergleichbar ist, und schätzten so, wie viele zusätzliche Todesfälle in Hitzeperioden zu erwarten sind.

Der indische Wetterdienst spricht von einer Hitzewelle, wenn die Temperaturen in den Ebenen 40 °C oder mehr erreichen oder in Hügellagen mindestens 30 °C. Zudem müssen diese Höchstwerte mindestens 4,5 °C über dem langjährigen Durchschnitt der Region liegen – und das an mindestens zwei Tagen in Folge.

Addierten die Forschenden die Daten aller Bezirke zu landesweiten und bundesstaatlichen Zahlen, ergab sich: Schon ein extrem heißer Tag steht im Zusammenhang mit etwa 3.400 zusätzlichen Todesfällen in ganz Indien. Eine fünftägige Hitzewelle ist mit rund 30.000 zusätzlichen Toten verbunden.

Besonders stark betroffen sind Bundesstaaten wie Uttar Pradesh, das allein während einer fünftägigen Hitzewelle auf schätzungsweise 8.100 zusätzliche Todesfälle kommt. In einzelnen Bezirken wie Ahmedabad, Jaipur und Surat überstieg die Übersterblichkeit in einem einzigen Ereignis jeweils 250 Todesfälle.

Dennoch gelten die Ergebnisse als zurückhaltende Schätzung. Sie basieren auf historischen Temperaturdaten und auf Hochrechnungen aus Städten. Steigende Temperaturen, kombiniert mit den besonderen Verwundbarkeiten ländlicher Regionen – Arbeit im Freien, geringerer Zugang zu Klimaanlagen und medizinischer Versorgung, höhere Armutsraten und bereits vorhandene Erkrankungen – sprechen dafür, dass die tatsächlichen Zahlen noch höher liegen.

Ein Fahrer einer elektrischen Rikscha spritzt sich in Lucknow, Indien, Wasser ins Gesicht, um sich in der drückenden Sommerhitze abzukühlen, Mittwoch, 20. Mai 2026.
Ein Fahrer einer elektrischen Rikscha spritzt sich in Lucknow, Indien, Wasser ins Gesicht, um sich in der drückenden Sommerhitze abzukühlen, Mittwoch, 20. Mai 2026. AP Photo/Rajesh Kumar Singh

Mehr Schutz für besonders gefährdete Menschen in Indien nötig

Die Studie zeigt, wie dringend Indien seine Bevölkerung besser vor Hitzewellen schützen muss, vor allem in den heißesten und am dichtesten besiedelten Regionen. Nötig sind stärker auf lokale Bedingungen zugeschnittene Hitzeaktionspläne, eine Gesundheitsinfrastruktur, die auf Hitzeereignisse vorbereitet ist, sowie zuverlässige Frühwarnsysteme.

Die Untersuchung legt zudem große Ungleichheiten offen. Die fünf Bundesstaaten mit der höchsten Hitzewellen-Sterblichkeit stehen für 66 Prozent der landesweiten Übersterblichkeit, erwirtschaften aber nur 29 Prozent des indischen BIP. Ausgerechnet jene Regionen, die sich Anpassungsmaßnahmen am wenigsten leisten können, tragen also das größte Risiko. Nach Ansicht der Autorinnen und Autoren sollte dies die Ausrichtung der Bundesinvestitionen in Hitzeschutz grundlegend verändern.

Die Ergebnisse reichen weit über Indien hinaus. Die Forschenden weisen darauf hin, dass viele Länder in Südasien und Subsahara-Afrika eine ähnliche Kombination aus extremer Hitze, schwacher Gesundheitsversorgung und lückenhafter Todesfallstatistik aufweisen. Indiens Ansatz mit Auswertungen auf Bezirksebene könnte deshalb als Modell dienen, um andernorts eine weitgehend unsichtbare Zahl von Hitzetoten sichtbar zu machen.

Hitzebedingte Todesfälle in Europa

Die Erkenntnisse betreffen auch Europa direkt. Eine Studie von Forschenden des Imperial College London und der London School of Hygiene & Tropical Medicine kommt zu dem Ergebnis, dass der Klimawandel im Sommer 2025 in 854 europäischen Städten für geschätzte 16.500 zusätzliche Todesfälle verantwortlich war – 68 Prozent aller hitzebedingten Todesfälle in diesem Sommer.

Während des rekordheißen Sommers 2024 starben in der europäischen Hitzewelle mehr als 62.000 Menschen.

In Spanien wurden allein im Mai 2026 rekordverdächtige 101 hitzebedingte Todesfälle registriert, 3,6-mal so viele wie im monatlichen Durchschnitt der vergangenen Dekade – noch bevor der Sommer überhaupt begonnen hatte. Die Gesundheitsministerin warnte, die Hitze treffe die Menschen inzwischen, bevor sich ihre Körper daran gewöhnen könnten.

Angesichts weiter steigender Emissionen zeigt die indische Studie, welches menschliche Ausmaß diese Krise bereits erreicht hat – ein Ausmaß, das offizielle Statistiken erst allmählich erfassen.

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