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Bei der ELN-Guerilla in Kolumbien: Zweifel an Friedensverhandlungen

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Bei der ELN-Guerilla in Kolumbien: Zweifel an Friedensverhandlungen

Bei der ELN-Guerilla in Kolumbien: Zweifel an Friedensverhandlungen
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Ihre Übungen im kolumbianischen Dschungel beginnen bei Sonnenaufgang – der ELN ist nach dem Friedensabkommen mit der Farc die letzte große Rebellengruppe im Land. Der “Ejercito de Liberación Nacional”, zu deutsch “Nationale Befreiungsarmee”, hat Schätzungen zufolge etwa 1500 aktive Kämpfer und steht ebenfalls in Friedensverhandlungen mit der kolumbianischen Regierung. Bis Anfang Januar ist ein Waffenstillstand vereinbart, doch der erwies sich bereits als brüchig.

Die Anführer der ELN-Westfront, Omar Gómez genannt, beurteilen den Farc-Deal skeptisch. Kommandant Uriel traut der Regierung nicht: “Ihre Friedensbeteuerungen sind Lippenbekenntnisse. Aber wir sehen in der Praxis keine Fakten, die zu Frieden führen, sondern nur mehr Kriegshandlungen. Wir sehen nur, dass mehr Anführer ermordet werden und dass sich die Gesundheitslage verschlechtert.”

Wie auch die Farc wirft der ELN der Politik vor, den Friedensvertrag nicht wie vereinbart umzusetzen – unter anderem ist die Sonderrechtssprechung für den Frieden – die JEP – strittig, die zum Beispiel klären soll, wie hoch die Strafen für Ex-Rebellen sind. “Wir dachten, dass das Abkommen gesichert ist, so wurde es in der Öffentlichkeit präsentiert”, so Uriel. “Mit der JEP sollte den Rebellen Rechtssicherheit garantiert werden, das wurde schon vor dem endgültigen Abkommen beschlossen. Auch vor der UNO und der internationalen Gemeinschaft wurde das angeblich sichergestellt. Und was machen sie jetzt? Sie ändern es.”

Zu den Haupteinnahmequellen des ELN gehören Entführungen und Lösegelderpressungen. In jüngster Zeit sollen sich die Guerillas auch vermehrt durch Drogenhandel finanziert haben. Der ELN wurde wie die Farc 1964 gegründet. Inspiriert vom Marxismus und der kubanischen Revolution gilt die Gruppe jedoch als weitaus radikaler. Auch die Anführer der ELN-Front “Ché Guevara” sind skeptisch, ob sie ihre Ziele durch die in Ecuador stattfindenden Verhandlungen mit der Regierung erreichen können. Kommandant Julio: “Wir sind die Nationale Befreiungsarmee und die alten Männer, die das Abkommen in Quito verhandeln, müssen sehr vorsichtig sein und sich das genau ansehen. Denn der Friedenspakt, der mit der Farc in Havanna ausgemacht wurde, ist für uns ein abschreckendes Beispiel.”

Friedensverhandlungen hin oder her – der ELN macht weiter: In den Klassenräumen im Dschungel wird Guerilla-Geschichte gelehrt. Auch der Waffenstillstand wurde mehrfach gebrochen, so übernahm der ELN Anfang des Jahres die Verantwortung für ein Attentat in Bogota. Mit der Entwaffung der Farc sei der ELN als neues Feindbild ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, so Kommandant Uriel. “Es ging immer nur um die Farc. Wir waren in der Presse unsichtbar. Aktionen des ELN wurden sogar der Farc zugeschrieben. Der ELN hat nicht existiert. Als die Farc abgerüstet hat, brauchten sie einen neuen Feind, denn die politischen Anführer ziehen ihre Legitimität aus der Angst der Bevölkerung.”

Mehr als ein Jahr nach Abschluss des Friedensabkommens mit der Farc gibt es in einigen Landesteilen nach wie vor viel Gewalt. Guerilla-Gruppen und Paramilitärs nutzen das Machtvakuum, wie Menschenrechtler berichten. Auch der ELN lieferte sich Auseinandersetzungen mit anderen bewaffneten Gruppen. Dass die Guerilla von der EU als Terrororganisation betrachtet wird, beeindruckt die Kämpfer nicht. “Die EU ist Teil des weltweiten Imperialismus”, so Kommandant Uriel. “Sie wollen der Gegenpart zum vorherrschenden nordamerikanischen Imperialismus sein.”

Für den ELN sind Waffen ein notwendiges Mittel im Kampf um Gerechtigkeit. Uriel: “Ihr habt es in den Händen, ob die Guerilla aufhört oder nicht. Wie? Nehmt uns unsere Argumente. Wenn die Menschen alles Nötige zum Leben hätten, alle Möglichkeiten, wäre die Guerilla dann eine Option für sie? Wer könnte schon in Norwegen oder Finnland eine Guerilla aufstellen?”

Der Waffenstillstand gilt noch bis zum 12. Januar. Möglicherweise wird er verlängert. Falls nicht, rechnet die ELN mit Angriffen von Seiten der Armee. “Wir müssen vorbereitet sein”, sagt der Guerillo Jonathan. “Denn wenn die Feuerpause vorbei ist, werden wir weiter kämpfen.”

Nach 50 Jahren des bewaffneten Konflikts mit mehr als 260.000 Toten und sieben Millionen Vertriebenen, gibt es in Kolumbien weiterhin keinen stabilen Frieden – auch die politische Situation trägt zur Unsicherheit bei, wie euronews-Korrespondent Héctor Estepa berichtet: “Der ELN bereitet sich auf ein mögliches Scheitern der Friedensgespräche in Quito vor, auch angesichts der Wahlen in Kolumbien im kommenden Jahr. Oppositionsführer Alvaro Uribe war bereits gegen das Friedensabkommen von Havanna mit der Farc – sollte er gewinnen, gelten auch neue Bedingungen für die Verhandlungen mit dem ELN, was für die Guerilla schwer zu akzeptieren sein könnte.”