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Pussy Riot-Interview: „Künstler in Russland zu sein, ist wie auf einem Schießpulverfass zu tanzen"

Pussy Riot-Interview: „Künstler in Russland zu sein, ist wie auf einem Schießpulverfass zu tanzen"
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Euronews/Naira Davlashyan
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Euronews hat sich mit zwei Mitgliedern des russischen Kollektivs Pussy Riot getroffen, Olga Kuracheva und Veronika Nikulshina. Während eines Besuchs im französischen Lyon sprachen sie über das Leben nach ihrer Protestaktion auf beim Finale der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland, den Druck auf russische Rapper und moderne Jugendliche.

Was hat sich für euch nach dem WM-Finale geändert?

Veronika: Es hat sich viel in meinem Berufsleben geändert. Ich arbeite als Model und Schauspielerin und viele Projektpartner haben aufgehört, mit mir zu kommunizieren. Das war allerdings eine vorhersehbare Reaktion.

Eine weitere wichtige Konsequenz der Aktion ist, dass wir jetzt mit Peter Verzilov, einem weiteren Teilnehmer von Pussy Riot, gezwungen sind, außerhalb des Landes zu leben.

Olga: Ich habe 16 Tage in Haft verbracht. Und Polizisten haben ein paar Mal meine Mutter besucht. Das ist alles.

Wie war es für euch, als ihr beim Finale der Weltmeisterschaft auf das Feld gelaufen seid?

Olga: Das Einzige, wovor ich Angst hatte, war, dass wir es vielleicht nicht schaffen würden. Dass irgendetwas die Aktion verhindern könnte oder dass wir zu spät kommen und nicht mehr auf das Feld kommen könnten. Aber als wir auf dem Feld waren, war es sehr cool. Das waren 40 Sekunden totales Glück. Ich bin einfach mit dem Gedanken um das Feld gelaufen: "Hurra, es hat geklappt!“

Veronika: Ich hatte überhaupt keine Angst. Das war ein absoluter Moment der Freude. Ich erinnere mich, dass es regnete. Ich schaute in den Himmel: Es gab eine Art Blitz, glaube ich. Es war magisch.

Wie fühlt sich Peter Verzilov nach seiner Vergiftung?

Veronika: Peter fühlt sich immer besser. Er will wirklich nach Russland zurückkehren und wieder an die Arbeit.

LESEN Sie hier mehr über die Vergiftung Verzilovs

Vermisst ihr Russland?

Veronika: Natürlich sind wir schrecklich gelangweilt und werden definitiv zurückkehren, denn wie Alexei Navalny sagt, muss man im Land sein, um wirklich etwas zu bewegen. Und ich will wirklich nach Hause.

Einige russische Gruppen werden nun wegen "gefährlicher und schädlicher Inhalte" angeklagt. Konzerte werden abgesagt und es gab mehrere Verhaftungen von Künstlern. Was haltet ihr davon?

Veronika: Als moderne Künstlerin bin ich der Meinung, dass es unmöglich ist, Lieder über "richtige" oder "falsche" Themen zu singen. Jede Geste ist künstlerisch gerechtfertigt. Jede Zensur ist die Hölle und totale Dunkelheit. Was jetzt mit Kultur und Zensur in Russland geschieht, ist ein extremer Rückschlag. Als würden wir uns in einem tiefen konservativen Sumpf befinden.

Das große Problem ist, dass die Herren von der Polizei und dem FSB (ehemalig KGB) denken, dass die Gefühle und das Verhalten von Jugendlichen durch die falsche Musik ausgelöst wurden. Deshalb sind sie der Meinung, dass diese Musik verboten werden sollte. Das Einzige, was wirklich verboten werden sollte, ist der FSB.

Glauben Sie, dass junge Menschen die Basis für die Protestbewegung bilden?

Olga: Ich würde sagen, dass junge Menschen Teil der Protestbewegung sind. Dennoch ist die Bewegung sehr uneinheitlich, und es gibt ausgezeichnete Menschenrechtsaktivisten jeden Alters.

Mir gefällt, was jetzt in Russland mit Schülern und Studenten passiert. Sie erheben das Wort gegen konservative Lehrer und sind in der Lage, ihren Standpunkt zu vertreten. Ich hoffe, dass sie unsere Zukunft sind und dass die Jungen genug Kraft haben, um für ein schönes Russland zu kämpfen.

Veronika: Ich möchte hinzufügen, dass zum Beispiel die wunderbare FBK – Alexei Navalnys Organisation „Fonds zur Korruptionsbekämpfung“ – viele junge Menschen zusammengebracht hat. Die haben viel Energie, um ihr Land zu verändern.

Ich finde es sehr gut, was beispielsweise der Widerstand gegen die Rentenreform in Russland gezeigt hat. Während der Proteste gingen viele Menschen auf die Straße – auch viele Studenten und Teenager. Es war wirklich cool und die Leute haben wirklich etwas verändert. Die ältere Generation ist darauf nicht besonders gut vorbereitet. Die Älteren wissen nicht genau, was es bedeutet, an Bewegungen und Straßenprotesten teilzunehmen.

Wie schwierig ist es, ein Künstler im modernen Russland zu sein?

Veronika: Politischer Aktivist oder politischer Künstler in Russland zu sein, ist wie Dubstep auf einem Schießpulverlauf zu tanzen: Man weiß nie, wann und wie brutal es explodieren wird.