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Armutsreport: Wer ist arm? Und wenn ja, wie viele?

Armutsreport: Wer ist arm? Und wenn ja, wie viele?
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REUTERS/Andres Martinez Casares
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Die Nichtregierungsorganisation Oxfam hat ihren Bericht zu Armut und Reichtum präsentiert. Pünktlich zum Weltwirtschaftsforum in Davos, dem Aushängeschild des Neoliberalismus, erheben die Kapitalismuskritiker wieder kollektive Anklage gegen die Superreichen.

"Im vergangenen Jahr hat sich das Vermögen der Milliardäre um zweieinhalb Milliarden Dollar pro Tag erhöht", so Oxfam-Chefin Winnie Byanyima, "die untere Hälfte der Menschheit, 3,8 Milliarden Menschen, hat dagegen 500 Millionen Dollar pro Tag verloren." Byanyima sieht darin eine Tendenz. Auch, wenn Oxfam als Erfolg hervorhebt, dass die Zahl der Menschen gesunken ist, die von weniger als 1,90 US-Dollar am Tag leben müssen, sieht die Organisation kritisch in die Zukunft. Der Trend, dass Menschen aus dieser extremen Armut herauskommen, schwächt sich demnach ab. Schlechter wird die Lage Daten der Weltbank zufolge vor allem in Afrika südlich der Sahara.

Aber auch, wenn die Daten von Oxfam stimmen, so gibt es doch Kritik: Einige Experten bemängeln, die Zahlen zu Armut und Reichtum aus unterschiedlichen Quellen seien so einfach nicht zu vergleichen. So stammen die Daten zur Armut von der Bank Credit Suisse, die Liste der Superreichen vom Forbes-Magazin. Äpfel und Birnen orten einige da.

Armer Uni-Absolvent

Ein Beispiel: Nach der Methode des Credit-Suisse-Reports hätte ein Uni-Absolvent eines Industrielandes, der zwar einen lukrativen Job begonnen, aber noch Zehntausende Euro Schulden aus einem Studentendarlehen hat, weniger Vermögen als ein schuldenfreier Bettler in Bangladesch, der womöglich von 1,50 Dollar am Tag über die Runden kommen muss. Oxfam stelle – so die Kritik – den Job-Neuling deswegen ärmer dar als den extrem bedürftigen Menschen in einem Entwicklungsland.

Oxfam argumentiert, selbst ohne solch extreme Fälle sei das Problem noch extrem. Die Ungleichverteilung des Kapitals ist selbst unter Oxfam-Kritikern anerkannt.

Und dann gibt es da noch das Problem der Definition von Armut. Mit 1,90 Dollar kann man in einem Land wesentlich mehr erreichen als anderswo. Und wer sich gut selbst versorgen kann, mit eigener Landwirtschaft, eigenen Äckern und Vieh, der hat es unter Umständen einfacher als der, der mit gar nicht so wenigen Dollars pro Tag in einer Stadt auskommen muss. Die Wissenschaft setzt deshalb heute großteils auf komplexere Armutsdefinitionen, die das Problem besser erfassen sollen – aber auch nicht ohne Angriffsfläche für Kritik daherkommen.

Weitere Informationen

Was ist arm, wer ist arm?

Armut und ihre Entwicklung

Kurzfilme zum Thema Armut

Der Oxfam-Bericht