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Schutz gegen K.o.-Tropfen: Studentin entwickelt Armband

Schutz gegen K.o.-Tropfen: Studentin entwickelt Armband
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Bild von Markus Spiske auf Pixabay
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Es ist wohl der Albtraum vieler Feiernder: K.o.-Tropfen im Drink. Kim Eisenmann hat zusammen mit ihrem Freund Sven Häuser ein Armband entwickelt, das die Substanz erkennen soll.

Die beiden Erfinder wollen mit ihrem Armband "Xantus" das Feiern sicherer machen und die Anzahl der K.o.-Tropfen Opfer reduzieren. Das Armband ist weiß, gleicht einem Eintrittsbändchen. Auf ihm befinden sich zwei grüne Kreise. Ein Tropfen eines Getränks reicht, um den Drink auf K.o.-Tropfen zu testen. Ist der Befund positiv, färbt sich der Kreis blau.

Das Thema K.o.-Tropfen ist völlig außer Kontrolle.
Kim Eisenmann
Erfinderin K.o.-Tropfen-Armband

Vom Schrecken zur Erfindung

Auch eine Bekannte von Eisenmann wurde Opfer von K.o.-Tropfen. Nach einem Stadtfest wurde sie verletzt und ohne Kleidung in einem Park gefunden, konnte sich an nichts erinnern. Eisenmann und ihr Freund waren auf derselben Veranstaltung. Die Gefahr habe sich durch diesen Vorfall nah angefühlt. Es hätte genauso gut sie erwischen können. "Man denkt immer, dass einem das selbst oder Freunden nicht passieren kann", erzählt Eisenmann. Solange, bis es dann doch dazu komme.

Xantus

Dieser Moment sei der Startschuss gewesen. Da es bislang kein Produkt gab, das vor solchen Angriffen schützen kann, beschlossen Eisenmann und Häuser, eines zu entwickeln. Laut Eisenmann ist das Problem dringend. "Das Thema K.o.-Tropfen ist völlig außer Kontrolle. Das muss man so sagen. Das will die Polizei nicht hören, das ist aber so", sagt sie.

Denn K.o.-Tropfen seien gefährlicher, als viele annehmen. "Das ist auf jeden Fall eine Mordwaffe. Man darf nie vergessen, dosiert man gewisse K.o.-Tropfen ein, zwei, drei Milliliter zu viel, kann man Menschen damit töten. Das ist nichts, das ist eine kleine Pfütze", erklärt Eisenmann.

Armband soll auch als Erinnerung dienen

Das Armband soll auch als Prävention dienen: Dadurch, dass Frauen es am Arm tragen, können Täter abgeschreckt werden, hofft Eisenmann. „Wenn man davon ausgeht, dass das Armband bekannt wird, dann wissen auch die bösen Jungs, was das ist", so die Erfinderin.

Noch dazu soll das Armband zur Aufklärung beitragen. Vor allem junge Menschen sollen sich darüber klarwerden, dass K.o.-Tropfen jederzeit und überall auftauchen können. Das Armband dient so auch zur Erinnerung, achtsam zu sein.

"Wenn jemand beispielsweise eine Shot-Runde ausgibt, den ich nicht kenne, erinnert einen so ein kurzer Blick aufs Handgelenk daran: 'Da war was, pass mal lieber auf, willst du das wirklich trinken?' Dann geht man nicht mehr so leichtfertig damit um", sagt Eisenmann.

Dosiert man gewisse K.o.-Tropfen ein, zwei, drei Milliliter zu viel, kann man Menschen damit töten. Das ist auf jeden Fall eine Mordwaffe.
Kim Eisenmann
Erfinderin K.o.-Tropfen-Armband

Nach 72 Stunden ausverkauft

Das Armband konnte man zunächst nur im Online-Shop einer deutschen Drogeriemarktkette kaufen. Nach drei Tagen war der erste Schwung Armbänder laut Eisenmann ausverkauft. Eine Nachlieferung sei innerhalb von 48 Stunden vergriffen gewesen. Jetzt kommt das Armband auch in die Filialen. In etwa drei Monaten wird es dort in den Regalen liegen. Darüber freut sich die Unternehmerin. „Es ist ja auch ein Produkt, das man gern mal mitnimmt. Zielgruppe sind auch Eltern und die kaufen gerne noch offline.“

Viele Männer kaufen das Armband

Denn obwohl die eigentliche Zielgruppe junge Menschen sind, beobachtete Eisenmann bei den Verkäufen über den eigenen Online-Shop, dass vor allem Männer das Armband gekauft haben. "Das hat uns total gewundert", sagt sie. "Wir dachten, als wir mit dem Produkt gestartet sind, dass es mehr so ein 'Mama-Ding' ist." Eisenmann geht davon aus, dass ihre männlichen Kunden sowohl Väter als auch Partner der zukünftigen Armbandträgerinnen sind.

Zusammen mit Häuser hat Eisenmann vor dem Armband schon andere Produkte erfunden. "Wir sind Seriengründer und machen das hauptberuflich", so Eisenmann. "Dabei bin ich noch immatrikuliert, ich bin im Master. Man kann sich vorstellen, das Studium ist Priorität Nummer Siebentausendmillionen", sagt die 25-Jährige lachend.

Kooperationen mit Clubs und Bars

Eisenmann wünscht sich, dass ihr Produkt in Zukunft auch in Nachtclubs und Bars angeboten wird. Doch bisher stoßen die Erfinder mit ihrem Wunsch auf taube Ohren. Viele Besitzer sträuben sich laut der Erfinderin, über das Thema K.o.-Tropfen überhaupt zu sprechen.

Xantus
Armband färbt sich bei K.o.-Tropfen blau.Xantus

"Das ist ein ganz, ganz heikles Thema. Die Clubbetreiber haben noch nicht verstanden haben, dass das ein zusätzlicher Sicherheitsgewinn ist. Viele haben Imagesorgen. Ein Gegenbeispiel wäre: Wenn ich Kondome im Club verteile, heißt das auch nicht, hier laufen nur Menschen rum, die Aids haben", sagt Eisenmann.

Dabei könnte ihre Erfindung nicht nur zur Sicherheit einzelner Personen beitragen. Wenn jemand ein Getränk positiv auf K.o.-Tropfen testet, könne man das melden und der Club gegen den Täter vorgehen.

Janine Eichberg von der Sicherheitsakademie Berlin erklärt zudem, dass ein spezielles Training für angehende Türsteher, wie man erkennt, ob jemandem K.o.-Tropfen verabreicht wurden, nicht von der Industrie- und Handelskammer (IHK) vorgesehen ist. "Die Fälle sind noch nicht so häufig", sagt Eichberg. "Da sind Schlägereien eher an der Tagesordnung. Auch wenn es ein wichtiges Thema ist, gerade als Frau."

Kritik am Armband

Ganz perfekt ist Xantus jedoch noch nicht: Das Armband erkennt nur die am häufigsten benutzten K.o.-Tropfen. Es ist also kein Rundum-Schutz.

Man könnte zudem argumentieren, dass das Armband die Verantwortung - mal wieder - den Frauen zuschiebt. Denn genau, wie manche Menschen behaupten, Frauen sollen sich bedeckter kleiden, um nicht vergewaltigt zu werden, suchen Frauen mit dem Armband aktiv selbst Schutz. Dabei sollte es den Tätern schwerer gemacht werden.

„Man muss sich glaube ich eine Gegenfrage stellen: Wie würde es denn weitergehen, wenn es dieses Armband nicht gäbe? Dann hätten wir den Fall, dass es so wie bisher ist. Dass beinahe jeder jemanden kennt, der schon mal Erfahrungen mit K.o.-Tropfen gemacht hat", sagt Eisenmann zu dieser Kritik. Und genau das will sie mit ihrer Erfindung ändern.

So wirken K.o.-Tropfen

In K.o.-Tropfen ist die Substanz Gamma-Hydroxybuttersäure (GHB), bekannt als Liquid Ectasy, enthalten. Der gemeinnützige Verein "Weißer Ring" klärt über K.o.-Tropfen auf und hilft Kriminalitätsopfern. Die K.o.-Tropfen sind farb- und geschmacklos. Sie wirken schnell: Bereits nach zehn Minuten können Schwindelgefühle und Übelkeit einsetzen.

Die Wirkung gleicht der von Alkohol, weswegen es oft schwer erkennbar ist, ob ein Opfer einfach "nur" betrunken ist oder Opfer von K.o.-Tropfen wurde. Meist können sich Opfer auch nicht mehr erinnern, was passiert ist. Deswegen werden K.o.-Tropfen auch oft als Vergewaltigungsdroge bezeichnet, da sie das Opfer willenlos machen.

Anzahl der K.o.-Tropfen-Opfer unklar

Verlässliche Statistiken, wie viele Menschen Opfer von K.o.-Tropfen werden, gibt es nicht. Das liegt vor allem daran, dass die meisten Betroffenen es entweder gar nicht oder zu spät merken, dass sie die Tropfen verabreicht bekommen haben. Die Substanz kann meist nur sechs, maximal zwölf Stunden nach Einnahme im Blut nachgewiesen werden. Gemeldet werden nur wenige Fälle, die Dunkelziffer ist vermutlich weitaus höher.

Opfer von K.o.-Tropfen werden von der Polizei nicht gesondert erfasst. "Wir haben keine genauen Opferzahlen", sagt Horst Haug vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg. "Die laufen unter 'Körperverletzung durch Vergiftung'. Darunter fällt aber auch beispielsweise eine Vergiftung mit Rattengift."

Im Jahr 2017 gab es in Baden-Württemberg Haug zufolge 205 Fälle der Körperverletzung durch Vergiftung. "Die meisten davon haben vermutlich etwas mit K.o.-Tropfen zu tun. Aber ganz sicher ist das nicht", erklärt Haug. 2015 gab es in Baden-Württemberg drei nachweisbare Todesfälle durch K.o.-Tropfen.

Täter sind nicht nur Unbekannte, oft stammen sie aus dem Umfeld des Opfers. "Auf einer privaten Feier, wenn man eingeladen ist und gemeinsam feiert, beispielsweise in der Halle einer Universität, fällt das unter die Rubrik Beziehungstat. Man kennt vielleicht den Täter, auch wenn man das nicht sofort erkennt", sagt Haug.

Was tun, wenn jemand Opfer von K.o.-Tropfen wurde?

Der Test auf K.o.-Tropfen ist laut Joachim Odenbach, Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft, keine Kassenleistung. Es sei den Krankenhäusern überlassen, ob sie die Untersuchung kostenlos anbieten oder eine Bezahlung verlangen. Auch deren Höhe könnten die Kliniken selbst festlegen, die Kosten seien aber in jedem Fall dreistellig.

Er rät dazu, sich immer an die Polizei zu wenden. Denn wenn die Beamten den Verdacht für begründet hielten, entstünden den Betroffenen keine Kosten. "Es ist außerdem sinnvoller, über geschulte Institutionen zu gehen und nicht in die Notaufnahme, wo Sie neben einem gebrochenen Arm liegen", führt er an.

Manche Menschen, die denken, sie seien Opfer von K.o.-Tropfen geworden, wollen laut Odenbach jedoch keine Anzeige stellen. Für diejenigen gebe es in einigen Städten, wie beispielsweise in Köln, Projekte wie die "Anonyme Spurensicherung nach Sexualstraftaten". "Dort wird auch ohne eine polizeiliche Anzeige eine vollständige, gerichtsverwertbare Beweismittelsicherung durchgeführt. Diese Angebote sind kostenfrei", erklärt Odenbach.