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Billiges Bier! Tschechiens Brauereien haben einen Rettungsplan

Billiges Bier online "retten" - ein Appell an tschechische (Bier-)Herzen
Billiges Bier online "retten" - ein Appell an tschechische (Bier-)Herzen   -   Copyright  AP
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Die Tschechn gehören zu den größten Biertrinkern der Welt. Inmitten der Coronavirus-Krise haben die Brauereien nun ihre treuen KundeInnen um Unterstützung gebeten.

Denn hunderten von Kleinbrauereien machen sich um ihr Bestehen Sorgen seit Mitte März eine landesweite Schließung von Bars und Restaurants angeordnet wurde.

Nicht nur die Einnahmen sind drastisch zurückgegangen, die Kleinbrauer sitzen auf einem riesigen Vorrat an Bier, dessen Haltbarkeitsdatum bald erreicht ist.

Auf einer eigens eingerichteten Website werden TschechInnen dazu auffordert, besagtes Bier günstiger zu erwerben und so die Kleinstbrauereien zu unterstützen.

"Wir verkaufen unser Bier in unserer eigenen Kneipe und in einer anderen Bar, aber da sie alle geschlossen sind, ist das ein Problem", sagte Premysl Lexa, Chefbrauer der Brauerei Moritz Inn.

Die im Osten des Landes gelegene Moritz Inn ist eine von fast 170 Kleinbrauereien, die sich der Initiative ZachranPivo ("Rettet das Bier") angeschlossen haben, einer kürzlich gestarteten Initiative, die es kleinen Brauereien ermöglicht, ihre überschüssigen Bestände zu verkaufen, bevor sie verdorben sind.

Einen halben Liter gibt es je nach Brauerei schon für rund 1,50 €, 50 Liter für unter 30 €.

Riesige Umsatzeinbußen - sind die Kleinstbrauer noch zu retten?

Die benutzerfreundliche Website hilft den Kunden, die nächstgelegene Brauerei zu finden und eine Online-Bestellung machen. Die Getränke können dann anschließend abgeholt werden.

Am 2.April gab es 6.595.741 Flaschen Bier aus 189 Mikro-Brauereien, die "darauf warten, gerettet zu werden", heißt es auf der Website.

Laut Schätzung des Verbands der Kleinbrauereien in Tschechien wird ein Viertel dieser kleinen, oft familiengeführten Unternehmen die derzeitige Krise nicht überleben.

Diese Prognose wurde vor einer Woche abgegeben...

"Heute bin ich noch pessimistischer", sagte Michal Pomahac, der Eigentümer der Familienbrauerei Kytin in der Nähe von Prag und Mitbegründer der Initiative "Save The Beer".

Seine eigene Brauerei habe seit Beginn der Restriktionen Mitte März 80 Prozent des Umsatzes verloren, sagte Pomahac. Und das sei nicht so schlimm wie Brauereien, die nur Bier für Fässer herstellen, von denen einige innerhalb kürzester ihren gesamten Umsatz verloren haben.

Viele Brauereien haben in Erwartung des steigenden Handels zu Ostern Anfang April in den vergangenen Monaten mehr produziert. Doch die Zwangsschließung von Bars und Restaurants bedeutet, dass die meisten Brauereien nun ohne Kunden sind.

Heute bin ich noch pessimistischer
Michal Pomahac
Familienbrauerei Kytin

Die größeren Brauereien haben inzwischen die Verträge, ihre Marken in den Supermärkten gut vorrätig zu halten. Doch für viele Kleinbrauereien, die unfiltriertes handwerklich hergestelltes Bier mit kurzer Haltbarkeitsdauer produzieren, ist es ein Wettlauf gegen die Zeit.

Tschechien hatte 2016 die siebtgrößte Bierindustrie in der EU. Eine Umfrage im vergangenen Jahr ergab, dass es neben sechs großen Brauereien fast 30 mittelgroße und 440 Kleinbrauereien gibt, gegenüber 160 im Jahr 2012.

Tschechische Firmen exportierten im vergangenen Jahr rekordverdächtige 5,16 Millionen Hektoliter Bier, was nach Angaben des tschechischen Bier- und Malzverbandes einen Anstieg von 11 Prozent gegenüber 2018 bedeutet. Der Wert der Bierexporte lag 2018 bei etwa 290 Millionen Euro. Plzensky Prazdroj, die größte Brauerei des Landes, war in diesem Jahr angeblich der zehntgrößte Steuerzahler des Landes.

Bier ist eine 143 Liter schwere Tradition

Aber Bier ist für die Tschechen mehr als nur ein Geschäft. Seit Jahren hat das Land den größten Bierkonsum pro Kopf in der Welt, wobei jeder Tscheche durchschnittlich 143 Liter Bier pro Jahr konsumiert, wie aus einem Bericht der Kirin-Bier-Universität über den weltweiten Bierkonsum im Jahr 2016 hervorgeht.

Vielen ist dieses Kulturgut so heilig, dass einige Bars trotz staatlicher Vorschriften geöffnet haben, während andere versucht haben, die neuen Beschränkungen zu umgehen, indem sie ihr Bier durch die Fenster für den Konsum im Freien verkaufen. Dabei hält man sich technisch gesehen an die Vorschriften, doch Behörden sind gegen solche Praktiken trotzdem hart vorgegangen, wie lokale Medien berichten.

Eine Bar in Uherske Hradiste, im Südosten der Tschechischen Republik, wurde Berichten zufolge letzte Woche mit einer Geldstrafe von drei Millionen Kronen (etwa 110.000 Euro) belegt, nachdem sie Kunden in ihrem Biergarten bedient hatte.

Bislang deuten die meisten Berichte jedoch darauf hin, dass die Tschechen unter Einhaltung der Notstandsregelungen schließen und die strengen Einschränkungen der Freizügigkeit durch die Regierung unterstützen, die Premierminister Andrej Babis bis zum 11. April verlängert hat.

Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19 lag am 2. April bei 40, 3.604 Infektionen wurden insgesamt erfasst.

Asahi setzt auf Flaschenbiere und Supermärkte

Die meisten Wirtschaftswissenschaftler erwarten nun, dass Tschechien in diesem Jahr in eine Rezession eintreten wird. Wie auch in anderen Wirtschaftsbereichen werden die größeren Firmen der Bierindustrie diese Krise wahrscheinlich besser überstehen als kleinere Unternehmen.

Der japanische Getränkeriese Asahi zum Beispiel ist Eigentümer der größten Brauerei des Landes, Plzensky Prazdroj, und besitzt einige der wichtigsten Biermarken des Landes, wie Pilsner Urquell, Radegast und das alkoholfreie Birell.

Tomas Mraz, Verkaufsdirektor von Plzensky Prazdroj, sagt, dass die Brauereien des Unternehmens derzeit "voll funktionsfähig" seien. Während die Lieferung von Bier in Tanks und Fässern vollständig eingestellt wurde, haben sie den Vertrieb von Dosen- oder Flaschenbier für Läden und Einzelhandelsketten erhöht, sagte er.

"Es ist jetzt noch zu früh, um die Auswirkungen der aktuellen Situation auf unser Geschäft und das gesamte Segment zu bewerten", fügte Mraz hinzu.

Kleinere Firmen werden wahrscheinlich ein schlechteres Schicksal erleiden. Eine Umfrage der tschechischen Handelskammer ergab in der vergangenen Woche, dass sieben Prozent aller Unternehmen aufgrund der COVID-19-Krise Entlassungen oder vorübergehende Entlassungen vorgenommen haben, wobei sich dieser Anteil laut der Lokalzeitung Dnes auf fast ein Fünftel der Firmen im Restaurant- und Barbereich erhöht hat.

Wie andere europäische Staaten hat auch die tschechische Regierung ein beträchtliches finanzielles Konjunkturpaket angekündigt, um Unternehmen und Haushalte bei der Bewältigung der Krise zu unterstützen. Allerdings herrscht große Verwirrung darüber, wie kleine Firmen an das Notfallgeld gelangen können und wie lange die Verteilung dauern wird.

"Das Schlimmste ist, dass niemand das Ende sehen kann", sagte Pomahac von der Kytin-Brauerei, der glaubt, dass einige Einschränkungen drei Monate lang bestehen bleiben werden. "Und selbst wenn sie die Kneipen öffnen", fügte er hinzu, "wird niemand darauf erpicht sein, sich in geschlossenen Räumen zu versammeln... Es gibt fast keine Unterstützung von der tschechischen Regierung, so dass den meisten Lokalen einfach das Geld ausgeht."