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Nachgefragt: Was wissen wir über Hydroxychloroquin?

Virus Outbreak Malaria Drug
Virus Outbreak Malaria Drug   -   Copyright  John Locher/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved.
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Hydroxychloroquin wurde vom US-Präsidenten mehrmals als "Heilmittel" zur Behandlung von Covid-19 angepriesen. Am Montag ging Trump noch weiter und erklärte, er habe das Medikament als Präventivmaßnahme gegen SARS-CoV-2 eingenommen.

Über das Medikament gibt es nicht nur unterschiedliche Ansichten unter Wissenschaftlern, zu Hydroxychloroquin gibt es auch eine Art politsche Debatte. Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte Mitte April klinische Studien dazu angekündigt. Bereis zuvor realisierte Studien haben eine In-vitro-Wirkung bei SARS-Cov2 gezeigt, aber die wissenschaftlichen In-vitro-Ergebnisse sind nicht in vivo beim Menschen nachgewiesen.

Da Chloroquin und Hydroxychloroquin bekannte und preiswerte Moleküle sind, haben sie vor allem in Afrika Hoffnung geweckt.

Was ist Hydroxychloroquin?

Chloroquin und das besser verträgliche Derivat Hydroxychloroquin werden seit Jahrzehnten als Malariamittel und zur Behandlung anderer so genannter Protozoen-Infektionen eingesetzt.

Zudem wurde der Einsatz auf die Behandlung rheumatischer Erkrankungen ausgeweitet. Das Medikament wirkt als "immunmodulatorischer Wirkstoff", sagte Dr. Petr Horák, Präsident der Europäischen Vereinigung der Krankenhausapotheker (EAHP), gegenüber Euronews. Solche Medikamente können eine Immunantwort beeinflussen und in einigen Fällen als antivirales oder entzündungshemmendes Mittel bei seltenen Krankheiten wirken.

Warum wird Hydroxychloroquin zur Bekämpfung von Covid-19 erprobt?

Das Medikament wurde 2003 versuchsweise zur Behandlung von SARS eingesetzt, und mit SARS-CoV-2, einem weiteren Coronavirus, haben Mediziner Hydroxychloroquin erneut erprobt. "Es gibt einen gewissen Verdienst an dem Konzept und an der Forschung zu Hydroxychloroquin", sagte Dr. Hamid A. Merchant, Pharmakologe der Universität Huddersfield gegenüber Euronews. Diese basiert auf der entzündungshemmenden Wirkung, die Hydroxychloroquin haben kann, und auf der Frage, ob es zur Behandlung schwerer Fälle von Lungenentzündung auf zellulärer Ebene eingesetzt werden könnte oder zumindest die durch SARS-CoV-2 verursachte Entzündung in den Lungen dämpfen könnte.

Welche Nebenwirkungen kann Hydroxychloroquin verursachen?

Hydroxychloroquin gibt es nur auf Rezept, und es kann schwerwiegende Nebenwirkungen haben, insbesondere bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Menschen mit Herzschrittmachern oder Diabetes. Es kann zu einer Verlängerung des QT-Intervalls des Herzrhythmus und damit zu schweren Herzrhythmusstörungen führen. "Das sehen wir auf dem Elektrokardiogramm", erklärt Dr. Horák. "Es ist eine der wichtigsten Nebenwirkungen, und es kann noch schlimmer werden, wenn Menschen bestimmte Medikamente wie einige Antibiotika oder Antidepressiva einnehmen, und insgesamt kann es sehr schwerwiegende Nebenwirkungen haben, und sogar lebensbedrohlich sein".

"Aber es gibt noch mehr Nebenwirkungen", warnt Dr. Horák. Hydroxuchloroquin kann Haut- und Augenschäden wie Retinopathie verursachen. Die Verabreichung solcher Medikamente während einer Pandemie wirft ethische Fragen auf - nämlich die, ob sie mehr Schaden als Nutzen anrichten. In jedem Fall ist vor der Verabreichung des Medikaments eine medizinische Beurteilung erforderlich.

"Das ist es, was die Menschen verstehen müssen", sagt Dr. Syed Shahzad Hasan, Senior Research Fellow an der Abteilung für Pharmazie der Universität Huddersfield gegenüber Euronews. "Hydroxychloroquin ist kein Paracetamol - es ist ein rezeptpflichtiges Medikament. Daher ist eine Konsultation mit einem Arzt erforderlich". Über eine medizinische Beratung hinaus sei in einigen Fällen auch eine Überwachung erforderlich, meint Dr. Hasan. "Die Beratung sollte jemand übernehmen, der sich um den Patienten kümmert und seine Krankengeschichte kennt".

"Ich würde den europäischen Bürgern raten, Hydroxychloroquin nicht einzunehmen, es sei denn, es wird von einem Arzt verschrieben", sagt Dr. Horák.

Der umstrittene Prof. Raoult und die Studien

Prof. Didier Raoult - der in Marseille an der Klinik IHU Méditerranée tätig ist - hat mehrere Studien veröffentlicht, die seiner Meinung nach die Wirksamkeit von Hydroxychloroquin in Verbindung mit dem Antibiotikum, Azithromycin, bei Covid1ç-Patienten zeigen. Für ihn rechtfertigt der gesundheitliche Notstand durch die Pandemie eine breite Anwendung dieses Medikaments.

Raoult befürwortet die Verabreichung - zusammen mit dem Antibiotikum - ab den ersten Symptomen und stellt in seiner dritten Studie mit mehr als 1000 Patienten fest, dass nach 10 Tagen mehr als neun von zehn (91,7%) keine Viruslast mehr zeigten.

Aber diese Zahl ist, ebenso wie die Sterblichkeitsrate der behandelten Patienten, mit der, die im natürlichen Krankheitsverlauf beobachtet wurde, vergleichbar.

Experten verweisen auf die methodischen Verzerrungen dieser Studie: es gab keine Kontrollgruppe, was es nach Ansicht der Kritiker unmöglich macht, etwas über die Wirksamkeit von Hyrdoxychloroquin nachzuweisen.

Darüber hinaus wiesen 95% der behandelten Patienten nur sehr milde Symptome auf. Sie hätten, wie die meisten Patienten, spontan heilen können, mit oder ohne Behandlung.

Eine in New Yorker Krankenhäusern durchgeführte Studie, die Anfang Mai in der US-amerikanischen Zeitschrift NEJM publik gemacht wurde, zeigt, dass Hydroxychloroquin die Situation von Patienten in ernstem Zustand weder verbessert noch signifikant verschlechtert hat.

Zwei Studien, eine chinesische und eine französische, die Mitte Mai veröffentlicht wurden, ergaben, dass Hydroxychloroquin das Risiko der intensivmedizinischen Behandlung oder des Todes bei Patienten, die mit Lungenentzündung wegen Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert werden, nicht signifikant reduziert.

Spätestens seit Ende April zieht der französische Ärzteverband "Ordre des médecins" Sanktionen gegen Prof. Raoult in Erwägung. Der Berufsverband spricht laut La Dépeche von einer "sofortigen Aussetzung der Tätigkeit von Ärzten", die Behandlungen durchführen würden, die nicht wissenschaftlich validiert sind.