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Coronakrise: Die EU spannt ein soziales Netz

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Coronakrise: Die EU spannt ein soziales Netz
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In dieser Real-Economy-Folge geht es um die Auswirkungen der Coronakrise auf die schwächsten Gruppen der Gesellschaft in Europa. Was tut die Europäische Union, um ihnen zu helfen? In Portugal zeigen wir, wie die EU auf die Bedürfnisse einer wachsenden Zahl benachteiligter Menschen reagiert. Und wir interviewen die Präsidentin der Stiftung für Progressive Europäische Studien. Welche Maßnahmen ergreift die EU zum Schutz der Menschen?

Aufgrund der Pandemie wird die Zahl der bedürftigen Menschen steigen und das Leben für diejenigen, die am Existenzminimum leben, noch schwieriger werden. Welche kurz- und langfristigen Maßnahmen ergreift die EU zum Schutz der Menschen?

Überblick: Was bedeutet Armut in Europa?

Das Leben der ärmsten Menschen in Europa wird durch einen Mangel an Ressourcen stark eingeschränkt. Sie können es sich nicht leisten:

  • die Miete oder Stromrechnungen zu bezahlen
  • ihre Wohnungen zu heizen
  • jeden zweiten Tag hochwertiges Eiweiß wie Fisch und Fleisch zu essen
  • eine Woche Urlaub zu machen
  • ein Auto zu fahren, eine Waschmaschine oder einen Farbfernseher zu besitzen
  • ein Telefon zu bezahlen.

2019 waren 5,6 Prozent der EU-Bevölkerung in dieser Situation. Das sind rund 24 Millionen Menschen.

Laut Voraussagen wird die Corona-Pandemie die Zahl der bedürftigen Menschen in Europa deutlich steigen lassen.

Das Armuts-Risiko ist besonders hoch für junge Menschen, Menschen mit niedrigem Bildungsniveau und Alleinerziehende und in diesem Fall besonders Frauen.

Bulgarien (19,9 %), Griechenland (15,9 %) und Rumänien (12,6 %) wiesen im vergangenen Jahr die höchsten Armuts-Raten in der EU auf.

Europäischer Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen

Der Europäische Hilfsfonds für die am stärksten benachteiligten Personen (FEAD) stellt zwischen 2014 und 2020 3,8 Milliarden Euro EU-Mittel für Bedürftige bereit. Die Hilfe umfasst grundlegende materielle Unterstützung sowie u.a. Nahrungsmittel, Kleidung und andere wichtige Bedarfsartikel wie Schulmaterial und Toilettenartikel. In Portugal, einem Land, das jahrelang mit einer Finanzkrise kämpfte, sind mehr als 2 Millionen Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. In Lissabon haben wir uns angeschaut, wie Bedürftige in der Coronakrise dabei unterstützt werden, ihre Grundbedürfnisse, - einschließlich der täglichen Ernährung, zu decken.

In Lissabon passt sich die Hilfsorganisation "Santa Casa da Misericordia" an die neue Realität an, die durch die Coronakrise entstanden ist. Trotz der derzeitigen Hygiene-Schutzmaßnahmen werden weiterhin ausgewogene Lebensmittelpakete an Bedürftige ausgegeben. Jeden Monat profitieren 1.200 Familien davon, wie die Buchhalterin Sandra. Sie ist seit einem Jahr arbeitslos. Sie kommt dank einer Eingliederungshilfe und der gespendeten Lebensmittel über die Runden:

"Das ist wichtig für mich, weil es die Lücke für viele Dinge füllt, die ich mir nicht leisten kann", sagt Sandra Basílio. "Zum Beispiel fehlt mir eine Menge Milch und jetzt habe ich zwei Sechserpacks Ein-Liter-Packungen bekommen. Mit dem dafür gesparten Geld kann ich Strom, Wasser und Gas bezahlen."

Lebensmittelpakete wie die für Sandra werden mit Mitteln aus dem europäischen FEAD-Hilfsfonds finanziert - in Portugal sind das 177 Millionen Euro für Lebensmittel und materielle Unterstützung. Die Hilfsorganisationen, die sie verteilen, können mit den Mitteln auch Schutzausrüstung kaufen, um die Unterstützung weiterhin gewährleisten zu können.

Arbeitslosigkeit wird steigen

In Portugal wird sich die Arbeitslosenquote laut IWF 2020 verdoppeln - das entspricht Zehntausenden von Arbeitsplätzen. Das folgende Paar ist ein Beispiel: Die Frau verlor 80 Prozent ihres Einkommens als selbstständige Verkäuferin. Ihr Mann arbeitete im Tourismussekor. Sein Vertrag wurde nicht verlängert. Ein harter Schlag für das Paar, das früher selbst ehrenamtlich in der Lebensmittelausgabe arbeitete.

"Jetzt sind wir es, die diese Art von Unterstützung brauchen. Das konnte ich mir nicht vorstellen", meint der Mann. Seine Frau ergänzt: "Die einzige Sicherheit, die wir noch haben, sind die verbleibenden 20 Prozent meiner Tätigkeit und diese Lebensmittelhilfe. Wir haben auch ein Kind, das macht es noch schwerer. Mit dieser Unterstützung schaffen wir es, andere Ausgaben zu bezahlen, um sicher zu sein, den Monat zu überstehen."

Mit dem Einkommensrückgang der Haushalte wird die Nachfrage nach Lebensmittelhilfe voraussichtlich erheblich steigen. Bei der Casa da Misericordia ging sie bereits um 15 Prozent nach oben. Arbeitnehmer mit niedrigen Löhnen sind am stärksten darauf angewiesen.

"Zu uns kommen die unterschiedlichsten Personen, aber vor allem Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben", erzählt Susana Veiga Ferreira, Projektkoordinatorin Santa Casa da Misericordia de Lisboa. "Wir gehen davon aus, dass es zu einem Anstieg der Lebensmittelhilfe um etwa 50 Prozent kommen könnte. Gerade sind wir in einer Anpassungsphase, d.h. wir müssen die gesamte Logistik anpassen und die Verfügbarkeit von Lagerplätzen prüfen. Die Casa da Misericordia verfügt über erhebliche Besitztümer, auch europäische Fonds sind eine sehr nützliche Quelle, um diese finanzielle Anstrengung zu stemmen."

Interviews mit der Stiftungs-Präsidentin für Progressive Europäische Studien

In Brüssel spricht euronews-Reporterin Efi Koutsokosta mit der Präsidentin der Stiftung für Progressive Europäische StudienDr. Maria João Rodrigues:

Euronews-Reporterin Efi Koutsokosta:
Frau Rodrigues, vielen Dank, dass Sie unser Gast bei Euronews sind. Die Rezession ist bereits zu spüren. Junge Menschen oder Alleinerziehende sind davon am stärksten betroffen. Welche kurz- und langfristigen Maßnahmen ergreift die EU zum Schutz der Menschen?

Maria João Rodrigues:
Lassen Sie mich auf die von ihnen angesprochenen Gruppen eingehen: junge Menschen. Viele von ihnen haben Jobs, die aber unsicher sind. Wir müssen also dafür sorgen, dass befristete Verträge verlängert werden. Sie haben auch Alleinerziehende angesprochen. Diese stehen vor dem Dilemma, entweder zur Arbeit zu gehen und ihre Kinder zu Hause bzw. in der Schule zu lassen, was nicht sicher genug ist. Oder sie bleiben bei ihren Kindern zu Hause und verlieren ihr Gehalt und ihren Arbeitsplatz. Wir müssen Freisetzungsregeln für Alleinerziehende ausweiten, um sicherzustellen, dass sie nicht mit diesem schrecklichen Dilemma konfrontiert werden.

Euronews:
Und was ist mit den Tausenden von Schwarzarbeitern oder Erntehelfern, die keine Möglichkeit haben, zum Beispiel Arbeitslosengeld zu beantragen, Wie kann man diese Menschen schützen?

Maria João Rodrigues:
Lassen Sie mich auf eine sinnvolle Maßnahme hinweisen, die in Portugal eingeführt wurde. Dort wird diesen Menschen die Möglichkeit geboten, sich anzumelden, um in den Genuss sozialer Rechte zu kommen. Auf diese Weise können wir Schwarzarbeit ohne Rechte in legale Arbeit mit Rechten verwandeln. Meiner Meinung nach ist das eine Win-Win-Situation. Denn einerseits profitieren die Arbeitnehmer davon und andererseits auch die Sozialsysteme, denn sobald diese Arbeitnehmer angemeldet arbeiten, zahlen sie auch ihre Steuern und Sozialbeiträge.

Euronews:
Wie profitieren die am stärksten benachteiligten Menschen vom derzeit diskutierten Konjunkturfonds?

Maria João Rodrigues:
Wir müssen sicherstellen, dass vor allem mittelständische Unternehmen eine direkte finanzielle Unterstützung erhalten. Damit sie überleben und ihre Aktivitäten wieder aufnehmen können. Und schließlich müssen wir dafür sorgen, dass Mindesteinkommens-Systeme überall funktionieren, damit alle vor einem Absturz in die Armut geschützt werden. Diese Art der Unterstützung kann nur funktionieren, wenn sie nicht nur Darlehen, sondern auch Zuschüsse umfasst. Meiner Meinung nach ist der historische Moment gekommen, an dem sich die Europäer entscheiden müssen.