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State of the Union: Wie Impf-Nationalismus die Pandemie verlängert

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State of the Union: Wie Impf-Nationalismus die Pandemie verlängert
Copyright  Alexander Zemlianichenko Jr/Russian Direct Investment Fund
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Das Vertrauen des Westens in Putin ist praktisch gleich null, erst recht nach der Vergiftung des russischen Oppositionspolitikers Alexei Navalny.

Ein anderes Beispiel war die Reaktion auf die beschleunigte russische Coronavirus-Forschung - Putin sprach vom "nationalen Impfstoff".

Westliche Experten äußerten sofort Skepsis und stellten die Sicherheit und Wirksamkeit des Serums in Frage.

Die Episode illustrierte jedoch einen beunruhigenden Trend: Geht es um die Entwicklung eines Impstoffes, so gibt es fast keinerlei internationale Kooperation.

Stattdessen gilt "jeder für sich". Putin tut es, ebenso Trump, und die Chinesen tun es.

Wenigsten die Europäische Union versucht, auch andere mit einzubeziehen.

In dieser Woche kündigte EU-Kommission die finanzielle Beteiligung an einer Initiative der Weltgesundheitsorganisation an, die den Zugang zu einem Impfstoff für alle Menschen sichern soll, besonders in ärmeren Ländern.

Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: "Kein Land, kein Kontinent kann das Virus allein bekämpfen. Wir müssen uns zusammentun. Denn eines ist klar: Wir werden nicht in Sicherheit sein, ehe nicht jeder in Sicherheit ist. Hier in Europa oder auf der Welt. Wir brauchen die globale Solidarität."

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen

Zu diesem Thema das folgende Interview mit Thomas Bollyky, Direktor des Programms für Globale Gesundheit am Council on Foreign Relations in Washington.

Euronews: Derzeit gibt es keinerlei internationale Verpflichtung, einen künftigen Impfstoff weltweit auf koordinierte und rationale Weise zu verteilen. Stattdessen sehen wir einen rein egoistischen Ansatz. Was wären die Konsequenzen dieser fehlenden Zusammenarbeit?

Bollyky: Es gibt vor allem drei Konsequenzen. Die erste ist, dass das Virus natürlich keine Grenzen kennt. Wenn wir also beim Impfstoff eine nationalistische Haltung einnehmen, werden wir das Virus nicht stoppen. Die zweite Konsequenz ist wirtschaftlich. Jedes Land, selbst das, was den Kampf gegen die Pandemie gut geführt hat, bekam die wirtschaftlichen Folgen zu spüren - weil wir wirtschaftlich alle miteinander verbunden sind. Die dritte Konsequenz ist geopolitisch. Wenn reiche Nationen frühe Impfstoffe horten und nicht mit anderen teilen wollen, dann müssen die anderen Länder warten. Darauf wird es dann entsprechende Reaktionen geben und die Zusammenarbeit bei anderen globalen Herausforderungen künftig schwerer machen.

Euronews: Sie sagen also, dass der weltweite Egoismus die Pandemie nur verlängern wird?

Hollyky: Absolut. Wenn eine Nation, etwa die USA, ausnahmslos jeden Bürger impfen will, bevor sie den Impfstoff mit anderen zu teilen bereit ist, dann wird medizinisches Personal, dann werden die verletzlichsten Menschen in anderen Ländern weiter dem Virus ausgesetzt sein.

Euronews: Niemand weiß derzeit, ob der erste Impfstoff auch der beste sein wird. Im Laufe der Zeit könnten mehr Zusatzstoffe nötig sein, die aber einen internationalen Austausch voraussetzen. Sollte das nicht ein Argument für engere Kooperation sein?

Hollyky: Absolut. Wahrscheinlich gibt es mehr als einen Impfstoff. Zur Zeit gibt es acht, die klinische Tests durchlaufen. Der erste Impfstoff wird vermutlich nicht der beste sein. Wenn also die USA oder ein europäisches Land Zugang zu diesem Impfstoff haben, heißt das nicht, dass sie auch Zugriff auf spätere Impfstoffe haben, die wirksamer sind.

Euronews: Reicht die Zeit noch aus, um den Impf-Nationalismus noch umzukehren? Mit dem ersten Impfstoff wird bereits im nächsten Jahr gerechnet.

Hollyky: Nein, uns rinnt die Zeit davon, zumindest bei den ersten Impfstoffen. Eine Option wäre, wenn sich Länder an diesen Produkten beteiligten. Wenn das Horten von frühen Impfstoffen negative Folgen mit sich bringt, könnten einige Länder zu mehr Kooperation bei ausgereifetern Produkten bereit sein. Es wäre aber weniger zerstörerisch, so schnell wie möglich zusammenzuarbeiten.