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Unbekannte Erstfassung: Ein neuer Blick auf Verdis "Aida" an der Scala

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Unbekannte Erstfassung: Ein neuer Blick auf Verdis "Aida" an der Scala
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Mit der triumphalen Uraufführung 1871 in Kairo und der nicht weniger erfolgreichen europäischen Erstaufführung zwei Monate später an der Mailänder Scala setzte die bis heute ungebrochene Popularität von Giuseppe Verdis Oper "Aida" ein. Bis heute fesselt das dramatische Schicksal der äthiopischen Sklavin Aida, ihre Loyalitätskonflikte innerhalb einer machtgetrie­benen Gesellschaft und ihre verzweifelte Liebe zu Radamès, die erst im Tod Erfüllung finden kann.

Verdi war anfangs nicht begeistert darüber, ein Werk für die Eröffnung des neuen Khedivial-Opernhauses in Kairo zu komponieren. Aber die Ägypter ließen nicht locker: Man wünschte sich die Neukomposition einer Oper "in ausschließlich ägyptischem Stil" für das neue Theater. Erst der Wink, dass Richard Wagner ihm die Schau stehlen könnte, brachte Verdi zum Komponieren. Und er ließ sich seine Arbeit teuer bezahlen: Er forderte und bekam für die Komposition 150.000 Goldfranken, das bis dahin wohl höchste Honorar für einen Komponisten. Weitere Wünsche folgten: Für das Bühnenorchester beim Triumphmarsch wurden von Verdi eigene Trompeten, die sogenannten Aida-Trompeten, als Sonderanfertigungen in Auftrag gegeben.

Obwohl Verdi seine Komposition bereits im November 1870 fertiggestellt hatte, konnte die Uraufführung erst am 24. Dezember 1871 in Kairo stattfinden. Grund für die Verzögerung war die preußische Belagerung von Paris im Deutsch-Französischen Krieg (1870–1871), sodass die Kostüme und Requisiten nicht rechtzeitig geliefert werden konnten.

Bis zum neuen Termin begann Verdi, Teile seines Werks umzuschreiben - womöglich um seine Geliebte, die Sopranistin Teresa Stolz, die die Aida sang, stärker ins Scheinwerferlicht zu rücken. Dass die Oper "Aida" heißt, könnte auch auf La Stolz zurückzuführen sein - Verdi hatte zunächst den Titel "Amneris" vorgesehen.

Die veränderte Erstfassung kam erst vor kurzem ans Licht.

Unbekannte Erstfassung

Deshalb spricht das italienische Opernhaus von einer Weltpremiere - erstmals präsentiert La Scala in Mailand die "Aida" in der unbekannten Erstfassung.

Die überraschende Entdeckung haben Forscher erst vor rund einem Jahr gemacht, als das umfangreiche Verdi-Vermächtnis der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Vorausgegangen war ein regelrechter Krimi zwischen den Nachfahren Giuseppe Verdis und dem italienischen Staat.

Verdi wollte, dass seine Aufzeichnungen nach seinem Tod verbrannt werden. So weigerten sich seine Nachfahren auch über 100 Jahre später, die Dokumente zu veröffentlichen.

Bis der italienische Staat sie kurzerhand enteignete. Bei Polizeirazzien konnten Tausende Seiten sichergestellt und an das Archiv in Parma weitergeleitet werden. Über die Höhe der Entschädigung an die Familie tobt weiter ein Rechtsstreit. Aber Verdi-Forscher und -Fans sind begeistert.

Sacla-Musikdirektor und Dirigent Riccardo Chailly schwärmt: "Wenn wir über ein Genie wie Giuseppe Verdi sprechen und wenn es die Möglichkeit gibt, etwas Unbekanntes von ihm zu entdecken, dann ist das meiner Meinung auf jeden Fall eine Bereicherung für alle und sicherlich eine große Entdeckung: diese fast 100 Takte Musik."

Es geht um den ursprünglichen Anfang des dritten Aktes: "Es gibt einen wunderbaren mehrstimmigen Chor", meint Tenor Francesco Meli.

Teile dieser Originalmusik verwendete der italienische Komponist drei Jahre später für sein "Requiem".

Die Mezzo-Sopranistin Anita Rachvelishvili sagt über den Dirigenten: "Maestro Chailly ist ein Typ Musiker, der es liebt, neue, interessante Dinge in der Musik zu entdecken. Manche Leute werden sagen: Nein, das ist nicht 'Aida'. Das ist etwas anderes. Ich will die alte Fassung. Und es wird Menschen geben, die diese Version akzeptieren und lieben werden. Ich liebe seinen Mut, die Menschen vor diese Entscheidung zu stellen. Das gefällt mir. Ich hoffe, Ihnen gefällt es auch."

Eine unmögliche Liebe

Die im alten Ägypten spielende Oper handelt von der unmöglichen Liebe zwischen der äthiopischen Sklavin Aida und dem ägyptischen Militärkommandanten Radamès. Doch auch die mächtige Pharaonentochter Amneris will ihn für sich - eine vergebliche Liebe.

"Ich mag alles an dieser Frau, denn sie ist nicht nur verletzlich, sondern auch verliebt. Sie ist eifersüchtig. Und sie ist sehr, sehr stark", so Anita Rachvelishvili. "Aber dennoch bleibt sie sehr sensibel. Verdi will mit der Art, wie er die Musik komponiert, genau das ausdrücken: eine Fülle von Emotionen. Das versuche ich immer zu vermitteln, dass sie einen wirklich großen Schmerz in ihrem Herzen trägt."

"Aida" gehört zu den erfolgreichsten und weltweit am häufigsten gespielten Opern überhaupt:

"Meine allerliebste Stelle ist das finale Duett des letzten Aktes. Ich finde, die Musik versetzt uns alle in eine andere Welt", erzählt Dirigent Riccardo Chailly. "Auch wenn es eine tragische Geschichte ist, die vom Tod handelt, baut die Musik dennoch eine unglaubliche Spiritualität auf, die mich bei jeder Aufführung sehr tief emotional berührt."

A glimpse behind the scenes from the Musica shoot in Milano ahead of tonight’s Aida premiere at La Scala Fabian WeltherSebastian Richter

Publiée par Andrea Büring sur Lundi 5 octobre 2020