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Die psychischen Kosten der Coronakrise

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Von Valérie Gauriat  & Sabine Sans
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Die psychischen Kosten der Coronakrise
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Experten für psychische Gesundheit schlagen Alarm. Laut ihnen ist es dringend notwendig, auf die wachsenden psychologischen Auswirkungen der Covid-19-Krise zu reagieren. Erfahrungsberichte und Analysen in dieser Unreported Europe-Folge.

Ein ganz normaler Morgen im Krankenhaus Edouard Herriot in Lyon im Südosten Frankreichs. Es ist das größte Allgemeinkrankenhaus der Region, das die meisten Patienten mit psychischen Problemen aufnimmt. Emmanuel Poulet ist der Leiter der psychiatrischen Notaufnahme. Die euronews-Reporterin darf eine seiner Konsultationen filmen.

Niemand ist immun

Der Arzt spricht mit einem 19-jährigen Studenten , der versucht hatte, sich mit einer Überdosis Drogen umzubringen. Der junge Mann macht eine Entgiftungskur, dann kamen die nächsten Einschränkungen:

"Ich war so verzweifelt. Ich dachte, nichts ist mehr wichtig, nichts macht mehr Sinn, ich werde dem Ganzen einfach ein Ende setzen. Ich dachte, das könnte mich aus der Sackgasse herausholen. Ich habe das Gefühl, ic__h stecke fest. Und in der aktuellen Situation stecken wir buchstäblich die ganze Zeit in unseren vier Wänden fest, das hilft nicht gerade!"

Menschen, die bereits vor der Coronakrise angeschlagen waren, spüren den durch die Pandemie erzeugten Stress stärker, sagt der Psychiater. Aber niemand ist immun dagegen. Die Gesundheitskrise hat den Ärzten neue Patienten beschert:

"Wir haben Patienten, bei denen vorher eindeutig keine psychischen Probleme festgestellt wurden. Angesichts der Reihe von Instabilitäts- und Stressparametern, seien sie nun epidemischer, soziologischer oder ökonomischer Natur, gehen wir davon aus, dass es zu einer signifikanten Zunahme von depressiven Störungen und Angststörungen kommen wird, auch suizidalen Krisen. Das stellen wir bereits fest", sagt Emmanuel Poulet, Psychiater, Leiter der psychiatrischen Notaufnahme am Krankenhaus Edouard Herriot in Lyon.

Soziale Isolation verschärft Probleme

Der Mann, der die Reporterin bei sich zu Hause empfängt, hätte sich nie vorstellen können, beim ersten Lockdown den Halt so weit zu verlieren, dass er sterben wollte.

"Ich erlebte das als ein Gefühl der Freiheitsberaubung, als ein Gefühl der Unterdrückung, als ein Gefühl, eingesperrt zu sein. Es gab keinen Sinn mehr im Leben! Alles, was einem lieb war, wurde verboten. Das war extrem stressig für mich", erzählt der Mann der Reporterin. "_Ich fühlte mich körperlich schlecht, mit Schmerzen im Bauch, Enge in der Kehle ... Und dann verlor ich einfach die Kontrolle und zerstörte fast alles zu Hause. Ich wurde ins Krankenhaus eingeliefert, und bei mir wurde Delirium tremens diagnostiziert. Und dann stellte sich heraus, dass ich Covid-19 positiv war. Das bedeutet, dass das Virus meine Krise verschlimmert hatte. Das ist eine Tatsache."

_Am stärksten ausgeprägt war laut seinem Bericht die Todesangst und die Angst vor dem Sterben. Der Mann verbrachte mehrere Monate im Krankenhaus, bevor er wieder einen Sinn im Leben fand.

Freiwillig in die Klinik

Dazu gehörte ein Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik der Stadt. Dorthin brachte die Gesundheitskrise auch Benny, der Name ist ein Pseudonym. Der junge Mann war bereits wegen psychischer Störungen behandelt worden. Während des letzten Lockdowns ging er freiwillig in die Klinik:

"Beim ersten Mal hat es mir nicht viel ausgemacht, weil ich noch in einer Psychose steckte. Als ich aus dem Haus ging, war niemand auf der Straße, das beruhigte mich. Aber jetzt, wo ich mich ein wenig erholt habe, brauche ich die Unterstützung anderer Menschen, ich brauche die Gesellschaft mehr als früher."

Ein Bedürfnis, das viele haben. Nicolas Franck, Psychiater und Abteilungsleiter des Vinatier-Krankenhauses, fürchtet die langfristigen Auswirkungen der Gesundheitskrise, da der Druck weiter wächst. Er ist Autor eines Buches zum Thema sowie einer Umfrage über die psychologischen Auswirkungen des Lockdowns:

"Der erste Lockdown hat Spuren hinterlassen", so der Psychiater und Abteilungsleiter am Psychiatrischen Krankenhaus Le Vinatier in Lyon. "Und jetzt noch einmal Einschränkungen, die zu einer Zeit kommen, in der die Helligkeit abnimmt und Winterdepressionen auftreten. Es gibt die Wirtschaftskrise, Menschen, die in Not sind, was ihre Arbeitsplätze oder ihre kleinen Unternehmen betrifft. Und zu den Auswirkungen der Abriegelung müssen wir noch die Störung der sozialen Bindungen für alleinstehende Menschen dazuzählen, sowie die Angst vor Langzeitfolgen nach der Ansteckung, die Angst vor der Ansteckung, die Angst um die eigene Gesundheit und möglicherweise um das eigene Überleben."

Neue Hilfen im Gesundheitswesen

Im psychischen Gesundheitswesen werden neue Dienste eingesetzt, um auf den wachsenden Stress der Bevölkerung zu reagieren. Im Krankenhaus Vinatier ist das Team der "LIVE"-Hotline seit März rund um die Uhr in Bereitschaft.

Die folgende Sequenz ist ein nachgestelltes Gespräch, das tatsächlich stattgefunden hat:

Anruferin: "Ich habe sehr viele Probleme in meinem Leben. Ich habe noch nie viel darüber gesprochen."
Psychiaterin: "Sie waren noch nie bei einem Psychologen oder Psychiater in Behandlung?"
Anruferin: "Nein, ich bin ja nicht verrückt."
Psychiaterin: "Ja, das verstehe ich. Ich erwähne diese Fachleute Ihnen gegenüber nur, weil ich bei Ihnen eine Menge Ängste heraushöre. Vielleicht brauchen Sie Unterstützung?"
Anruferin: "Ich weiß nicht... Sie müssten zu mir kommen, weil ich nicht rausgehen kann! Es gibt Zeiten, in denen ich nicht einmal atmen kann!... Ich bleibe einfach in meinem Zimmer, ich sehe niemanden, ich kann nichts anfassen! Und infolgedessen esse ich nichts mehr!"
Psychiaterin: "Okay, mein Vorschlag wäre, Sie mit einem mobilen Team in Kontakt zu bringen. Das sind Krankenschwestern, Psychologen, Ärzte. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn Sie sich untersuchen lassen, wenn Sie mit ihnen sprechen. Man könnte schauen, ob man sie danach weitergehend betreut."

Infolge der Coronakrise eröffnete das Krankenhaus vor kurzem ein psychologisches Tageszentrum in der Innenstadt. Eine Option, die manchmal leichter zugänglich ist als die psychiatrischen Stationen eines Krankenhauses oder die Privatpraxen, die jetzt mit Anfragen überhäuft werden.

Es gibt viele Ursachen für eine Krise

Isolation, finanzielle Unsicherheit, Ungewissheit über die Zukunft, Ängste um - junge und alte - Angehörige, Traumata nach einer Infektion oder Trauer - es gibt viele Motive für eine Notlage.

Die Psychiaterin Elodie Zante erklärt, welche Symptomatiken am häufigsten auftreten:

"Es kommen viele Menschen mit Schlafstörungen, Menschen, deren Lebensrhythmus sich verändert hat, und insbesondere Menschen, die ihre Arbeit verloren haben. Menschen, die nie Probleme damit hatten, bekommen Angstattacken. Manchmal kommt es zu sozialer Isolation, die Menschen können sich nicht mehr freuen, verlieren jegliches Interesse am Alltag. Wir sehen auch Zwangsstörungen bei Patienten, die z.B. ganz intensiv ihre Wohnung putzen. Und bei dieser zweiten Welle beobachten wir, dass es Menschen gibt, bei denen die Symptome zunehmen. Und leider gibt es auch viele, die sich nicht trauen, sich beraten zu lassen. Aber sobald die psychische Störung einsetzt, sollte man sich professionelle Hilfe suchen, denn es besteht kaum eine Chance, dass sich das von selbst bessert."

Was sind die Ratschläge von Betroffenen?

Benny: "Man sollte sich nicht verkriechen. Man sollte immer um Hilfe bitten. Das ist das Wichtigste."

Die Enttabuisierung psychischer Krankheiten und die Aufstockung der Ressourcen sind Prioritäten, die von Fachleuten nachdrücklich gefordert werden. Nur so kann man die nächste psychiatrische Welle der Coronakrise meistern.

Der 19-jährige Student meint: "Ich möchte gern glauben, dass das alles ein Ende haben wird, denn alles hat ein Ende. Und dann werden wir es schaffen, zu etwas anderem überzugehen. Ich sage mir, das ist einfach eine schlechte Phase, die wir durchmachen müssen. Ich kann mir eigentlich keine Zukunft vorstellen, aber ich will sie mir positiv vorstellen. Daran klammere ich mich."