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Zu viele medizinische Skandale: Impfgegnerland Frankreich

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Von Julian GOMEZ  & Sabine Sans
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Zu viele medizinische Skandale: Impfgegnerland Frankreich
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Überall beginnen derzeit die Impfkampagnen gegen COVID-19, so auch in Frankreich. Doch das Land hat weltweit den größten Anteil an Impfgegnern und -skeptikern. Dabei vermischen sich nachvollziehbare Argumente mit kruden Vorstellungen. Man bekomme nicht die Wahrheit gesagt, behaupten Einige. Auch die Furcht vor Impfschäden ist groß. Bereits eine Studie von 2018, die 2019 publiziert wurde, ergab, dass einer von drei Franzosen Impfstoffe für "ein Risiko" hält, 19 Prozent der Befragten der Ansicht sind, Impfungen seien nicht wirksam und 10 Prozent gegen die Impfung von Kindern sind.

Medizinische Skandale

Dahinter stehen Erfahrungen wie das Impf-Fiasko gegen die sogenannte Schweinegrippe 2019: Die Regierung kaufte für mehr als eine Milliarde Euro Impfstoffe aus Sorge vor einer drohenden Epidemie mit H1N1-Virus. Doch die Katastrophe blieb aus, nur wenige ließen sich impfen, die Gesundheitsministerin wurde des Übereifers beschuldigt. Die Nebenwirkungen des Vakzins dagegen waren gravierender als angenommen. Weil Frankreich den Hersteller von der Verantwortung entbunden hatte, muss der Staat heute Hunderte Menschen entschädigen, die infolge der Impfung an Narkolepsie erkrankten. Oder einer der größten Arzneimittelskandale in der Geschichte Frankreichs: Bis zu 2.000 Menschen starben an den Folgen des Diabetes-Medikaments Mediator. Mehr als 30 Jahre lang wurde das von Servier hergestellte Medikament in Frankreich verschrieben, bevor es Ende 2009 schließlich vom Markt genommen wurde. Zunächst zur Senkung der Blutfettwerte und dann gegen Übergewicht bei Diabetespatienten gedacht, nutzten bald auch Nicht-Diabetiker das Medikament mit dem appetitzügelnden Wirkstoff Benfluorex zum Abnehmen.

Tiefes Misstrauen gegenüber der Regierung

Es gibt ein tiefes Misstrauen gegen die zentralstaatliche Regierung, die sei 2018 elf Impfungen darunter Masern und Hepatitis B obligatorisch für Schulkinder erklärte. Auch der Skandal mit Aids- und Hepatitis-C-Viren verseuchten Blutkonserven zwischen 1980 und 2003 ist ein Grund für das systematische Misstrauen. Eine Infantilisierung der Bevölkerung hat das Misstrauen gegenüber der Obrigkeit verstärkt: Weil das Land anfangs der Coronakrise über zu wenig Masken verfügte, erklärte die Pariser Regierung den Mund-Nasen-Schutz für sinnlos - die breite Masse sei unfähig, die Maske richtig anzulegen. Ein paar Monate später gab es eine Maskenpflicht ab der ersten Schulklasse, in allen öffentlichen Innenräumen und den meisten Innenstädten. Laut Umfragen werfen rund 60 Prozent der Franzosen Staatspräsident Emmanuel Macron und seiner Regierung angesichts von derzeit über 71.000 Toten (21.01.2021) ein schlechtes Corona-Krisenmanagement vor. Macron will die Impfung nicht verpflichtend machen, aber eine größtmögliche Zahl an Personen impfen lassen. Dafür muss eine Menge Überzeugungsarbeit geleistet werden. Zwischen April und Juni plant die Regierung eine landesweite Kampagne.

Impfkampagnen laufen an, Impfgegner machen mobil

Während die Impfung gegen COVID-19 in Europa anläuft, werden auch die Anti-Impf-Kampagnen immer lauter und nirgendwo ist das Misstrauen gegenüber Impfstoffen - oder eine generelle Ablehnung von Impfungen - so ausgeprägt wie in Frankreich.

Immer wieder zeigen Umfragen das geringe Vertrauen der Franzosen in die Wirksamkeit und Sicherheit von Impfstoffen. Dieses Misstrauen durchzieht die ganze Bevölkerung durchweg durch alle sozialen Schichten.

Aus diesem tiefen Misstrauen versuchen Impfgegner Kapital zu schlagen. Manche versuchen, politischen oder gesellschaftlichen Einfluss zu gewinnen. Andere suchen Wege, aus Verbindungen zu Medizinlobbys, Gesundheitsgurus oder dem veganen Markt zu profitieren. Wer sind diese Impfgegner? Und was sind ihre Gründe? Euronews-Reporter Julián López Gómez hat mit ihnen gesprochen und ihre Behauptungen überprüft.

Krude Verschwörungstheorien

Er gibt an, rund 125.000 Follower auf Social-Media-Plattformen zu haben. Erst nach sechs Wochen hat er schließlich zugestimmt, sich öffentlich zu äußern - unter der Bedingung, anonym zu bleiben. Er sagt, er habe Morddrohungen erhalten, er werde wegen seiner Einstellung von der mächtigen Pharmaindustrie verfolgt. Er behauptet:

"Einige Impfstoffe von Bill Gates haben große Pandemien in bestimmten Ländern ausgelöst, wie in Indien, wo er seinen Impfstoff, ich glaube gegen Polio, eingesetzt hat. Polio wurde dort an 450.000 Kinder geimpft. Und in anderen Ländern, wie Kenia, wurden dadurch mehrere Tausend junge Frauen unfruchtbar."

Auf die Frage des euronews-Reporters, ob er irgendwelche Beweise für seine Behauptungen vorlegen könne, antwortet er:

"Diese Beweise, von denen ich spreche (Kurzes Schweigen)... Bill Gates selbst hat in einer TEDEX (sic) Konferenz und auf anderen Plattformen gesagt, dass die Impfung in Afrika gut angeschlagen und die Bevölkerung stark reduziert habe."

Die unbewiesenen Ansichten dieses 62-jährigen Tanzlehrers werden weithin von extremen Impfgegnern geteilt. In der Argumentation tauchen wiederkehrende Themen auf wie Antisemitismus und Freimaurerei, Satanismus, Kabbalismus sowie Großkapital- und Big-Pharma-Verschwörungen.

"Es gibt eine Firma namens Moderna, die vor etwa fünf Jahren Gelder von Merck erhalten hat und bereits 2015 an einem Impfstoff gegen COVID geforscht hat. Sind sie Wahrsager? Kennen sie die Zukunft? Ich habe erst jetzt von COVID oder dem Coronavirus gehört, so wie Sie. Aber andere haben bereits an diesem Impfstoff geforscht. Pasteur hat sogar Patente für das Coronavirus und für COVID angemeldet“, so der anonyme Impfgegner.

Zunehmende Radikalisierung der Impfgegner

Der französische Impfpionier Louis Pasteur hat natürlich kein Patent für einen COVID-19-Impfstoff angemeldet, wie viele Impfgegner behaupten. Der Historiker Laurent-Henri Vignaud ist Co-Autor eines Buches über die Geschichte der Anti-Impf-Bewegung: Er beobachtet eine zunehmende Radikalisierung der Impfgegner während der aktuellen Pandemie.

"Verschwörungstheoretiker haben die Anti-Impf-Bewegung vereinnahmt. Traditionelle, klassische Impfgegner sind Menschen, die sich um ihre Gesundheit und die Gesundheit ihrer Kinder sorgen. Sie wollen nicht, dass ihren Kindern irgendwelche chemische Produkte injiziert werden. Ihr Hauptargument ist die Sorge um ihre Gesundheit. Es geht ihnen nicht darum, Geschichten über Viren oder Impfstoffe zu erfinden, die auf dem Mars entwickelt wurden, um die halbe Bevölkerung auszurotten."

Prof. Vignaud unterscheidet zwischen Impfskeptikern und Impfgegnern, deren Anschauungen tief in der Geschichte verwurzelt sind:

"Erstens gibt es eine 'fatalistische', religiöse Argumentationsweise, die besagt, dass Gott entschieden hat, dass man krank wird, und man kann sich nicht gegen den Willen Gottes stellen. Dann gibt es die pseudowissenschaftlichen Argumente; das sind Leute, die nicht glauben, dass das Virus gefährlich ist. Drittens gibt es auch den naturalistischen Ansatz: Man muss der Natur ihren Lauf lassen. Und viertens gibt es eine politische Argumentationslinie: Das sind Leute, die total dagegen sind, dass der Staat einen zwingen kann, irgendwelche Medikamente zu nehmen."

"Impfstoffe sind ein großer Schwindel. Die Leute merken langsam, dass sie hereingelegt wurden."
Marie Werbrègue
Impfgegnerin

Eine der aktiveren Anti-Impf-Bewegungen Frankreichs wird von einem kleinen Dorf mit 120 Einwohnern aus koordiniert. Marie Werbrègue ist überzeugt, dass ihre Tochter - wie auch viele andere Kinder - autistische Züge entwickelt hat, nachdem sie mit einigen der 11 in Frankreich vorgeschriebenen Impfstoffe geimpft wurde. Die Wissenschaft hat diese These immer wieder zurückgewiesen. Aber sie bleibt unbeirrt.

"Impfstoffe sind ein großer Schwindel. Die Leute merken langsam, dass sie hereingelegt wurden." Auf die Bemerkung des euronews-Reporters, dass diese Aussage eine schwere Anschuldigung ist, antwortet sie:

"Ja, ich weiß. Das Problem ist, dass es kein anderes Wort dafür gibt. Wir sprechen über ein Produkt, das nicht funktioniert, ein Produkt, das Nebenwirkungen hat. Selbst wenn man geimpft ist, kann man die Krankheit bekommen. Es gibt niemanden, der einem hilft, keinen Kundenservice. Wie würden Sie es nennen?"

Marie Werbrègue hat laut eigenen Angaben etwa 12.000 Follower in den sozialen Medien. Sie ist davon überzeugt, dass sich ihre Anti-Impfkampagne langfristig durchsetzen wird:

"Es wird ähnlich sein wie bei anderen Skandalen, die es in der Vergangenheit gab, wie beispielsweise bei Asbest: Es dauerte ewig, bis man zugab, dass es ein Problem gab. Beim Tabak ist es dasselbe. Lange Zeit hat niemand ein Problem gesehen, und dann hieß es plötzlich: ‚Lass das Rauchen sein, das reicht jetzt‘. So wird es auch bei den Impfungen kommen."

Die Grenzen zwischen engagierten Impfgegnern und zögerlichen Bürgern sind manchmal fließend. Der Soziologe Jeremy Ward ist ein Experte für die Impfskepsis in Frankreich. Tief verwurzeltes Misstrauen gegenüber den französischen Gesundheitsbehörden ist seiner Meinung nach ein Grund dafür:

"In Frankreich gibt es vielleicht eine größere Impfskepsis als in anderen Ländern, weil es eine breite öffentliche Debatte über die Sicherheit von Impfstoffen gab", sagt der Soziologe am CNRS (frz. nationales Zentrum für wissenschaftliche Forschung. "Wir hatten die Debatte über die Sicherheit des Impfstoffs gegen Hepatitis B Ende der Neunziger Jahre. Dann hatten wir 2009 die Diskussion über die Schweine-Grippe, dann über die HPV-Infektion (Humanes Papillomavirus), dann über Aluminium-Wirkungsverstärker (in Impfstoffen), dann über polyvalente Impfstoffe. Die vergangenen zehn Jahre waren sehr kompliziert."

Überzeugungsarbeit der Regierung

Aber wie gewinnen die französischen Gesundheitsbehörden an Glaubwürdigkeit? Wie können sie die Argumente der Impfgegner entkräften und Impfskeptiker überzeugen? Jeremy Ward sagt:

"Zuerst einmal sollte man zuhören und die Sorgen der Menschen ernst nehmen. Man sollte vermeiden, diese Behauptungen zu ignorieren und sie als Launen einiger hysterischer Mütter abzutun, mit allen sexistischen Anklängen, die das hat. Außerdem ist es auch sehr wichtig, Verschwörungstheorien nicht unbeantwortet kursieren zu lassen; es genügt eine kleine Notiz, dass ein Bericht zu diesem Thema in Arbeit ist. Und schließlich brauchen wir neben einer guten Kommunikation auch Transparenz. Untersuchungen über Nebenwirkungen und über unerwünschte Wirkungen müssen zugänglich sein."

Laut Experten gibt es Bemühungen, das Thema COVID-19 transparenter zu vermitteln. Das könnte erklären, warum neuesten Umfragen zufolge die Zahl der impfwilligen Franzosen steigt.

Journalist • Julian GOMEZ