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Flüchtlinge aus Rakka: abgeschnitten von ihrem früheren Leben

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Flüchtlinge aus Rakka: abgeschnitten von ihrem früheren Leben
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Zuflucht finden: In der vierten Folge einer fünfteiligen Reportage-Serie über syrische Flüchtlinge in Europa, erzählt Mohammed Jasem Shabna seine Geschichte – zehn Jahre nach dem Beginn des Krieges in Syrien.

Rakka - Hauptstadt des Terrors

Der Menschenrechtsaktivist lebt seit dem Beginn des Syrienkonflikts in Schweden. Aus Angst, ihr Sohn könnte zur Armee eingezogen werden, riet ihm seine Mutter 2011, Rakka zu verlassen. Er verfolgt den Konflikt aus der Ferne - durch seine Familie, die zurückblieb - und erlebte auf diese Weise, wie die Terrormiliz die Stadt besetze:

"Es war wirklich ein Schock, dass sie sie zur Hauptstadt des Terrors gemacht haben. Denn Rakka hätte es verdient, die Hauptstadt der Kultur und Kunst zu sein", meint Mohammed Jasem Shabna. "Rakka war eine schöne Stadt am Euphrat, mit sehr freundlichen und sehr einfachen Menschen. Früher gab es dort keinen Terrorismus. Es ist sehr bedauerlich, was mit der Stadt passiert ist."

Was “mit Rakka passierte” ist ein weiteres brutales Kapitel des Syrienkriegs. Die Stadt wurde weltweit als De-facto-Hauptstadt des sogenannten Islamischen Staates bekannt.

Der Islamische Staat - die allgegenwärtige Bedrohung

Eine Terrororganisation, die ihre radikale Ideologie weit über Syriens Grenzen hinaus verbreitete. Während aus Europa und anderswo angeworbene und radikalisierte Teenager in IS-Gebiete strömten, waren die IS-Kämpfer für die Syrer eine weitere Bedrohung.

"Eines Tages kamen IS-Anhänger zum Haus meiner Mutter und fragten, warum ich mich für Menschenrechte engagiere. Denn in ihren Augen sind die Aktivisten Ungläubige. Sie solle mir ausrichten, dass ich meine Arbeit aufgeben soll. Und meine Mutter bat mich aufzuhören, weil sie wusste, wozu sie fähig sind und erkannte, dass das eine gefährliche indirekte Drohung war." Mohammed erzählt, dass er seine Familie nicht offen fragen konnte, wie sie unter der IS-Terrormiliz litten. Denn das würde bedeuten, sie in große Gefahr zu bringen. "Leider habe ich das alles in den Medien verfolgt. Denn das ist schließlich meine Stadt, also habe ich es verfolgt, weil meine Familie dort war, meine Brüder, Schwestern, Onkel... es ist meine Stadt, mein Land."

Abgeschnitten von der Heimat

Mohammed ist nicht der einzige Flüchtling aus Rakka in der schwedischen Stadt Eskilstuna. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 nahm Schweden pro Kopf der Bevölkerung die meisten Asylbewerber in der EU auf. Ein Drittel von ihnen waren Syrer. Dutzende Familien aus Rakka strandeten in Eskilstuna.

Darunter auch die beiden Ärzte Dr. Ismail Kadro und Dr. Hamza Alkhedr, die jetzt im örtlichen Krankenhaus arbeiten. Sie haben die barbarischen Enthauptungsvideos, die sie sehen mussten, noch nicht vergessen.

"Manchmal haben wir sie uns angeschaut, weil wir uns um unsere Familie und unsere Freunde und Nachbarn Sorgen machten... um zu sehen... wen sie getötet haben", so Ismail Karo. "Wir hätten nicht gedacht, dass wir unter dem Kalifat leben müssen. Wir dachten, wir würden unser Land von Assad befreien und wir würden ein besseres Land bekommen, eine Demokratie wie in Europa."

Bedroht von allen Seiten

Neben dem Besetzungstrauma durch die IS-Terrormiliz litt Rakka auch unter Luftangriffen der US-geführten internationalen Koalition gegen den IS. Bei den viermonatigen Bombardements wurden Schätzungen zufolge mehr als 1600 Zivilisten getötet. Darunter Dr. Ismail Kadros Mutter, sein Bruder, seine Schwägerin und seine Neffen. Er erzählt:

"8. Januar 2016 in Rakka. Die internationale Koalition fliegt Angriffe. Ich weiß nicht, wer mein Haus bombardiert, wer meine Familie getötet hat. Ich weiß es nicht. Vielleicht Assad, vielleicht die USA, vielleicht Frankreich, vielleicht Briten, vielleicht Holländer... Ich weiß es nicht. Das syrische Volk kennt Millionen Geschichten wie meine. Aber die Menschen hier in Europa wissen nicht, was passiert ist. Sie sehen nur Verbrechen, Flüchtlinge, die kommen. Sie denken, dass alle Flüchtlinge hierherkommen, weil sie Geld wollen, weil sie Frauen wollen. Sie wissen nicht, warum wir dieses Land verlassen."

Rakka und Syrien zu verlassen, war nicht Mohammed Jasem Shabnas Wahl, sondern, wie er sagt, der Preis, den er zahlen musste, um in Frieden zu leben: "Schweden hat mir geholfen, hat meiner Familie geholfen - meiner Frau, meinen Kindern...Schweden ist jetzt mein Land."

Alle drei Männer konnten nicht mehr nach Syrien zurückkehren. Wie die meisten syrischen Flüchtlinge, die im Exil leben, sind sie völlig abgeschnitten von ihrem früheren Leben und von ihren Angehörigen. Hamza Alkhedr:

"Es ist sieben Jahre her, dass wir unsere Familie gesehen haben. Wir vermissen all die Menschen, die wir nicht kontaktieren können. Wir haben nur zu unserer Familie Vater, Mutter Bruder direkten Kontakt, aber es gibt noch andere Menschen, die wir vermissen und die wir nicht kontaktieren können. Aber es gibt keine Möglichkeit, sie zu kontaktieren. Wir wissen nicht, wo sie sind oder was mit ihnen passiert ist."