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Kein "struktureller Rassismus" in Großbritannien? Was eine Kommission sagt

Von su mit dpa
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Demonstration gegen Rassismus in London - März 2020
Demonstration gegen Rassismus in London - März 2020   -   Copyright  Frank Augstein/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved
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Ein von der Regierung in Auftrag gegebener Bericht über Rassismus (Commission on Race and Ethnic Disparities, Kommission für Rassen-und ethnische Unterschiede) in Großbritannien hat bei Aktivisten eine skeptische Reaktion hervorgerufen. Der Tenor: Rassismus sei im Land nicht systematisch.

Geographie, familiärer Einfluss, sozioökonomischer Hintergrund, Kultur und Religion hätten größeren Einfluss auf die Lebenschancen. Andere Länder mit einer weißen Mehrheitsbevölkerung wie in Europa und anderswo sollten sich daran ein Beispiel nehmen, so eine Mitteilung zu dem Bericht. Der Vorwurf, Rassismus sei in Großbritannien noch immer institutionell verankert, halte einer Überprüfung der Fakten nicht stand, so die Mitteilung weiter.

Heftige Kritik daran kam teilweise von der Wissenschaft. Kehinde Andrews, Professor für Black Studies von der Universität Birmingham, bezeichnete den Bericht als «PR-Aktion» der Regierung, die der Beweislage widerspreche.

Boris Johnson, Premierminister:

"Eine sehr interessante Arbeit, wissen Sie. Ich sage nicht, dass die Regierung mit absolut allem darin einverstanden ist, aber sie enthält einige originelle und anregende Ansätze, die die Leute meiner Meinung nach lesen und bedenken sollten. Unsere Gesellschaft ist im Zusammenhang mit Rassismus mit sehr ernsten Problemen konfrontiert, die wir angehen müssen."

Der schwarze Labour-Abgeordnete David Lammy nannte den Bericht «eine Beleidigung gegenüber jedem, der in diesem Land institutionellen Rassismus erfährt».

Wenn Sie schwarz sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie gestoppt und durchsucht werden, 19-mal höher als bei anderen
Nazir Afzal
ehemaliger Generalstaatsanwalt für Nordwestengland

Nazir Afzal, ehemaliger Generalstaatsanwalt für Nordwestengland:

"Der Bericht selbst ist sehr selektiv, was die ausgewählten Daten angeht. Aber wie sind die Fakten, zum Beispiel in der Justiz? Wenn Sie schwarz sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie gestoppt und durchsucht werden, 19-mal höher als bei anderen. Sie gehen schneller in den Knast, werden wahrscheinlicher angeklagt und verurteilt. Bei den selben Beweisen gehen eher Sie ins Gefängnis als eine britische weiße Person.“

Dem Bericht zufolge sind verschiedene Minderheiten in Großbritannien inzwischen erfolgreicher beim Erreichen formaler Bildungsziele als der Durchschnitt der weißen Mehrheitsbevölkerung. Das beispielsweise gelte für Schüler mit Wurzeln aus Indien, Bangladesch und Afrika. Durchschnittlich schlechter als ihre weißen Mitschüler schneiden lediglich Kinder mit karibischen Wurzeln ab.

Auch am Arbeitsplatz habe das Land große Fortschritte gemacht. Die Gehaltsschere zwischen der weißen Mehrheitsbevölkerung und ethnischen Minderheiten betrage nur noch 2,3 Prozent, bei den unter 30-Jährigen sei kein erheblicher Unterschied mehr zu erkennen, so der Bericht. Obwohl offener Rassismus weiterhin existiere in Großbritannien, vor allem im Internet, sei das inzwischen immer weniger der Grund für soziale Ungleichheit, so die Autoren weiter.

Eine Erkenntnis der Untersuchung sei auch gewesen, dass bestimmte Schichten innerhalb der weißen Mehrheitsbevölkerung sehr in ihrem sozialen Status verhaftet seien. Die Kommission sprach sich daher dafür aus, sich bei ausgleichenden Maßnahmen künftig weniger auf einzelne ethnische Gruppen zu konzentrieren. Es solle mehr daran gearbeitet werden, Hindernisse für alle zu beseitigen.

Der Bericht war letztes Jahr nach einer Flut von Antirassismus-Protesten in Auftrag gegeben worden, inspiriert von der Black Lives Matter-Bewegung in den USA.

su mit dpa