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Die Woche in Europa: Covid-Zwangsmaßnahmen sind zurück

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Von Stefan Grobe
Die Woche in Europa: Covid-Zwangsmaßnahmen sind zurück
Copyright  Michael Probst/Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved

Wer noch Zweifel an einer vierten Coronavirus-Welle in Europa hegte, wurde diese Woche eines Besseren belehrt. Auf dem ganzen Kontinent haben die Infektionen erneut Rekorde gebrochen - und das täglich.

Regierungen haben harte neue Maßnahmen verhängt, die uns an die erste Covid-Welle im vergangenen Jahr erinnern – und alle sind höchst umstritten.

Nach Österreich verhängte die Slowakei zunächst für zwei Wochen einen landesweiten Lockdown, der auf alle abzielt, sowohl auf Ungeimpfte als auch auf Geimpfte.

Italien entschied, die Maßnahmen gegen die Ungeimpften zu verschärfen, die nun von vielen öffentlichen Aktivitäten ausgeschlossen sind. Lockdowns sollen so vermieden werden.

Frankreich führte ein umstrittenes Impfpass-System ein, und Dänemark erwägt, Masken im öffentlichen Raum wieder zur Pflicht zu machen.

Besonders dramatisch ist die Lage in Deutschland, wo diese Woche die Marke von 100.000 Covid-Toten überschritten wurde. Der scheidende Gesundheitsminister warnte, dass am Ende des Winters jeder in Deutschland entweder geimpft, genesen oder gestorben sein werde.

Der künftige Bundeskanzler Olaf Scholz schloss bereits die Möglichkeit einer Impfpflicht nicht aus.

Dazu das folgende Interview mit Peter Liese, Christdemokrat aus Deutschland, Mitglied des Europäischen Parlaments und dort einer der führenden Gesundheitsexperten, im Hauptberuf Arzt.

Euronews: Lassen Sie uns mit dem Kampf gegen die vierte Welle beginnen. Österreich hat eine Impfpflicht angeordnet, etwas, was auch in Deutschland diskutiert wird. Was ist Ihre Meinung, ist eine solche Impfpflicht notwendig?

Liese: Ich hoffe, sie wird nicht überall in Europa notwendig sein, hoffentlich nicht in Ländern mit hohen Impfraten wie Italien, Spanien und Portugal. Aber was mein Land, Deutschland angeht, so habe ich Zweifel, denn wir erleben dort derzeit eine schwere Infektionswelle. Viele Menschen und Unternehmen sind betroffen, das Gesundheitssystem ist überlastet.

In der Politik wie in der Justiz geht es immer um das kleinere Übel. Ich habe Zweifel, dass das, was wir gerade erleben, das kleiner Übel ist als eine Impflicht.

Euronews: Wie ist es mit Lockdowns? Sie sind politisch höchst umstritten. Vernünftig oder nicht?

Liese: Wir sollten alles tun, um sie zu vermeiden. Aber das würde zugleich strengere Maßnahmen gegen Ungeimpfte bedeuten. Wenn viele Ungeimpfte in einer Kneipe oder einem Restaurant sind, ist das Risiko groß, dass sie sich anstecken.

Das sind dann die Leute, die auf der Intensivstation landen. Und das ist unser Problem. Eine Ansteckung an sich ist nicht die Gefahr. Wenn man geimpft ist, kann man das Virus immer noch weitergeben, und deshalb müssen wir vorsichtig sein.

Aber als Geimpfter besteht praktisch kein Risiko, in die Intensivstation zu kommen . Und deshalb sind scharfe Maßnahmen gegen die Ungeimpften besser als Lockdowns. Wie wir aber in Österreich oder auch in Sachsen gesehen haben, sind Lockdowns unvermeidbar, wenn man zu spät reagiert.

Euronews: Genau dazu. Man darf kein Auto fahren ohne Führerschein; man darf kein Flugzeug besteigen ohne Pass; warum also kein Impfzertifikat, ohne das man nicht an öffentlichen Aktivitäten teilnehmen darf, sondern zu Hause bleiben muss?

Liese: Ich denke, das ist auf jeden Fall eine bessere Option als die gegenwärtige Misere. Diskutiert wird, ob bestimmte Einrichtungen ganz geschlossen werden sollen. Etwa Kneipen. Das ist immer noch besser als eine Überlastung des Gesundheitssystems. Schließlich sterben jeden Tag Hunderte Menschen.

Euronews: Letzte Frage: Weihnachten 2021 - wird es anders als Weihnachten 2020?

Liese: Ich hoffe es. Dieses Jahr haben wir Impfstoffe und gerade eine wichtige Kampagne für Booster-Shots. Es ist offensichtlich, dass die Impfung nicht mit der zweiten Spritze abgeschlossen ist, vor allem nicht für Risikogruppen. Zugleich müssen wir die Erst-Impfungen vorantreiben.

Ich hoffe, dass wir drastische Maßnahmen wie im vorigen Jahr vermeiden können. Die nächsten Wochen werden dafür entscheidend sein. Wenn wir zu spät handeln, haben wir aber dieselbe Krise wie letztes Jahr.