Missbrauch in Irland: Das Versagen der katholischen Kirche

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Von Ken Murray
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Der wöchentliche Gottesdienstbesuch, der 1975 noch bei 91 Prozent lag, ist nach den Zahlen der jüngsten irischen Volkszählung auf 36 Prozent im Jahr 2016 gesunken. Die Auswirkungen der Skandale um sexuellen Missbrauch auf den Katholizismus in Irland ist fatal.

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Irland galt einst als das katholischste Land der Welt. Dieses Bild bröckelt schon lange. Ende der 1990er-Jahre wurde die sexualisierte Gewalt durch Priester in Irland bekannt. Einige Jahre später schockierten die Funde von Kindergräbern auf dem Gelände ehemaliger Heime die Öffentlichkeit. Auch das Schicksal unverheirateter Mütter wurde öffentlich: Sie mussten in sogenannten "Wäschereien" schuften. Die Regierung ließ die Geschichte von Gewalt und Misshandlung gegenüber Kindern und Frauen aufarbeiten,  Anfang 2021 erschien ein Bericht zu diesem Thema. 

In katholischen Heimen und Schulen wurden jahrzehntelang Tausende Minderjährige gequält und missbraucht. Ein Beispiel von vielen: Mark Vincent Healy wurde in den Sechziger und Siebziger Jahren in der Schule von einem Mitglied des Spiritanerordens sexuell missbraucht. Das hat sein Leben zerstört: I

"Es hatte einen tiefgreifenden traumatischen Einfluss auf mich und auf die Art und Weise, wie ich Entscheidungen in meinem Leben traf, sogar in jüngerer Zeit. Als diese Angelegenheit öffentlich wurde und wieder hochkam, änderte sich alles", erzählt er. "Ich suche jetzt seit 16 Jahren nach Wiedergutmachung und Gerechtigkeit. Nicht nur Gerechtigkeit für mich selbst, sondern Gerechtigkeit für so viele andere Überlebende in Irland."

Auswirkungen auf den Katholizismus

Der wöchentliche Gottesdienstbesuch, der 1975 noch bei 91 Prozent lag, ist nach den Zahlen der jüngsten irischen Volkszählung auf 36 Prozent im Jahr 2016 gesunken. 

Für kritische Kirchenmitglieder sind die Auswirkungen der Skandale um sexuellen Missbrauch auf den Katholizismus in Irland fatal: 

"Katastrophal ist der beste Ausdruck dafür", sagt Bruder John Collins von der Vereinigung irischer katholischer Priester. "Es gab schon immer ein Problem, bereits bevor die Skandale um sexuellen Kindesmissbrauch in diesem Land bekannt wurden. Viele Menschen meldeten sich und sagten, die Kirche sei zu kontrollierend und habe zu viel Kontrolle über ihr Leben, die Menschen lehnten das ab."

Eine Kirche, die sich weigert, Entschädigungen zu zahlen und sich so verhält, als sei nichts geschehen, hat sich nach den Worten eines katholischen Kommentators nachteilig auf den Katholizismus in Irland ausgewirkt. 

Missbrauchs-Taten wurden abgestritten

"Die Skandale um sexuellen Missbrauch waren absolut verheerend für die Kirche, nicht nur der eigentliche Missbrauch selbst, der für die Opfer schrecklich war, sondern auch die Tatsache, dass die Opfer, wenn sie sich meldeten und mit den Verantwortlichen in der Kirche sprachen, ignoriert wurden", so Michael Kelly, Redakteur bei der Zeitung "The Irish Catholic". "Man behauptete, sie würden sich das ausdenken, die Taten wurden abgestritten."

Der Prozentsatz der Katholiken in Irland liegt derzeit bei knapp über 70 Prozent, Tendenz fallend. Das Durchschnittsalter der Priester in Irland liegt aktuell bei 70 Jahren. Die Skandale um sexuellen Missbrauch haben der Institution in Irland großen Schaden zugefügt, die katholische Kirche muss sich ändern, um zu überleben.

Der Kirchen-Korrespondent der Irish TimesPatsy McGarry sagt: "Die katholische Kirche befindet sich in Irland im Niedergang, aber das liegt nicht nur an den Skandalen um sexuellen Missbrauch, auch wenn diese enorm zu dem Trend beigetragen haben, der seit den späten 1960er-Jahren, als die staatliche Bildung in diesem Land eingeführt wurde, ohnehin zu beobachten war."

Euronews-Reporter Ken Murray in Dublin: "Die katholische Kirche in Irland steckt in ernsten Schwierigkeiten. Es scheint, dass sie in diesem Land in Zukunft verschwinden wird, wenn der Vatikan nicht sehr schnell eine Modernisierung einleitet bzw. die Regeln ändert."

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