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Eine neue Weltordnung: Warum Europa riskiert, viel mehr zu verlieren als den Krieg in der Ukraine

Scholz in den Fängen von Chinas Staatschef Xi Jinping - in der Pappmaché-Version - beim Rosenmontagsumzug in Köln, 14. Feburar 2023
Scholz in den Fängen von Chinas Staatschef Xi Jinping - in der Pappmaché-Version - beim Rosenmontagsumzug in Köln, 14. Feburar 2023 Copyright Martin Meissner/AP
Copyright Martin Meissner/AP
Von Alexandra Leistner
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Der Krieg in der Ukraine hat eine Entwicklung beschleunigt, die sich schon seit längerem anbahnte: Eine neue Weltordnung, in der Ost und West sich entschiedener als zuvor gegenüberstehen. Entscheidend sind Länder, denen man bisher zu wenig Wichtigkeit zumaß: Der Globale Süden.

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Während Europa und die USA sich in ihrer Annahme, es handle sich um einen Weltkrieg, in einer Blase befinden, leben zwei Drittel der Weltbevölkerung in Ländern, die Russlands Einmarsch in die Ukraine nicht aktiv verurteilt haben.

Tatsächlich ist es sogar so, dass Länder im Globalen Süden eher Russland als die Ukraine unterstützen. Alexander Stubb, Ex-Ministerpräsident Finnlands und Direktor der School of Transnational Governance spricht von einem "Weckruf": 40 Länder haben Sanktionen gegen Moskau verhängt, "Null Länder aus Afrika. Null Länder aus Lateinamerika. Und nur zwei oder drei aus Asien."

In der vergangenen Woche hat Moskau in einem Strategiepapier zur Außenpolitik China und Indien als Schlüsselpartner bezeichnet und angekündigt, die Beziehungen zu Afrika und Lateinamerika auszubauen.

Riskieren die USA und Europa als Unterstützer der Ukraine also mehr als eine Niederlage auf dem Schlachtfeld? Wird der Ausgang von Russlands Krieg darüber entscheiden, wie eine neue Weltordnung aussieht?

Stößt das liberale, auf wertebasierte System des globalen Westens an seine Grenzen und wird von einem statischen, autoritären System wie es China und Russland vertreten abgelöst?

Wie steht der Globale Süden zum Krieg in der Ukraine?

Im Globalen Süden fühlt man sich von der Situation kaum betroffen, "Länder in Lateinamerika sagen nein, das ist nicht unser Krieg", erklärt Christopher Sabatini, Senior Fellow für Lateinamerika bei der Londoner Denkfabrik Chatham House. Der Hoffnung im Westen, sie könnten Waffen in die Ukraine schicken, erteilten lateinamerikanische Länder eine schnelle Absage.

Gleichzeitig wird die Allianz zwischen Russland und China immer enger, nicht zuletzt die Reise des chinesischen Präsidenten Xi Jinping nach Moskau - nur wenige Tage nachdem der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehl gegen Wladimir Putin wegen Kriegsverbrechen erlassen hat - zeigt, dass China im Krieg nicht neutral ist.

Doch es ist auch eine Frage der Emotionalität, die mit der Geschichte vieler Länder im Globalen Süden zusammenhängt, erklärt Alexander Stubb. "Sie zeigen im Grunde mit dem Finger auf Europa und die USA und sagen: Kommt nicht und belehrt uns über territoriale Integrität und Souveränität. Schaut, was ihr während des Kolonialismus getan habt. Oder seht euch an, was im Irak passiert ist."

Die Macht liegt im Globalen Süden.

Es gilt als unwahrscheinlich, dass sich die Länder des Globalen Südens sich geschlossen dem Globalen Westen oder Globalen Osten anschließen. Der Globale Süden sei zwar der "Entscheider", wolle sich aber nicht entscheiden, glaubt Finnlands ehemaliger Ministerpräsident Alexander Stubb.

"Es wird wie ein Pendel zwischen den beiden schwingen. Sie haben die Wirtschaft, sie haben die Ressourcen, und sie haben die Macht, die Richtung zu bestimmen, in die sich die Welt entwickeln wird", so Stubb.  

Sabatini erklärt, dass Länder im globalen Süden die Situation jetzt auch als eine Gelegenheit nutzen, ihre Unabhängigkeit gegenüber einer schwindenden US-Macht weltweit, aber auch innerhalb der westlichen Hemisphäre zu behaupten. "Viele von ihnen haben das Gefühl, dass die USA und Westeuropa ihre Anliegen lange Zeit ignoriert haben".

Wir sind zu arrogant, zu paternalistisch und zu moralistisch.
Alexander Stubb
Experte für Geopolitik, Ex-Premier von Finnland, Direktor der School of Transnational Governance

So habe sich eine Reihe lateinamerikanischer Diplomat:innen nach der Abstimmung der UN-Generalversammlung über Russland gesagt, dass sie vorher schlicht nicht konsultiert worden seien. 

Denn bisher drängten die USA Länder, auf ihrer Seite zu bleiben, "bieten aber nur wenig Konkretes in Form einer Alternative an", so Sabatini. 

Europa und Großbritannien bekleckerten sich bei der Verteilung von Covid-19-Impfungen nicht gerade mit Ruhm, und auch die Forderung beim Ausbau von Industrie und Wirtschaft den Klimawandel zu berücksichtigen, werde im Globalen Süden kritisch aufgenommen, wo der wirtschaftliche Erfolg des Westens auf der industriellen Revolution - also im Grunde auf der Umweltverschmutzung beruht.

Die Frage ist, schafft es China, strategische Beziehungen zu dem Globalen Süden so zu unterhalten, dass eine neue - von Peking angeführte - Weltordnung entsteht?

Wie umwirbt China den Globalen Süden?

China bietet diese seit Jahrzehnten, besonders in Form von Investitionen und Krediten. Und diese sind im Vergleich zu denen der Weltbank flexibel, und nicht an "Bedingungen und Auflagen geknüpft."

Das Reich der Mitte ist zudem "ein sehr attraktiver Markt für lateinamerikanische Rohstoffe, und es bietet auch etwas, woran es vielen lateinamerikanischen Ländern wirklich mangelt, nämlich Infrastruktur-Investitionen." Und diese brauchen Länder wie Brasilien und Argentinien dringend.

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Und gleichzeitig gehen die Werte zwischen den Ländern etwa in Lateinamerika und denjenigen, die die liberale Weltordnung umgestalten wollen, weit auseinander.

Für Lateinamerika sei der Schutz von Menschenrechten allgemein, Frauenrechten, den Rechten der Indigenen, oder etwa die der LGBTQI+-Gemeinschaft in den vergangenen Jahren extrem wichtig geworden, so Sabatini.

"Die lateinamerikanischen Regierungen müssen sich über den tatsächlichen Nutzen der liberalen Weltordnung im Klaren sein, die nicht immer ihren Interessen gedient hat, aber eine wirksame Plattform für die Durchsetzung der Rechte der Staaten oder den Schutz der Menschenrechte durch das Völkerrecht war."

Was hat der Westen dem Globalen Süden anzubieten?

Wenn der Westen diese Situation für sich entscheiden will, brauche es "eine würdigere Außenpolitik", mahnt Stubb. Dabei müssten hohe moralische Ansprüche eingeschränkt werden und versucht werden, "dem Globalen Süden eine gewisse Handlungsfähigkeit zu geben".

"Wir sind zu arrogant, zu paternalistisch und zu moralistisch", so Stubb.

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Zwar haben die Länder des Globalen Südens in der EU-Generalversammlung gemeinsam die meisten Stimmen und repräsentieren zahlenmäßig die meisten Einwohner:innen, doch ist kein Land aus dem Globalen Süden ist ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat. Auch in den international mächtigen Institutionen IMF und bei der Weltbank sind sie kaum vertreten. Stubb weist zudem darauf hin, dass der Handel mit Ländern aus dem Globalen Süden ausgebaut werden könnte.

Die Zukunft der geopolitischen Weltordnung hängt also vom Globalen Süden ab und von der Bedeutung, die der Westen bereit ist, ihm zu geben - aber auch von der Politik gegenüber China. "Unsere Beziehungen zu China gehören zu den kompliziertesten und wichtigsten in der Welt", fasste es Ursula von der Leyen in ihrer ersten komplett China gewidmeten Rede zusammen.

"Wenn der Westen die liberale Ordnung und eine separate, auf Werten basierende Weltordnung aufrechterhalten will, wird er sich an den Verhandlungstisch begeben müssen", so Stubb.

"Was die Chinesen wollen, ist keine liberale Ordnung, sondern vielleicht einige Elemente einer auf Werten basierenden Weltordnung. Das ist das Gleichgewicht, das wir finden müssen".

Dass sie Chinas und des Globalen Südens zunehmend ernst nehmen, davon zeugen das Reiseprogramm führender Politiker in Europa: Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock bereist seit Amtsantritt Länder auf der Südhalbkugel, um sie als Partner Europas und des Westens zu gewinnen. 

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Die US-Außenministerin Kamala Harris hat gerade eine Afrika-Reise abgeschlossen und Frankreichs Macron begleitet EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Ende der Woche nach Peking.

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