Unter dem Schutt erschütterte Seelen: Erdbebenopfer in der Türkei leiden unter PTBS

Cuma Zobi steht vor sienem verschüttetrten Auto.
Cuma Zobi steht vor sienem verschüttetrten Auto. Copyright OZAN KOSE/AFP
Von Euronews mit AFP
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Viele Menschen haben überlebt und stehen dennoch vor dem Nichts. Das Beben hat nicht nur ihre Häuser, sondern auch ihre Seelen erschüttert.

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Manche schlafen kaum noch. Andere fürchten sich vor geschlossenen Räumen. Und wieder fühlen sich beim Anblick der Berge zutiefst beunruhigt.

Die Überlebenden des verheerenden Erdbebens in der Türkei nahe der antiken Stadt Antakya leiden still unter den Folgen der Katastrophe, die vor zwei Monaten mehr als 50.000 Menschen das Leben kostete. Cuma Zobi kennt dieses Gefühl nur zu gut.

"Niemand traut sich mehr in ein Haus"

Der 38-jährige Sicherheitsbeamte wurde von riesigen Felsbrocken geweckt, die auf sein Haus stürzten. Das kleine Backsteingebäude hat nun ein großes Loch als Tür.

Sein Auto wurde unter den Felsen begraben, seine drei Kinder schwer verletzt. Noch massivere Felsen lösten sich durch den Regen und die Nachbeben, die auf das erste folgten.

"Niemand traut sich mehr in ein Haus", erklärt Cuma Zobi vor seinem aufgerissenen Haus. "Aber selbst wenn du in einem Zelt schläfst, denkst du immer wieder daran zurück und träumst davon. Es wird schwer sein, diese Angst loszuwerden".

"Ich schlafe nicht mehr, ich gehe um 3 Uhr morgens ins Bett und wache um 5 Uhr, spätestens 6 Uhr morgens wieder auf, niemals später. Meinem Sohn geht es ebeno. Er war in Antalya und ist jetzt für eine Woche bei mir. Er wacht mehrmals nachts schreiend auf, wegen des Erdbebens."

Eine Kiste voller Medikamente

Der Psychiater Eralp Türk ist ehrenamtlich vor Or und versucht, die Ängste der Menschen Katastrophengebiet zu lindern. Mit einer Kiste voller Medikamente in seinem Kofferraum und einem Notizblock, auf dem er ihre Symptome festhält.

Der 30-Jährige besucht täglich etwa 15 Personen anhand einer Liste, die er vom Sozialamt der Provinz erhalten hat. Einige der Betroffenen schicken ihn weg, weil sie zu sehr in sich gekehrt sind, um sich einem Fremden zu öffnen. "Ich bestehe nicht darauf. Ich biete nur an." 

Und wenn die Menschen dann doch sprechen: "Die drei häufigsten psychischen Störungen, mit denen wir derzeit konfrontiert werden, sind schwere Stressreaktionen, Trauer im Zusammenhang mit Verlusten und schließlich das Wiederaufleben alter psychiatrischer Erkrankungen, die durch das Erdbeben wieder neu entfacht worden sind."

Auch der Sozialarbeiter Aysen Yilmaz zieht durch die provisorischen Zeltlager in der Region. Sein bitterer Befund ist, dass alle Menschen, die er trifft, Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung aufweisen.

"Einige berichten von Schlaf- oder Appetitproblemen, andere sind sehr wütend oder aggressiv geworden", berichtet der 50-Jährige. "All das sind Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung".

"Ich behalte alles für mich"

Sevgi Dagli konzentrierte ihre ganze Energie auf ihr Baby, das 15 Tage vor der Katastrophe geboren wurde. Die 22-jährige Mutter sagt, dass es ihr nicht gelingt, ihre Gefühle zu offenbaren. "Ich behalte alles für mich", sagte sie, während sie ihren Säugling betrachtet.

Sie denkt darüber nach, die Gegend zu verlassen, denn "je mehr Schutt weggeräumt wird, desto staubiger wird die Luft". "Ich kann mir vorstellen, dass das nicht gut für unsere Gesundheit ist", rutscht es ihr nach einer Pause heraus. "Ich glaube, wir wissen nicht mehr so recht, was wir tun".

Viele Menschen haben überlebt und stehen dennoch vor dem Nichts. Das Beben hat nicht nur ihre Häuser, sondern auch ihre Seelen erschüttert.

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