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Horror, Lügen und Desillusionierung: Ein Ex-Wagner-Kämpfer berichtet über Bachmut

Wandbild "Wagner-Gruppe - Russische Ritter" in Belgrad, Serbien, 13. Januar 2023.
Wandbild "Wagner-Gruppe - Russische Ritter" in Belgrad, Serbien, 13. Januar 2023. Copyright Mindaugas Kulbis/Copyright 2023 The AP. All rights reserved.
Copyright Mindaugas Kulbis/Copyright 2023 The AP. All rights reserved.
Von Joshua AskewSophia Khatsenkova
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Dieser Artikel wurde im Original veröffentlicht auf Englisch

"Ich habe immer drei Granaten bei mir, zwei für den Feind und eine für den Fall, dass ich Selbstmord begehen muss", sagte er Euronews, "ich weigere mich, Kriegsgefangener zu werden".

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Ein ehemaliger Wagner-Söldner hat exklusiv mit Euronews über seine erschütternden Erlebnisse gesprochen. Sasha, der nicht seinen richtigen Namen nennt, hat in der monatelangen, erbitterten Schlacht um Bachmut gekämpft, die von westlichen Analysten mit einem "Fleischwolf" verglichen wurde.

Die Wagner-Leute fungierten als zweite Linie hinter den regulären russischen Truppen an der Front, erklärt Sasha. Sie sollten sicherzustellen, dass sich die Truppen, bar an Disziplin und Kampfeswillen, nicht zurückziehen. Es seien "Wehrpflichtige im Alter von kaum 21 Jahren" gewesen.  

"Sie [russische Wehrpflichtige] sind nicht motiviert, sie sind schwach, man hat sie von der Straße geholt und ihnen gesagt: Zieht in den Krieg", so Sasha. "Wenn ihr Kommandeur fällt, neigen sie dazu, sich schnell zu ergeben."

Der Söldner wollte nicht sagen, ob Gewalt eingesetzt wird, um widerspenstige Truppen in Schach zu halten. Einem Bericht von Euronews zufolge hat Moskau jedoch tschetschenische Loyalisten eingesetzt, um Abweichler zu disziplinieren und sogar hinzurichten.

"Das ist ein Bruderkrieg"

Sasha, der vor kurzem einen sechsmonatigen Vertrag mit der Wagner-Gruppe abgeschlossen hat, sagt, er werde nicht in die Ukraine zurückkehren - es sei denn, er werde dazu gezwungen.

"Ehrlich gesagt, habe ich keine Lust, zurückzugehen", sagte er Euronews. "Ich will einfach nicht mehr kämpfen."

Mindaugas Kulbis/Copyright 2023 The AP. All rights reserved.
Wagner Group military company guard an area standing in front of a tank in a street in Rostov-on-Don, Russia, Saturday, June 24, 2023.Mindaugas Kulbis/Copyright 2023 The AP. All rights reserved.

Sasha sagt, er habe ukrainische Wurzeln in Charkiw und Popasna. Er sei "durch das Blutvergießen desillusioniert worden".

"Das ist ein Bruderkrieg. Das ist der hässlichste Krieg, den es geben kann. Wir [Russen und Ukrainer] sprechen die gleiche Sprache. Wir denken und handeln auf dieselbe Weise", sagt er Euronews. "Wir bringen Gleichgesinnte um."

Seine Einheit sei manchmal versehentlich in ukrainischen Schützengräben gelandet und habe oft nicht einmal bemerkt, dass sie sich im "feindlichen Lager" befand, so Sasha.

"Der einzige Unterschied ist, dass sie uns als Aggressoren sehen, weil wir in ihrem Gebiet sind. Vielleicht stimmt das ja, aber ich will das nicht weiter ausführen. Ich weiß es wirklich nicht."

Russland und die Ukraine haben eine gemeinsame Geschichte und waren Teil verschiedener historischer Imperien. Die Ukrainer haben jedoch eine eigene Identität, Sprache und Kultur, und viele sind der Meinung, dass die Invasion darauf zurückzuführen ist, dass Moskau das nicht anerkennt.

"Dank Wagner gewinnt Russland"

Zu seiner Desillusionierung hätten auch die weit verbreiteten "Lügen" über den Konflikt beigetragen. Das sei ein Grund dafür gewesen, warum er mit Euronews sprechen wollte. "Selbst wenn mir im nächsten Monat etwas zustößt", fügt Sasha hinzu.

"Nachdem ich an der Front war, kann ich sagen, dass uns alle anlügen." Er habe deshalb aufgehört, Nachrichten zu verfolgen. 

Sasha spricht von massiven Verschleierungen im Zusammenhang mit der Beinahe-Niederlage Russlands in der Anfangsphase der Invasion. Wager habe die Dinge vom Abgrund zurückgeholt.

Ein weiterer Punkt sei, dass die versprochenen Ergebnisse des Krieges einfach nicht eingetreten waren; als Finnland der NATO beigetreten ist, und - trotz der Behauptungen, dies würde den US-Dollar schwächen - ausländische Währungen teurer geworden seien.

Der russische Rubel erreichte im Juli seinen niedrigsten Wert seit Ausbruch der Kämpfe im vergangenen Jahr. Doch die Währung und die russische Wirtschaft haben den Erwartungen der Ökonomen getrotzt und sich trotz der westlichen Sanktionen gut behauptet.

Nachdem er sich mehrere Monate lang vor der Einberufung gedrückt hatte, er sei "ganz zufällig [...] auf Wagner gestoßen". Auf die Frage, warum er sich der Söldnergruppe angeschlossen hat, wollte er nicht antworten.

"Keine Ahnung, wie viele Menschen ich getötet habe"

"Vor dem Krieg hatte ich loyalere und patriotischere Ansichten", sagt er und spielt damit auf die Liebe zum Land an, die ihn dazu brachte, sich zu melden, auch wenn das "anständige Gehalt" sicher auch eine Rolle spielte.

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"Ich hielt alles, was wir [Russland] taten, für richtig. Jetzt hat sich meine Meinung geändert." Sasha wurde für seine "Tapferkeit" in Bachmut ausgezeichnet und diente als "Sturmtruppler", der dank seiner mathematischen Begabung besonders gut für die Artillerie spionieren konnte. 

Der junge Mann hat "keine Ahnung", wie viele Menschen er im Kampf getötet hat, bewaffnet mit einer AK 74, Granatwerfern und Landminen. "Wozu soll ich zählen?"

Er sagt, es gäbe "keine Dienstgrade wie in der [russischen] Armee" und vergleicht Wagner mit einer wohlgeordneten Bruderschaft von Elitetruppen - im krassen Gegensatz zu den "krawalligen" regulären Soldaten.

"Wir nennen uns Brüder, es spielt keine Rolle, wie lange wir in der Gruppe sind. Eines Tages rette ich ihm das Leben, und an einem anderen Tag rettet er meins."

"Ich kann Ihnen sagen, dass das Verteidigungsministerium große Angst vor uns hat", so Sasha. "Die meisten Wagner-Kämpfer sind in den Krieg gezogen, um zu sterben, nicht um zu kämpfen. Ich war mir zu 70% sicher, dass ich nicht zurückkommen würde."

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"Ich hatte immer drei Granaten dabei, zwei für den Feind und eine für den Fall, dass ich Selbstmord begehen muss, weil ich mich weigere, Kriegsgefangener zu werden."

Seine Mitstreiter, eine Mischung aus kampferprobten Veteranen und Kriminellen, hätten bei der Niederschlagung vergangener "Putsche" in Syrien und "von den USA angefachter Aufstände in Belarus und Kasachstan" geholfen. Sasha glaubt, dass die Einmischung Washingtons der Grund dafür sei, dass Moskau in sein westliches Nachbarland einmarschieren muss.

"Es gibt keine Vergewaltiger bei Wagner"

Während seines Einsatzes in Bachmut habe ihm die Zivilbevölkerung "sehr leidgetan". "Wenn wir schmutzig und in Uniform ankamen, hatten sie [die Ukrainer] zu viel Angst vor uns, um überhaupt aus ihren Häusern zu kommen."

"Die andere Seite [Kiew] hat ihnen gesagt, wenn ihr nach Russland geht, werden wir euch erschießen", erklärte er.

Bachmut war monatelang Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen russischen und ukrainischen Truppen, die die Stadt in Schutt und Asche legten. Von den 71.000 Einwohner:innen, die vor dem Krieg in der kleinen Salzbergbaustadt lebten, sind heute weniger als 500 übrig. Bis auf wenige Ausnahmen sind alle geflohen. 

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Die Wagner-Truppen wurden von ihren ehemaligen Kommandeuren beschuldigt, Zivilisten zu vergewaltigen und zu töten, darunter auch Kinder im Alter von fünf Jahren.

Sasha weist diese Anschuldigung zurück und sagt, dass alle Kämpfer vertraglich an strenge Regeln gebunden seien, die Plünderungen (mit Ausnahme von Trophäen toter Kämpfer), Vergewaltigungen, Drogen und sogar Alkohol verbieten.

"Wir stellten keine Bedrohung dar", sagt er Euronews und behauptet, Zivilisten hätten ihm gesagt, dass sie Wagner den ukrainischen Streitkräften vorziehen würden, weil sie "sich auf uns verlassen könnten".

"Wir haben den Leuten sogar bei ihren Gärten geholfen" und ein Kollege hat ein "verwundetes 6-jähriges Mädchen gerettet und es mehrere Kilometer in ein Krankenhaus getragen." Sasha räumt aber auch ein, dass unschuldige Menschen durch die eine oder andere "verirrte Kugel" getötet werden können.

Euronews kann diese Aussagen nicht unabhängig nachprüfen.

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Mindaugas Kulbis/Copyright 2023 The AP. All rights reserved.
Yevgeny Prigozhin, June 24 2023.Mindaugas Kulbis/Copyright 2023 The AP. All rights reserved.

Sasha - selbst ein großer Bewunderer von Wladimir Putin - zeichnet ein Bild der Verwirrung rund um Wagners gescheiterte Meuterei im Juni, obwohl er bereits nach Hause zurückgekehrt war, als sie stattfand.

Er sagt, seine Kollegen hätten ihm erzählt, dass viele Kommandeure, die dem russischen Präsidenten gegenüber loyal bleiben wollten, den Befehl verweigerten, aus Rostow am Don zu marschieren, eine russische Hochburg in der Nähe der ukrainischen Grenze, wo Wagner einen Militärstützpunkt eingenommen hatte.

Bei der Analyse des Zusammenstoßes zwischen dem Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin und dem russischen Militär von Putin, zeigt sich Sasha kurz angebunden. "Ich will es einfach ausdrücken: Ich mag Schoigu [den russischen Verteidigungsminister] nicht."

Reguläre Truppen sollen Berichten zufolge Söldnerstützpunkte angriffen haben. Vor dem Aufstand der Wagner-Bewegung am 23. Juni, bei dem sie auf Moskau marschierte, waren die Spannungen zwischen Prigoschin und dem russischen Verteidigungsapparat eskaliert, und der Söldnerchef hatte deren Kampagne offen kritisiert.

Nachdem er es mit "wirklich guter" ukrainischer Artillerie zu tun hatte, war Sasha froh, unversehrt nach Hause zu kommen. "Ich schlafe nachts sehr gut. Ich habe keine Albträume. Ich bin mit all meinen Gliedmaßen zurückgekommen. Ich wurde nie verwundet. Im Vergleich zu anderen hatte ich großes Glück."

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"Nach dem, was ich durchgemacht habe, ändern sich die Dinge und man hat andere Prioritäten im Leben, wie zum Beispiel die Familie", so Sasha. "Ich habe Brüder... Eltern [und] eine Frau, die ich liebe."

"Das ist auch der Grund, warum ich nicht mehr kämpfen will. Ich möchte nicht alles ein zweites Mal riskieren."

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