Merz zeigt Führung und stellt ein Freihandelsabkommen mit Indien bis Ende des Monats in den Raum. Mit Modi einigte er sich zudem auf Rüstungsdeals und Zusammenarbeit bei kritischen Rohstoffen.
Mit großem Pomp hat Indien Bundeskanzler Friedrich Merz am frühen Morgen im westindischen Ahmedabad empfangen. Für Merz ist es eine besondere Ehre, im Heimatort von Premierminister Narendra Modi begrüßt zu werden. Auch US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping waren hier bereits zu Gast.
Nach allen Regeln der diplomatischen Kunst umwirbt Indien den deutschen Regierungschef. Gemeinsam besuchten sie Gandhis einstieges Ashram, eine Meditationsstätte. Bei einem Drachenfestival ließen sie Papierdrachen in die Luft steigen. Im Vorfeld kündigten riesige Werbetafeln den Besuch aus Europa an.
Modis Mühen sind kein Wunder. Indiens Ministerpräsident, dessen Wirtschaft trotz US-Zöllen weiter wächst, hofft auf lukrative Deals. Zwei Tage nimmt sich Merz Zeit, um diplomatische Spannungen und Handelskonflikte zu überbrücken.
Bereits am ersten Reisetag unterzeichneten Merz und Modi 27 Absichtserklärungen. "Die Partnerschaft mit Indien hat für Deutschland eine hohe Priorität", schrieb Merz auf X.
Für die deutsche Wirtschaft könnten die Vereinbarungen neuen Schwung bringen. So plant Indien offenbar den Kauf mehrerer U-Boote von der ThyssenKrupp-Marine-Systems-Tochter TKMS, auch wenn entsprechende Verträge bislang nicht unterzeichnet wurden. Indien ist laut dem Friedensforschungsinstitut Sipri der größte Rüstungsimporteur der Welt.
Bislang ist Indien in diesem Bereich stark von Russland abhängig. Zwischen 2019 und 2023 bezog das Land 36 Prozent seiner Rüstungsgüter aus Russland – trotz internationaler Kritik und eines kürzlich vereinbarten neuen Waffendeals mit dem Kreml.
Immer wieder wurde Neu-Delhi vorgeworfen, angesichts des groß angelegten russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine zu wenig klare Haltung zu zeigen. Zuletzt drohte US-Präsident Donald Trump Modi wegen der Handelsbeziehungen zu Russland mit massiven Zöllen.
Sicherheitspolitisch wollen Indien und Deutschland näher zusammenrücken, wie aus dem Kanzleramt verlautet. "Wir setzen uns für eine internationale Ordnung ein, in der wir frei und sicher leben können", erklärte Merz. Auch gemeinsame Militärübungen im Indopazifik seien geplant.
Neben sicherheitspolitischen Fragen ging es auch um Rohstoffe und Zukunftstechnologien. Merz unterzeichnete eine Absichtserklärung mit dem indischen Bergbauministerium zur engeren Zusammenarbeit bei kritischen Rohstoffen. Zudem soll in Indien unter Federführung des deutschen Forschungsministeriums ein Innovationsexzellenzzentrum für Künstliche Intelligenz, Halbleiter, Supercomputer und Batterietechnologie entstehen.
Für Deutschland bedeutet das mehr Unabhängigkeit von den USA und China. Derzeit beziehen 72 Prozent der deutschen Unternehmen ihre Halbleiter aus den Vereinigten Staaten, 63 Prozent aus China, wie eine Bitkom-Umfrage unter mehr als 500 Firmen zeigt. Darüber hinaus sind ein Ausbau des Studierendenaustauschs sowie die gezielte Anwerbung indischer Fachkräfte für den deutschen Gesundheitssektor geplant.
"Der wachsende bilaterale Handel und gegenseitige Investitionen haben neue Impulse für unsere strategische Partnerschaft gesetzt", sagte Modi. Er dankte Merz zudem für die angekündigte Einführung eines visafreien Transits für indische Staatsbürger – ein Schritt, der die Menschen beider Länder einander näherbringen soll.
Mit den Absichtserklärungen scheint sich auch die Tür für ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien weiter zu öffnen. Bereits Ende des Monats könnte ein entsprechendes Abkommen von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Indien unterzeichnet werden, so Merz. "Diese Chance dürfen und wollen wir nicht ungenutzt lassen." Jahrelang hatten die Gespräche auf Eis gelegen.