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Patriot-Raketen: Westen fährt die Produktion hoch

Bombardierung der Ukraine - Charkiw
Bombardierung der Ukraine - Charkiw Copyright  Andrii Marienko/2026 The AP. All rights reserved
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Von Stefania De Michele
Zuerst veröffentlicht am
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Die Luftabwehr-Lager sind dünn, die Nachfrage steigt. Eine neue Vereinbarung soll die Produktion von Patriot PAC-3 MSE bis 2030 deutlich erhöhen und damit mehr Abfangraketen für USA, NATO und Partner bereitstellen. Langfristige US-Garantien sollen Lieferketten sichern und Investitionen ermöglichen.

Der Westen hat erkannt, dass er seinen eigenen Luftraum nur unzureichend schützen kann. Nach fast vier Jahren Krieg in der Ukraine stehen NATO und EU vor einer Realität, die bis 2022 eher im Hintergrund lag: Die Bestände der Luftverteidigung sind zu klein, die Industrie produziert zu langsam, und ohne ausreichende Mittel gerät die Abschreckung ins Wanken.

Vor diesem Hintergrund hat Lockheed Martin eine Vereinbarung mit dem US-Verteidigungsministerium bekannt gegeben. Ziel ist es, die Produktion der Patriot-Abfangrakete PAC-3 Missile Segment Enhancement(MSE) deutlich zu beschleunigen. Denn sie ist eine der zentralen Säule der westlichen Raketenabwehr.

Die Vereinbarung, über die das Verteidigungsportal RID berichtet, sieht vor, die jährliche Produktionskapazität bis 2030 von rund 600 auf 2.000 Raketen zu steigern. Damit sollen nicht nur die US-Streitkräfte, sondern auch die Sicherheitsarchitektur der NATO und verbündeter Staaten gestärkt werden.

Die Ankündigung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Bestände schrumpfen: durch die Unterstützung für Kiew, die Krisen im Nahen Osten und die wachsenden Raketenfähigkeiten Russlands, Irans und Chinas.

Massenproduktion für glaubwürdige Abschreckung

Nach Angaben von Lockheed Martin läuft bereits eine außergewöhnliche Phase der industriellen Expansion. In den vergangenen zwei Jahren ist die Produktion der PAC-3 MSE um mehr als 60 Prozent gestiegen. Bis 2025 wurden 620 Abfangjäger ausgeliefert. Das liegt mehr als 20 Prozent über dem bisherigen Jahresrekord.

Um die neuen Ziele zu erreichen, muss das Unternehmen deutlich mehr Personal einstellen. Zudem sind neue Produktionslinien nötig, ebenso mehr Automatisierung.

Das Pentagon will die Lieferkette dabei enger steuern. So sollen Unteraufträge, Rohstoffe und Produktionskapazitäten verlässlich verfügbar sein. Analysten werten das als wichtigen Schritt – denn die NATO muss gleichzeitig ihre Ostflanke schützen, Militärbasen sichern und kritische Infrastruktur in Europa verteidigen.

Neues Finanzierungsmodell: Der Staat übernimmt das Risiko

Der eigentliche Kurswechsel ist nicht nur industriell, sondern auch finanziell. Das Abkommen folgt der „Acquisition Transformation Strategy“ des US-Verteidigungsministeriums, die Verteidigungsminister Pete Hegseth unterstützt. Washington garantiert dafür erstmals eine stabile, langfristige Nachfrage. Unternehmen können so investieren, ohne zu fürchten, nach einer Krise auf ungenutzten Anlagen sitzen zu bleiben.

Praktisch heißt das: Das Pentagon teilt das industrielle Risiko, stabilisiert den anfänglichen Cashflow und ermöglicht eine schnelle Ausweitung der Produktion. Dahinter steht ein klares Eingeständnis: Der Markt allein liefert nicht die Geschwindigkeit, die in einer strategischen Konfrontation mit revisionistischen Mächten nötig wäre.

Warum die Patriots unverzichtbar geworden sind

Die PAC-3 MSE ist nicht einfach „nur“ eine Rakete. Sie wirkt als Abschreckungsmultiplikator. Entwickelt wurde sie, um taktische ballistische Raketen, Marschflugkörper und Flugzeuge abzufangen. Sie arbeitet nach dem „Hit-to-kill“-Prinzip: Das Ziel wird durch direkten Aufprall zerstört.

Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, dass Luftverteidigung nicht nur Truppen schützt. Sie muss auch Städte, Kraftwerke, Häfen, Flughäfen und logistische Knotenpunkte sichern. Ohne wirksamen Schutz des Luftraums bleibt jede militärische und industrielle Strategie verwundbar. Deshalb hat sich der Patriot in NATO und EU von einem Spezialsystem zu einem strategischen Infrastrukturbaustein entwickelt.

Lockheed Martin als Stütze der westlichen Verteidigung

Lockheed Martin gehört zu den zentralen Unternehmen der westlichen Verteidigungsindustrie. Der Konzern ist in Luftfahrt, Raketen, Missionssystemen und Raumfahrt aktiv. Viele NATO-Streitkräfte und zahlreiche Partner in Asien und im Nahen Osten nutzen seine Systeme.

Allein 2025 lieferte Lockheed Martin nach eigenen Angaben mehr als 24.000 Produkte aus dem Bereich Raketen- und Feuerleitsysteme an die USA und ihre Verbündeten. Das unterstreicht die Rolle des Unternehmens weit über das Patriot-Programm hinaus.

Italien und die EU: Abhängigkeit und Zusammenspiel

Italien nutzt das Patriot-System über seine Luftwaffe und ist Teil der integrierten Luftverteidigung der NATO. Industriell kommt ein wichtiger Beitrag vom italienischen Rüstungskonzern Leonardo. Das Unternehmen arbeitet mit Lockheed Martin unter anderem an Radar-, Sensor- und Integrationsprogrammen.

Die Fertigung der Abfangraketen bleibt jedoch stark in den USA konzentriert. Das zeigt die strukturelle Abhängigkeit Europas – ein Problem, das Brüssel erst seit Kurzem entschlossener angeht. Luftverteidigung ist deshalb zu einem Kernpunkt der Debatte über die strategische Autonomie der EU geworden.

Braucht man wirklich mehr Abfangjäger?

Nach Einschätzung von CSIS, IISS und RAND reagiert der Ausbau der Patriot-Produktion auf einen konkreten, messbaren Mangel. Westliche Bestände waren auf kurze, regionale Konflikte ausgelegt – nicht auf lange Kriege hoher Intensität. In einem direkten Konfrontationsszenario könnten europäische Vorräte innerhalb weniger Wochen aufgebraucht sein.

Natürlich spielt Lobbyarbeit in der Rüstungsbranche eine Rolle. Doch in einem Punkt sind sich viele Analysten einig: Nicht die Unternehmen haben diese Nachfrage erzeugt. Der Krieg hat eine systemische Verwundbarkeit offengelegt. Wie RUSI und das Peterson Institute betonen, haben Regierungen jahrelang Effizienz über Widerstandsfähigkeit gestellt. Jetzt zahlen sie den Preis.

Abschreckung braucht Vorräte und Tempo

DGAP und ECFR argumentieren, Abschreckung im 21. Jahrhundert werde nicht nur an Technologie gemessen. Entscheidend sei auch die Fähigkeit, über längere Zeit hinweg in relevanten Stückzahlen zu produzieren. Ohne Lagerbestände, stabile Lieferketten und langfristige Verträge bleibt militärische Überlegenheit oft Theorie.

Vor diesem Hintergrund ist das „Patriot-Rennen“ weniger ein Gefallen für die Industrie als ein verspäteter Versuch, eine gefährliche Lücke zu schließen. Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob der Westen investiert, sondern ob er schnell genug handelt, damit Abschreckung nicht zum Glücksspiel wird.

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