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Kein Strom und Internet: Wie die Bundeswehr im Ernstfall die Bürger erreichen will

Symbolbild: Soldaten während eines Besuchs von Hendrick Wuest in der "Feldmarschall-Rommel-Kaserne" in Augustdorf, 30. März 2022
Symbolbild: Soldaten während eines Besuchs von Hendrick Wuest in der "Feldmarschall-Rommel-Kaserne" in Augustdorf, 30. März 2022 Copyright  Martin Meissner/Copyright 2022 The AP. All rights reserved
Copyright Martin Meissner/Copyright 2022 The AP. All rights reserved
Von Johanna Urbancik
Zuerst veröffentlicht am
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In wenigen Tagen testet die Bundeswehr als Teil des Manövers "Colder Iron 2026" Flugblattabwürfe in der Oberlausitz in Sachsen. Wie effektiv ist diese Art der Krisenkommunikation?

Vom 25. Januar bis 4. Februar wirft die Bundeswehr Flugblätter mithilfe von Heliumballons ab, um die "Abläufe der taktischen Direktkommunikation" in einem möglichen Krisenfall zu üben. Im Ernstfall sollen die Flugblätter Menschen, die anders kaum erreichbar sind, im betroffenen Gebiet informieren.

Nach Angaben des Landeskommando Sachsen wird dazu die 5. Einsatzkompanie mit rund 100 Soldaten aus dem rheinland-pfälzischen Mayen nach Sachsen verlegt. Ziel des Manövers ist die "abstandsfähigen Produktverbringung", also die Verteilung von Material aus der Luft oder aus sicherer Distanz ohne direkten Kontakt zu dem betroffenen Gebiet.

Die Ballone haben einen Durchmesser und steigen auf bis zu 5.000 Meter auf. Wo genau sie starten ist jedoch unklar, da das dem Landeskommando Sachsen wetterabhängig ist und somit täglich neu festgelegt wird. Weitere Informationen werden aus Sicherheitsgründen nicht geteilt, bis auf die Bestätigung, dass Städte und Ortskräfte "bewusst gemieden" werden.

Die angrenzenden Nachbarländer Deutschlands wurden bereits im Vorfeld informiert, falls Flugblätter aufgrund des Wetters womöglich in Polen oder Tschechien landen. Wer während der Übung "Colder Iron 2026" ein Flugblatt bedruckt mit einem Symbol und Informationstext, kann den Fund über die angegebene Kontaktadresse melden und das aus umweltverträglichem Papier hergestellte Flugblatt anschließend entsorgen.

Flugblattabwürfe in aktuellen Kriegen und Krisen

Flugblattabwürfe werden im Ernstfall vor allem aus zwei Gründen eingesetzt: um Menschen in Ausnahmesituationen zu erreichen oder zu Propagandazwecken.

Zu den jüngsten realen Einsätzen zählen beispielsweise die Flugblattabwürfe der israelischen Armee im Gazastreifen und im Libanon.

Palästinenser zeigen Flugblätter, die von einer israelischen Drohne abgeworfen wurden und die Menschen warnen, 20. Oktober 2025
Palästinenser zeigen Flugblätter, die von einer israelischen Drohne abgeworfen wurden und die Menschen warnen, 20. Oktober 2025 Jehad Alshrafi/Copyright 2025 The AP. All rights reserved.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass die israelischen Streitkräfte im Süden des Gazastreifens am Mittwoch seit Beginn der Waffenruhe vom vergangenen Oktober erstmals wieder Flugblätter abgeworfen haben. Dort werden dutzende palästinensiche Familien auf englisch, hebräisch und arabisch zu einer sofortigen Evakuierung aufgefordert. Der Flugblätterabwurf wurde von den israelischen Streitkräften bestätigt.

In einem Beitrag für das Lieber Institute West Point ordnet Major Jon Griffiths, Anklageoffizier bei der britischen Service Prosecuting Authority und Doktorand an der University of Reading in England, solche Maßnahmen völkerrechtlich ein. Er argumentiert, dass die israelischen Streitkräfte mit Warnungen wie Flugblättern, Anrufen, SMS und Medienhinweisen ihrer Pflicht zu Vorsichtsmaßnahmen bei Angriffen nachkommen würden.

Zwar stellen Kritiker die tatsächliche Schutzwirkung dieser Warnungen infrage, Griffiths betont jedoch, dass das humanitäre Völkerrecht eine Pflicht zum Handeln, nicht zum Erfolg vorsieht.

Entscheidend sei hier, dass Warnungen rechtzeitig, verständlich und an die Betroffenen gerichtet seien. Genaue Angaben zu Ort und Zeitpunkt seien nicht zwingend erforderlich und könnten entfallen, wenn militärische Gründe oder zusätzliche Risiken für Zivilisten dagegensprechen.

Ob und wie viele Menschen möglicherweise durch Flugblattabwürfe im Gazastreifen "gerettet" wurden, ist unklar, da es dafür keine verlässlichen Zahlen gibt.

Flugblätter als Mittel der psychologischen Kriegsführung

Neben der Kommunikation können Flugblätter auch für Propaganda genutzt werden, wie beispielsweise im Zweiten Weltkrieg. Dort wurden sie zur Kombination von wahren Informationen, Übertreibungen und Desinformation eingesetzt, um sowohl Soldaten als auch Zivilisten psychologisch zu beeinflussen.

Die Flugblätter richteten sich damals oft an klar definierte Zielgruppen, teils sogar an einzelne Einheiten, und wurden millionenfach per Flugzeug, Ballon, Artillerie oder Raketen abgeworfen.

Vor allem Aufrufe zur Kapitulation, detaillierte Anleitungen zur Niederlegung der Waffen oder auch die Darstellung eines vermeintlich guten Lebens in Kriegsgefangenschaft wurden mithilfe der Flugblätter von den Kriegsparteien an die gegnerische Seite geschickt.

An der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität wurden 2024 Flugblätter dieser Art ausgestellt, darunter auch ein Exemplar, das den englischen Satz "I surrender" phonetisch für deutschsprachige Soldaten wiedergab.

Historiker Benedikt Sepp erklärte, dass aufgrund der Sprachbarriere viele Soldaten nicht wussten, wie sie sich ergeben sollten. Deswegen wurden beispielsweise Flugblätter mit der Aufschrift "Ei ssörrender" verteilt.

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