In seiner Rede in Davos erklärte der ukrainische Präsident, dass seit seiner letzten Ansprache auf demselben Gipfel, in der er Europa warnte, Selbstverteidigung lernen zu müssen, ein Jahr vergangen sei – und doch habe sich "nichts geändert".
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat am Donnerstag beim Weltwirtschaftsforum in Davos scharfe Kritik an Europa geübt. Der Kontinent wirke "verloren", sagte er, und stecke in einer Endlosschleife aus Ankündigungen fest – unfähig, sich selbst zu verteidigen oder die Ukraine entschlossen zu unterstützen.
"Jeder kennt den großartigen amerikanischen Film 'Und täglich grüßt das Murmeltier' – aber niemand möchte so leben", sagte Selenskyj. "Wir wiederholen seit Wochen, Monaten und mittlerweile seit Jahren immer wieder das Gleiche. Und genau so leben wir jetzt."
Besonders frustriert zeigte sich der ukrainische Präsident über die europäische Reaktion auf die Spannungen rund um Grönland. Die Entsendung kleiner Truppenkontingente in die Arktis stellte er offen infrage.
"Wenn man 14 oder 40 Soldaten nach Grönland schickt – wozu soll das gut sein? Welche Botschaft sendet das?", fragte Selenskyj. "Welche Botschaft geht an Putin, an China? Und vor allem: Welche Botschaft geht an Dänemark, Ihren engen Verbündeten? Vierzig Soldaten schützen nichts."
Seit seiner letzten Rede in Davos, in der er Europa aufgefordert hatte, Selbstverteidigung zu lernen, sei ein Jahr vergangen – doch "nichts hat sich geändert", so Selenskyj.
"Alle schauen jetzt auf Grönland, und es ist offensichtlich, dass viele Staats- und Regierungschefs nicht wissen, was sie tun sollen", sagte er. "Es scheint, als warteten alle darauf, dass Amerika sich beruhigt. Aber was, wenn das nicht passiert? Was dann?"
Europa reagiere weiterhin ungeeint auf globale Herausforderungen und sehe sich selbst eher als geografisches oder historisches Gebilde denn als politische Macht. Der Kontinent bleibe "ein Kaleidoskop aus kleinen und mittleren Staaten".
"Europa wirkt verloren, wenn es versucht, den US-Präsidenten umzustimmen", sagte Selenskyj. "Aber er wird sich nicht ändern. Präsident Trump liebt, wer er ist. Er sagt, er liebe Europa – aber auf dieses Europa wird er nicht hören."
Der ukrainische Präsident bot zugleich die Marineexpertise seines Landes an, um Sorgen über russische Schiffe in der Nähe Grönlands zu begegnen. Die Ukraine habe bereits erfolgreich russische Einheiten nahe der Krim angegriffen. "Wir werden dieses Problem mit russischen Schiffen lösen", sagte er.
Mit deutlichen Worten kritisierte Selenskyj auch die Zurückhaltung des Westens bei der Lieferung moderner Waffensysteme. Diplomaten hätten amerikanischen Partnern geraten, selbst die Erwähnung von Tomahawk-Marschflugkörpern zu vermeiden, "um die Stimmung nicht zu verderben".
"Heute zielen sie auf die Ukraine. Morgen kann es jedes NATO-Land sein", sagte Selenskyj über russische Raketenangriffe. "Wäre es nicht einfacher und billiger, Russland von den Komponenten zur Raketenherstellung abzuschneiden oder die entsprechenden Fabriken zu zerstören?"
Auch Europas Umgang mit Iran nahm Selenskyj ins Visier. Tausende Demonstranten seien dort getötet worden, ohne dass dies ernsthafte Konsequenzen gehabt habe. Er zog einen Vergleich zu Venezuelas Präsident Nicolás Maduro, der sich in New York vor Gericht verantworten müsse.
"Maduro steht in New York vor Gericht. Entschuldigung – aber Putin steht nicht vor Gericht", sagte Selenskyj. "Der Mann, der diesen Krieg begonnen hat, ist nicht nur frei, er kämpft auch noch um sein in Europa eingefrorenes Geld."
Er fragte, warum die USA Tanker der russischen Schattenflotte und deren Öl beschlagnahmen könnten, Europa jedoch nicht – obwohl genau dieses Öl den Krieg finanziere. "Wenn Putin kein Geld hat, gibt es keinen Krieg gegen Europa", sagte Selenskyj.
Zu möglichen Friedensverhandlungen erklärte er, die Dokumente zu Sicherheitsgarantien für die Zeit nach dem Krieg seien "fast fertig". Entscheidend bleibe jedoch die Rolle Washingtons. "Ohne die USA funktionieren keine Sicherheitsgarantien", betonte er. "Wir brauchen die Unterstützung von Präsident Trump."
"Ich will das stoppen"
Am Donnerstagmorgen traf Selenskyj in Davos zu geplanten Gesprächen mit US-Präsident Donald Trump ein. Er war aus der Ukraine angereist, obwohl mehr als die Hälfte Kyjiws nach anhaltenden russischen Angriffen ohne Strom war.
Zeitweise hatte Selenskyj erwogen, die Reise abzusagen. Noch am Dienstag war er in Kyjiw geblieben, um die Wiederherstellung der Stromversorgung zu koordinieren. Zwei Tage später reiste er dennoch in die Schweiz, als sich die Lage weiter zuspitzte.
Rund 4.000 Gebäude in Kyjiw waren am Mittwoch ohne Heizung. Gleichzeitig sanken die Temperaturen im kältesten Winter seit Jahren auf bis zu minus 20 Grad – fast vier Jahre nach Beginn der großangelegten russischen Invasion.
"Ich will das beenden. Es ist ein schrecklicher Krieg", sagte Trump am Mittwoch in Davos.
Trotz jahrelanger Bemühungen der Trump-Administration, den Krieg zu beenden, blieb ein Durchbruch bislang aus – selbst nach wiederholten Fristsetzungen. Die Gespräche werden jedoch fortgeführt.
Trumps Forderungen in Bezug auf Grönland haben die Ukraine-Debatte beim Forum zuletzt in den Hintergrund gedrängt. NATO-Generalsekretär Mark Rutte warnte am Mittwoch davor, den Fokus zu verlieren.
"Das Hauptthema ist nicht Grönland, das Hauptthema ist die Ukraine", sagte Rutte. Er sei "ein wenig besorgt, dass wir den Ball fallen lassen, wenn wir uns zu sehr mit anderen Themen beschäftigen".