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„Wir wussten das nicht“ – Holocaust-Enkelin entdeckt Familiengeheimnis

Stolpersteine der Familie Levi, Berlin, 23.01.2026
Stolpersteine der Familie Levi, Berlin, 23.01.2026 Copyright  Donogh McCabe, Euronews
Copyright Donogh McCabe, Euronews
Von Laura Fleischmann
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Am Holocaust-Gedenktag wird in ganz Deutschland den Opfern des NS-Regimes gedacht. Gleichzeitig steigt der Antisemitismus in Deutschland alarmierend.

Er ist das wohl kleinste Denkmal der Welt: der Stolperstein. Mehr als 116.000 von ihnen zieren mittlerweile weltweit Gehwege, die meisten von ihnen auf deutschen Straßen.

Seit 1992 läuft das Projekt und immer noch kommen neue Steine hinzu. So auch in Berlin-Johannisthal an der Greifstraße 16. Seit wenigen Tagen wird hier an die Familie Levi erinnert: an Mutter Frieda, Vater Moritz sowie die Söhne Siegbert und Chaim. 1934 floh Chaim als Erster in das heutige Israel. Ein Jahr später folgte der Rest der Familie.

"Es ist sehr bewegend. Wir haben nun über zwei Jahre daran gearbeitet", sagt Dana Yeshouroune, Enkelin von Siegbert Levi. "Wir konnten einige Fakten herausfinden, die wir vorher nicht kannten. Wir wussten nie, dass unser Großvater im Ersten Weltkrieg in der deutschen Armee gedient hat."

Nach ihrer Flucht baute sich die Familie ein neues Leben auf. In der Nähe von Tel Aviv betrieb sie einen kleinen Bauernhof mit Hühnern. Zur Stolperstein-Verlegung reiste Dana Yeshouroune gemeinsam mit weiteren Nachfahren aus Israel an, auch Angehörige aus Italien waren dabei.

Angehörige der Familie Levi bei der Stolperstein-Verlegung, Berlin, 23.01.26
Angehörige der Familie Levi bei der Stolperstein-Verlegung, Berlin, 23.01.26 Donogh McCabe, Euronews

Über ihren Großvater sagt sie: "Er bewunderte vieles an Deutschland – seine Herkunft, seine Wurzeln, die Art und Weise, wie er aufgewachsen ist. Gleichzeitig war er aber auch wütend und enttäuscht darüber, dass er gezwungen war, dieses Land zu verlassen."

Verlegt werden die Steine am letzten selbstgewählten Wohnort der Opfer. Zurückgeht die Idee der Stolpersteine auf den Künstler Gunter Demnig. Bewusst habe er sich für "die entschleunigten und kontinuierlichen Verlegungen entschieden, da er damit der fabrikmäßigen Massenvernichtung der NS-Zeit entgegen wirken möchte."

Gewalt gegen Juden steigt enorm

Auch im Ausland, in Frankreich, den Niederlanden, Russland und weiteren Ländern, wird mit den kleinen Steinen Menschen, vor allem Juden, gedacht, die während des Holocausts von Nationalsozialisten ermordet, verschleppten oder vertrieben wurden.

"Es ist sehr wichtig, dass man die Namen der Opfer sichtbar macht und auch sichtbar macht, dass die Menschen unsere Nachbarn waren und wo sie gelebt haben", so Sabine Karten vom Bund der Antifaschisten Treptow, der die Steine verlegt hat.

Gleichzeitig erleben jüdische Menschen in Deutschland weiterhin Diskriminierung. Die Zahl antisemitischer Straftaten ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Von 2020 bis 2024 hat sich die Zahl mehr als vervierfacht, so der Bundesverband RIAS e.V.. Zu antisemitischen Vorfällen zählt das Projekt Gewalt, Sachbeschädigung, Bedrohungen sowie verletztendes Verhalten. Auch Versammlungen sowie antisemitische Massenzuschriften werden mitgezählt.

Anzahl antisemitischer Vorfälle 2020-2024, Quelle: Jahresbericht 2024, Bundesverband RIAS e.V.

Auch die offiziell erfassten Straftaten nahmen deutlich zu: von 2.351 im Jahr 2020 auf 6.236 im Jahr 2024, wie Zahlen des Bundeskriminalamts zeigen.

Um ein Zeichen zu setzen, halten Anwohner in Berlin-Kreuzberg wöchentlich eine Mahnwache vor der Synagoge am Fraenkelufer ab. "Es ist ein Skandal, dass jüdische Menschen in unserem Land Polizeischutzbrauchen brauchen, wenn in ihre Synagoge gehen wollen", sagt Julia Ertl. Fast jede Woche setzt sie vor der Synagoge ein Zeichen gegen Gewalt an Juden.

"Der Antisemitismus in Deutschland ist seit dem 7. Oktober 2023 explosionsartig gewachsen. Alle Zahlen deuten darauf, dass er sich nun auf einem erschreckend hohen Niveau verfestigt", so Dr. Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden, zu Euronews.

Schuster betont, dass Sicherheitsmaßnahmen allein nicht ausreichen. "Das ist Symptombekämpfung, die Antisemiten nicht von unseren Straßen vertreiben wird." Stattdessen fordert er, die Ursachen stärker zu bekämpfen.

Etwa sechs Millionen Juden wurden während des NS-Regimes von Nationalsozialisten sowie ihren Verbündeten ermordet, viele von ihnen im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Der 27. Januar erinnert an den Tag im Jahr 1945, an dem sowjetische Soldaten das Lager befreiten.

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