Nachdem der Wirtschaftflügel der Union kritisiert hatte, die Deutschen würden aus Lifestyle-Gründen Teilzeit arbeiten, kritisiert Bundesinnenminister Dobrindt den Vorschlag.
Es gäbe kein Recht auf "Lifestyle-Teilzeit", heißt in einem Antrag des Wirtschaftsflügels der Union für den kommenden Parteitag im Februar. Die Parteispitze reagiert scharf und bezeichnet die Wortwahl als "verunglückt". Auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sieht "keinen Änderungsbedarf", wie er dem Sender ntv sagte.
Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) hatte einen Antrag mit dem Titel "Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit" vorgelegt. Demnach soll es den Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit nur noch geben, wenn besondere Gründe vorliegen. Besondere Gründe wären dem Antrag zufolge beispielsweise die Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen.
"Lifestyle-Teilzeit": Diese Argumente sieht der Wirtschaftsflügel
Der Vorstoß des Wirtschaftsflügel stößt allerdings weithin auf Kritik. Allen voran weißt Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) den Vorschlag zurück. "Ich sehe da keinen Änderungsbedarf", sagte Dobrindt im Interview mit dem Sender ntv. Arbeitszeit werde "sehr individuell entschieden", so der Politiker.
Er glaube nicht, dass aus dem MIT-Vorstoß ein politisches Programm werde. Stattdessen schlug er eine Flexibilisierung der Arbeitszeit vor. Auch der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU, Steffen Bilger, erklärte in Berlin: "Die Wortwahl ist wirklich verunglückt und hat auch einen falschen Eindruck erweckt." Die Überschrift und auch die Inhalte gingen am Kern der Debatte vorbei.
Bilger ist stellvertretender Vorsitzender der Antragskommission für den Parteitag der Christdemokraten, der für den 20. und 21. Februar in Stuttgart angesetzt ist. "Neben personellen Entscheidungen werden die Delegierten auch wichtige inhaltliche Weichen stellen", heißt es in der Ankündigung zum 38. Parteitag.
Am Donnerstag soll die Kommission sich mit dem Antrag tiefergehend beschäftigen. "Ich bin mir sicher, dass der Antrag so weder ein positives Votum der Antragskommission bekommen wird, noch dass es so beschlossen wird beim Bundesparteitag", sagte Bilger.
Carsten Linnemann, Generalsekretär der CDU, nannte andere Hebel: "Wir müssen darüber sprechen, wie wir die Rahmenbedingungen so verbessern, dass mehr Personen den Weg von Teilzeit in Vollzeit finden", sagte er der Rheinischen Post. Dabei gehe es um flexiblere Arbeitszeitmodelle, um mehr Netto von Brutto, niedrigere Abgaben und Steuern oder den Ausbau der Kitaplätze.
Teilzeit in Deutschland: Wie groß ist der Lifestyle-Faktor?
Derzeit arbeiten etwa 40 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland in Teilzeit. Das ergibt eine Erhebung des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB), auf die sich auch die MIT beruft.
Das Statistische Bundesamt kommt jedoch auf andere Zahlen: Für das Jahr 2024 ist man von einer Teilzeitquote von 29 Prozent ausgegangen. Die Daten des Statistischen Bundesamts sind allerdings weniger ausführlich. Beide Aufzeichnungen zeigen jedoch einen steigenden Trend.
Teilzeit ist auf dem Arbeitsmarkt immer interessanter geworden.
Aus reinen "Lifestyle"-Gründen arbeiten jedoch wenige Menschen in Teilzeit. In einer Studie des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2024 mussten 23 Prozent der Befragten den Rest der Zeit für die Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen aufwenden. Etwa zwölf Prozent der Befragten waren in Aus- und Weiterbildung und fünf Prozent gaben an, keine Vollzeitanstellung gefunden zu haben.
Wer einen Wunsch auf Teilzeit beim Arbeitgeber vorträgt, hat bisher gute Chancen, das diesem Antrag auch stattgegeben wird, wenn keine "betrieblichen Gründe" dagegensprechen. Würden die Arbeitsabläufe durch die verringerten Arbeitszeiten "wesentlich beeinträchtigt" oder "unverhältnismäßige Kosten" entstehen, entspräche dies solchen betrieblichen Gründen. So definiert es das Arbeitsministerium.
Die Regelung gilt für Arbeitnehmer, die mindestens sechs Monate in einem Betrieb mit mehr als 15 Angestellten tätig sind.
Europa: Mehr als ein Viertel der Mütter arbeitet in Teilzeit
Innerhalb der Europäischen Union herrschen große Unterschiede auf den nationalen Arbeitsmärkten. Im Vergleich mit den anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union liegt Deutschland bei den Teilzeitquoten von Frauen und Männern insgesamt auf Rang vier. Die Quoten der Frauen sind dabei mit 48,5 Prozent deutlich höher als die der Männer (12,1 Prozent). Sowohl deutsche Frauen als auch deutsche Männer liegen jeweils über dem EU-Durschnitt.
Durchschnittlich arbeiten in der EU 8,4 Prozent der Väter und 27,8 Prozent der Mütter in Teilzeit.
In den Niederlanden und in der Schweiz arbeiten besonders viele Frauen Teilzeit.
Fachleute begründen dies mit gesellschaftlich stark verankerten Rollenbildern, nach denen Frauen den Hauptteil der Kinderbetreuung und Hausarbeit übernehmen. In den jeweiligen Arbeitsmärkten ist dies akzeptiert und rechtlich abgesichert.
Ein großer Teil der weiblichen Erwerbstätigen in Deutschland arbeitet aus familiären Gründen in Teilzeit: 2024 nannten 28 Prozent die Betreuung von Kindern oder anderen Angehörigen als Grund.
In welcher Form ein Antrag zur Änderung der Teilzeit-Regelungen auf dem Parteitag im Februar diskutiert wird, ist noch offen. Am Donnerstag trifft sich die verantwortliche Kommission, um an dem Vorschlag des Wirtschaftsflügels zu arbeiten.