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Spektakuläre Funde in Deutschland: Was uns Moorleichen über die Zeit der Germanen verraten

Spektakuläre Funde in Deutschland: Was uns Moorleichen über die Zeit der Germanen erzählen
Spektakuläre Funde in Deutschland: Was uns Moorleichen über die Zeit der Germanen erzählen Copyright  Museum für Archäologie Schloss Gottorf
Copyright Museum für Archäologie Schloss Gottorf
Von Franziska Müller
Zuerst veröffentlicht am
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War es Mord, eine Bestattung, ein Unfall oder sogar ein religiöses Opfer? Etwa 60 Moorleichen erzählen in Deutschland längst vergangene Geschichten. Manche Details erstaunen und nicht immer lag die Wissenschaft ganz richtig.

Das Kind von Windeby, der Mann von Dahmendorf, der Schädel von Osterby - sie alle haben eins gemeinsam: sie sind seit rund 2.000 Jahren tot und wir wissen nur, dass es sie gibt, weil sie im Moor gestorben sind oder begraben wurden.

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Die feuchtnasse, torfhaltige Umgebung hat dazu geführt, dass diese Menschen aus der Eisenzeit teilweise mumifiziert wurden. Als sogenannte Moormumien liegen sie jetzt in Museen in Norddeutschland, Dänemark und den Niederlanden und erzählen längst vergangene Geschichten.

Mehr als 90 Prozent der Moore in Deutschland sind laut dem Bundesamt für Naturschutz entwässert, sie tragen heute gleichermaßen die Folgen des Klimawandels wie sie ihn weiter beschleunigen. Denn die trockenen Flächen geben Kohlendioxid in die Atmosphäre ab.

Die meisten Funde kommen jedoch aus früheren Zeiten, als Torf noch abgebaut wurde. Unter dieser besonderen Erde hat man in Deutschland ungefähr 60 Moorleichen gefunden. Durch das Moor sind sie gut konserviert - und hinterlassen unerzählte Geschichten.

Moorleiche gefunden: Ein Cold Case für die Wissenschaft

Es gibt viele Gründe, warum eine Leiche in einem Moor landet: Es könnte sich um den Versuch handeln, einen Mord zu verbergen, um eine Bestattung, einen Unfall, eine Strafe oder ein religiöses Opfer. Daher muss jeder einzelne Fund individuell interpretiert werden. Die Todesursache, mögliche Verletzungen und die Lage der Leiche helfen Archäologen bei der Deutung - doch die Antwort ist nicht immer eindeutig.

Im Jahr 1871 entdeckten Torfarbeiter im Heidmoor eine Leiche. Mehr als Knochen, auch Teile von Kleidung waren noch zu erkennen. Untersuchungen ergaben dann, dass es sich um einen etwa 40 bis 50 Jahre alten Mann handeln muss. Später nannten die Forscher ihn den Mann von Rendswühren, nach dem Fundort.

60 spektakuläre Funde gab es von ihnen in Deutschland: Einer von ihnen ist der Mann von Rendswühren.
60 spektakuläre Funde gab es von ihnen in Deutschland: Einer von ihnen ist der Mann von Rendswühren. Museum für Archäologie Schloss Gottorf

An seinem Fuß befand sich eine Binde aus Rindsleder. Unmittelbar nach der Bergung wurde der Tote gerichtsmedizinisch untersucht. Über dem rechten Auge ließ sich eine dreieckige Wunde im Schädel noch erkennen. Hinterkopf und Scheitelbein waren zerschmettert.

Dass der Schädel fehlte, ergab erst eine 2005 durchgeführte Computertomografie der Moorleiche. Man geht davon aus, dass er bereits bei der Erstuntersuchung von 1871 entfernt worden war. Die Kopfhaut wurde damals wohl durch andere Substanzen ausgesteift.

Der Kleidung zu Folge und nach Abschluss der Untersuchungen datierten die Wissenschaftler den Fund in das zweite oder dritte Jahrhundert nach Christus. Mehr ist über seine Herkunft nicht bekannt, auch seine Todesursache ist nicht endgültig sicher.

In anderen Fällen ergaben die Untersuchungen mehr Details - doch nicht immer ist die erste Vermutung auch das Ergebnis der Wissenschaft.

Wie das "Mädchen von Windeby" zum "Windeboy" wurde

Als Torfarbeiter am 19. Mai 1952 im Domslandmoor Torf abbauen wollten, stoßen sie auf menschliche Knochen. Sie mutmaßen, dass es sich um einen Schenkelknochen handelt und stellen ihre Arbeiten ein. Die Polizei zieht später die Archäologen von Schloss Gottorf zu Rate. Schließlich wird die Leiche als Ganges geborgen, der Fund landet im Museum.

Es handelt sich um die vermutlich berühmteste Moorleiche Deutschlands. Unter anderem, weil zunächst ihr Geschlecht falsch bestimmt worden war. Man dichtete ihr an, eine Ehebrecherin zu sein und bezeichnete die Leiche auch als den "Windeboy".

Moor konserviert den Menschen, dadurch war die tote Person gut erhalten, für Forscher ein wahnsinnig interessantes Projekt. Mehrere Untersuchungen ergaben, dass es sich um eine Person aus der Eisenzeit handeln muss, mit der Radiokarbonmethode wurde ihr Todeszeitpunkt zwischen den Jahren 41 vor und 118 nach Christus datiert.

Das Kind von Windeby wurde auch bei Torfarbeiten gefunden. Ob die Geste erst bei der Ausgrabung entstanden ist, gilt als nicht endgültig geklärt.
Das Kind von Windeby wurde auch bei Torfarbeiten gefunden. Ob die Geste erst bei der Ausgrabung entstanden ist, gilt als nicht endgültig geklärt. Museum für Archäologie Schloss Gottorf

Weil die Knochen so grazil wirken, wird sie fortan "Mädchen von Windeby" genannt. Wegen ihrer Haltung und den möglichen Gesten sowie einem Tuch über den Augen und der kahlgeschorenen linken Kopfhälfte rätseln die Wissenschaftler, ob es sich um eine verurteilte Ehebrecherin aus germanischer Zeit handeln könnte.

Eine zweite Leiche, die einige Wochen später gefunden wird, scheint die These zu stützen. Überreste eines weniger gut konservierten Mannes könnten ergeben, dass dieser erdrosselt worden ist.

Jahre später zweifelten Forscher an der Geschichte. Und fanden heraus, dass die beiden Moorleichen vermutlich gar nicht zum selben Zeitpunkt gelebt haben. Die Leiche, die später gefunden worden war, muss rund 150 bis 300 Jahre älter gewesen sein.

2006 ergeben erneute Untersuchungen außerdem, dass es sich bei dem "Mädchen von Windeby" um etwa einen 16-jährigen Jungen handeln könnte. "Ich taufe ihn Windeboy", scherzt Anthropologin und Gerichtsmedizinerin Heather Gill-Robinson nach ihrer Entdeckung. Seine Statur erlangte das Kind offenbar, weil es des Öfteren an Hunger und Mangelernährung gelitten haben soll.

Moorleichen derzeit in Dänemark

Für Modernisierungsarbeiten im Schloss Gottorf Schleswig reisten die Mumien an einen 200 Kilometer weit entfernten Ort und überschritten sogar eine Landesgrenze.

"Es handelt sich um einzigartige Schätze, und die Tatsache, dass man uns diese unersetzbaren Kostbarkeiten anvertraut, ist Ausdruck des großen Vertrauens und Wohlwollens zwischen unseren Museen und Ländern", betont Ole Nielsen, Direktor des dänischen Silkeborg Museums.

Die Ausstellung in Silkeborg umfasst seit Oktober 2025 die weltweit größte Sammlung gut erhaltener Moorleichen. Es werden auch Beispiele von Moorleichen gezeigt, die nur als Skelette vorhanden sind, weil sie in einem anderen Moortyp als den Hochmooren niedergelegt wurden, in denen sich Weichteile erhalten können.

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