Im Museum "Berlin Story Bunker" werden authentische Objekte aus Russlands Krieg gegen die Ukraine ausgestellt, darunter etliche Drohnen, Fragmente von Waffensystemen und ein zerstörtes "Sozialtaxi" in dem Helfer getötet wurden, die im Kriegsgebiet Zivilisten versorgt haben.
Zersplitterte Windschutzscheibe, ein klaffendes Loch im Dach, Einschusslöcher im Blech und ein verwüsteter Innenraum: Mitten in Berlin steht ein silbergrauer Fiat Transporter der in der Ukraine von einer Drohne angegriffen wurde.
Im Hintergrund läuft ein Video der russischen Drohne, das zeigt, wie sie das "Sozialtaxi" ins Visier nimmt – Sekunden bevor es getroffen wird. Das Video, erklärt Enno Lenze, Gründer des Berlin Story Bunker, sei dem Museum vom ukrainischen Geheimdienst übergeben worden.
In dem Wagen saßen zwei Helfer: Oleg Konekt Salnyk und Oleg Degusarov. Die beiden arbeiteten in der ukrainischen Region Cherson für eine Freiwilligeneinheit und halfen Zivilisten bei der Evakuierung. So haben sie unter anderem alte Leute zum Arzt gefahren, die "einfach nicht wegziehen wollten", so Lenze im Gespräch mit Euronews.
Getöteter Oleg: "Ich bleibe, ich helfe"
Am 2. März 2022 wurde Cherson von den Russen besetzt. Ende des Jahres, am 11. November wurde die Stadt von den ukrainischen Streitkräften befreit. Ein Teil der Region ist jedoch bis heute von Russland okkupiert.
Museumschef Lenze erklärt, dass sein Freund Oleg Konekt Salnyk die Stadt nicht verlassen wollte, obwohl er es gekonnt hätte. "Er ist auch in der besetzten Stadt geblieben, er ist danach geblieben und hat gesagt, 'das ist meine Stadt und egal wie es hier aussieht, ich bleibe, ich helfe'", so Lenze. Salnyk begründete Lenze zufolge seine Entscheidung damit, dass "wenn alle gehen, keiner mehr da ist", um den Menschen vor Ort zu helfen.
Am 12. April 2025 sind die beiden Olegs mit ihrem Transporter unterwegs nach Antoniwka bei Cherson. Vor einem Haus halten sie den Wagen an, Salnyk steigt aus. Ein Mann warnt die beiden vor einer russischen Drohne – kurz darauf schlägt sie in das Dach des Fahrzeugs ein und explodiert.
Schwer verletzt kann sich Degusarov aus dem Wagen retten und noch zu seinem Freund gelangen, der den Angriff jedoch nicht überlebt.
Heute steht das zerstörte "Sozialtaxi", mit dem die beiden Olegs im Kriegsgebiet Menschen versorgt haben, in Berlin. Lenze kannte die Helfer und ihr Projekt persönlich und war früher selbst mit dem Fahrzeug unterwegs. Mit Degusarov, der den Angriff überlebte, sei er schon zuvor zweimal vor russischen Drohnen geflohen. Damals ging alles gut – dieses Mal nicht.
"Mal schafft man es und manchmal sterben Freunde", sagt Lenze. "Genau das wollen wir hier auch zeigen", ergänzt er und erklärt, dass sie die Besucher jedoch nicht überwältigen oder ihnen "etwas aufdrücken" wollen. "Wir sagen nur: Das ist passiert. Jetzt weißt du mehr – und kannst dir überlegen, was das für dich bedeutet."
Da Lenze die beiden Olegs und das Projekt kannte und früher selber mit dem Transporter gefahren ist, war für ihn klar, dass das Objekt nach Berlin gebracht werden muss. Dort soll es die Geschichte von Oleg Konekt Salnyk und Oleg Degusarov erzählen, damit "man eben mal sieht, wie so ein Kriegsverbrechen aussieht", so Lenze.
Die International NGO Safety Organisation (INSO) hat am 24. Februar dieses Jahres eine Analyse veröffentlicht, in der es heißt, dass seit Beginn der Invasion im Februar 2022 mindestens 39.000 Zivilisten getötet worden sind, darunter Ersthelfer, humanitäre Helfer und lokale Freiwillige, die nach internationalem Recht eigentlich geschützt sind. Wie bei dem Angriff auf das Fahrzeug der beiden Olegs, setzt Russland zunehmend Drohnen ein, um humanitäre Helfer anzugreifen.
Neben dem zerstörten "Sozialtaxi" der beiden Olegs, sind in der Ukraine-Ausstellung im Berlin Story Bunker auch verschiedene Drohnen zu sehen, Fragmente russischer Raketen sowie Objekte wie ein Funkgerät des russischen Geheimdienstes FSB, in dem ein westlicher Chip verbaut ist.
Die Ausstellung beginnt mit dem 24. Februar 2022 – dem Tag der russischen Vollinvasion. Zu sehen ist ein Screenshot aus einem Video, das der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kurz nach Beginn der Angriffe in den sozialen Netzwerken veröffentlichte. Darin versichert er den Menschen in der Ukraine, dass er und andere führende Politiker in Kyjiw bleiben werden.
Das Video – und vor allem dieser Satz – wurde zu einem der prägendsten Momente der ersten Kriegstage und ging um die Welt. Unter dem Bild: Ein Kasten mit Flaschen, die für Molotov-Cocktails verwendet wurden neben einer Javelin- Startröhre.
In der Ausstellung wird der russische Angriffskrieg aus mehreren Perspektiven beleuchtet: die Ereignisse in der Ukraine ebenso wie die Reaktionen in Deutschland. Dazu gehört auch eine Tafel mit einem Zitat des ehemaligen ukrainischen Botschafters in Deutschland, Andrij Melnyk. Darin berichtet er, der damalige Finanzminister Christian Lindner habe ihm gesagt, der Ukraine blieben "nur wenige Stunden" und Kyjiw solle eine Niederlage akzeptieren.
Mit dieser Mischung aus persönlichen Geschichten und Kriegsartefakten will Lenze den Krieg für Besucher greifbarer machen.