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Russische Besatzung: Ukrainischen Müttern werden Neugeborene weggenommen

Anastasiia.
Anastasiia. Copyright Photo provided by Anastasiia.
Copyright Photo provided by Anastasiia.
Von Johanna Urbancik
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Dieser Artikel wurde im Original veröffentlicht auf Englisch

Krankenhäuser in den russisch besetzten Gebieten der Ukraine drohen damit, Müttern ihre Neugeborenen wegzunehmen, wenn keiner der beiden Elternteile die russische Staatsbürgerschaft nachweisen kann.

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Anastasiia erinnert sich, dass sie am 24. Februar 2022 um fünf Uhr morgens aufwachte und nicht wusste, wie ihr geschah. "Ich wurde aufgeweckt, weil unsere Freunde uns anriefen und sagten, dass russische Panzer von der besetzten Krim heranrollten", erinnert sie sich. Sie begriff den Ernst der Lage erst richtig, als der Kindergarten ihrer Tochter ein paar Stunden später den Eltern mitteilte, dass er nicht öffnen würde. "Normalerweise hat der Kindergarten immer geöffnet, auch in den Ferien", erzählt Anastasiia.

"Wir wussten nicht, ob Kiew besetzt war".

Anastasiia dachte, die russischen Streitkräfte würden schnell wieder umkehren. Nach ein paar Tagen wurde Cherson, wo sie lebte, von russischen Streitkräften besetzt. Anastasiia, die mit ihrem zweiten Kind schwanger war, ihr Mann und ihre kleine Tochter befanden sich nun unter russischer Besatzung.

Sie erinnert sich, dass in den ersten Wochen keine ukrainischen Hilfsgüter in die Stadt gelangen konnten. Die Lebensmittel wurden knapp und die Menschen hatten Angst zu verhungern.

Russische Soldaten vor Demonstranten in Cherson.
Russische Soldaten vor Demonstranten in Cherson.Anastasiia

"Es herrschte pures Chaos. Menschen versuchten, Supermärkte auszurauben. Niemand konnte es ihnen verdenken", erinnert sie sich. "Es war nicht sicher, das Haus zu verlassen", sagt sie und fügt hinzu, dass es allerdings genau so gefährlich war, im Haus zu bleiben. Etwa einen Monat später kamen russischen Lieferungen von der besetzten Krim und die Lage stabilisierte sich etwas.

Neben dem eingeschränkten Zugang zu Lebensmitteln im ersten Monat erinnert sich Anastasiia daran, dass ihre ukrainischen SIM-Karten nicht mehr funktionierten. Sie hatten keine Ahnung, was im Rest des Landes passierte. "Wir wussten nicht, ob Kiew besetzt war", sagt sie.

"Cherson ist ukrainisch"

Nur wenige Wochen nach der Besetzung Chersons gingen die Bewohner auf die Straße, um zu protestieren. Sie trugen ukrainische Flaggen und Schilder mit der Aufschrift "Cherson gehört zur Ukraine". Anastasiia erinnert sich mit Ehrfurcht an die Proteste.

"Wir hatten zwei Revolutionen in den letzten zwei Jahrzehnten. Wenn wir mit etwas unzufrieden sind, protestieren wir", sagt Anastasiia. Die Proteste wurden im März 2022 von russischen Soldaten gewaltsam beendet. Die Soldaten schossen, und setzten Blendgranaten und Gummigeschosse ein. Berichten zufolge wurden mehrere Menschen verletzt.

Demonstranten in Cherson.
Demonstranten in Cherson.Photo provided by Anastasiia.
In den letzten zwei Jahrzehnten hatten wir zwei Revolutionen. Wenn wir mit etwas unzufrieden sind, protestieren wir.
Anastasiia

Aus einem durchgesickerten Brief eines Whistleblowers aus dem russischen Geheimdienst FSB geht hervor, dass zur Unterdrückung der Proteste in Cherson ein "großer Terror" von den russischen Streitkräften geplant war. Dafür sollten die Bewohner "mitten in der Nacht aus ihren Häusern geholt" werden, wie die Times berichtet.

Widerstand, koste es was es wolle

Die Proteste hörten jedoch nicht auf. "Es gibt eine Bewegung namens "Yellow Ribbon", bei der Menschen kleine gelbe Bänder [oder ukrainische Flaggen] auf der Straße, an Bäumen oder Zäunen anbringen. Wenn man sie sieht, ist das ein Zeichen des Widerstands und man weiß, dass man nicht allein ist", erzählt Anastasiia. Der Gründer der Bewegung, Iwan, sagte in einem Interview mit dem Kyiv Independent, dass das Konzept der Bewegung darin bestehe, sicherzustellen, dass Widerstandsaktionen einfach, sicher und für jeden zugänglich seien. Nach Angaben des Kyiv Independent hat die Bewegung inzwischen 12 Koordinatoren in besetzten Städten.

Menschen, die bei der Teilnahme an der "Yellow Ribbon "-Bewegung von russischen Soldaten gesehen werden, müssen mit schwerwiegenden Repressalien durch die von Russland kontrollierten Behörden rechnen. Darunter fallen meist erfundene Anklagen, die zu Haftstrafen führen. Diese Unterdrückung ist Teil der umfassenderen Bemühungen Russlands, den Widerstand der ukrainischen Bevölkerung gegen die Besetzung der Ukraine zu unterdrücken.

Nach Angaben der Organisation Human Rights in Ukraine wurde der 35-jährige Mykola Onuk im vergangenen Monat zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Er wurde aufgrund von "geheimen und höchstwahrscheinlich erfundenen Anklagen, die einige Monate nach seiner Verhaftung erhoben wurden" verurteilt. Berichten zufolge wurde er wegen pro-ukrainischer Graffitis im Zusammenhang mit der friedlichen Widerstandsbewegung 'Yellow Ribbon' veurteilt.

Endlich Informationen

Ein paar Wochen später wurden den Einwohnern von Cherson russische SIM-Karten angeboten, die viele aus Verzweiflung annahmen. Anastasiia und ihr Mann konnten sich endlich darüber informieren, was im Land geschehen war. So erfuhren sie etwa von der Bestzung und vo, Fall der Küstenstadt Mariupol.

Luftschutzkeller in Anastasiias Entbindungsklinik.
Luftschutzkeller in Anastasiias Entbindungsklinik.Anastasiia

Anastasiia bringt ihr zweites Kind zur Welt

Am 9. März 2022 bombardierten die russischen Streitkräfte ein Krankenhaus, das als Kinderkrankenhaus und Entbindungsstation in Mariupol diente. Mindestens vier Menschen wurden getötet, 16 wurden verletzt und der Angriff führte zu mindestens einer Totgeburt. Anastasiia, die zu der Zeit, als Cherson unter russischer Besatzung lebte, schwanger war, sollte bald entbinden. Als sie die Fotos sah und las, was in Mariupol geschah, war sie entsetzt.

"Ich hatte große Angst. Es war gefährlich, das Haus in der Nacht zu verlassen, also beschlossen mein Arzt und ich, einen Kaiserschnitt vorzunehmen, anstatt auf die Wehen zu warten", erinnert sie sich. "Es war absolut schrecklich. Ich hatte das Gefühl, nicht nur mein eigenes Leben zu riskieren, sondern auch das Leben meines Babys", sagt Anastasiia.

Ich hatte das Gefühl, nicht nur mein eigenes Leben zu riskieren, sondern auch das Leben meines Babys.
Anastasiia

Glücklicherweise verlief die Geburt ihres zweiten Kindes gut und Anastasiia und ihr Sohn waren gesund. Da die russischen Streitkräfte das Regionalbüro des Staatlichen Migrationsdienstes der Ukraine niederbrannten, konnte sie allerdings keine Papiere für ihren neugeborenen Sohn beantragen.

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Anastasiia und ihr Mann nach der Geburt ihres Sohnes.
Anastasiia und ihr Mann nach der Geburt ihres Sohnes.Anastasiia

Kein russischer Pass: Dein Kind kann Dir weggenommen werden

In den besetzten Gebieten Luhansk und Donezk muss man einen russischen Pass haben, um den Besitz von Eigentum nachzuweisen und Zugang zu Gesundheitsversorgung und Rentenleistungen zu erhalten. Wird der erzwungene neue Pass nicht bis zum 1. Juli 2023 angenommen, wie es ein neues russisches Gesetz für die besetzten Gebiete vorschreibt, kann dies zu einer Inhaftierung als "ausländischer Staatsbürger" führen. Dadurch kann der Verlust des Sorgerechts, eine Gefängnisstrafe oder Schlimmeres drohen.

Das Institute for the Study of War (ISW) berichtete, dass im russisch besetzten Luhansk Krankenhäuser damit drohen, Müttern ihre Neugeborenen wegzunehmen, wenn keiner der beiden Elternteile die russische Staatsbürgerschaft nachweisen kann, so Artem Lysohor von der regionalen Militärverwaltung Luhansk.

Seit dem 6. Mai 2024 ist der Nachweis der russischen Staatsbürgerschaft erforderlich, damit Eltern mit ihren Neugeborenen entlassen werden können. Nach Angaben des ISW verstößt diese Maßnahme gegen die Völkermordkonvention, die Maßnahmen zur Verhinderung von Geburten innerhalb einer Gruppe verbietet.

"Ich hatte jeden Tag Angst"

Anastasiia erinnert sich, dass sie während der Besatzungszeit in Cherson jeden Tag Angst hatte. Ihr Leben und das ihres Mannes und ihrer zwei Kinder war unsicher und sie waren in Gefahr. Selbst etwas Normales, wie das verschicken einer SMS, wurde zu etwas, das das eigene Leben gefährden konnte. "Handys wurden regelmäßig von den Besatzern kontrolliert. Sie überprüften Nachrichten, welche Telegram-Kanäle man abonniert hatte und sogar Fotos", fügt Anastasiia hinzu. "Wir mussten alles löschen. Alles, was pro-ukrainisch war, war gefährlich. Wenn sie etwas fanden, das einen mit den ukrainischen Streitkräften in Verbindung brachte, wurde man in ein Filtrationslager gebracht."

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Alles, was pro-ukrainisch war, war gefährlich.
Anastasiia

Ukrainern, die unter russischer Besatzung leben, drohen nun bis zu 20 Jahre Gefängnis, wenn sie sich pro-ukrainisch äußern. Außerdem gab es Berichte über Hausdurchsuchungen und die Entführung von Kindern und Erwachsenen, die in nach Russland deportiert wurden.

In einer Rede auf der diesjährigen Konferenz des Medienforums in Lwiw sagte die Friedensnobelpreisträgerin und Menschenrechtsanwältin Oleksandra Matviichuk: "Die Besatzung verringert nicht das menschliche Leid, sie macht es nur unsichtbar."

"Kultur kann ein Werkzeug des Widerstands sein"

"Ich glaube, sie wollten Cherson als 'Modell' benutzen", meint Anastasiia. Im Vergleich zum besetzten Donezk, dem besetzten Luhansk und der besetzten Krim habe es in der Stadt keine aktiven Kämpfe und keinen Beschuss gegeben als sie da war, erinnert sie sich.

Es wurde dokumentiert, dass die Russen Museen wie das Museum für zeitgenössische Kunst in Cherson plünderten und ukrainische Bücher zerstörten. Künstler wie Viacheslav Mashnytskyi verschwanden während der Besetzung von Cherson. Bislang gibt es keine Informationen über seinen Verbleib oder sein Schicksal.

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"Kultur kann ein Werkzeug des Widerstands sein, ein Träger von Erinnerung und Selbstbestimmung, Freiheit und unabhängigem Denken. Sie kann aber auch ein Werkzeug der Expansion, der Verdrängung einer anderen Kultur, ein Werkzeug der Macht sein. Deshalb werden in den besetzten Gebieten die Kulturschaffenden zu vorrangigen Zielen für die russischen Soldaten", sagt die Kuratorin Natalia Matsenko.

Kultur kann ein Werkzeug des Widerstands sein, ein Träger von Erinnerung und Selbstbestimmung, von Freiheit und unabhängigem Denken.
Natalia Matsenko

"Die Besatzer versuchen oft, Menschen aus dem kreativen Bereich auf ihre Seite zu ziehen und sie zur Zusammenarbeit zu zwingen. Und wenn sie sich weigern, töten sie sie oder sperren sie ein und berauben sie auf irgendeine Weise ihrer Stimme. Das ist keine neue Tradition: Zu Sowjetzeiten, insbesondere unter Stalin, wurden gerade Kulturschaffende, die mit den Behörden nicht einverstanden waren, als größte Bedrohung für die Stabilität des Regimes vernichtet. Tausende von Schriftstellern, Künstlern, Theaterschaffenden und Musikern wurden erschossen, inhaftiert oder mussten ins Exil flüchten", fügt sie hinzu.

Natalia Matsenko.
Natalia Matsenko.Daniel Sadrowski

Der Ausschuss für Kultur der Parlamentarischen Versammlung des Europarats (PACE) hat kürzlich festgestellt, dass die Auslöschung der ukrainischen kulturellen Identität von Russland als Waffe in seinem Krieg gegen die Ukraine eingesetzt wird. Dieser Akt wird als Teil einer völkermörderischen Politik betrachtet, die auf die Auslöschung der ukrainischen Nation abzielt.

In Cherson bleiben oder fliehen?

Unter diesen Bedingungen und in ständiger Angst um ihr Leben und das ihrer Familie fasste Anastasiia einen schwierigen Entschluss: Sie will Cherson verlassen. "Ich hatte ein zweijähriges Kleinkind und ein Neugeborenes, ich wollte nicht, dass sie unter russischer Besatzung aufwachsen", sagt sie.

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Es gibt humanitäre Korridore, die es den Ukrainern ermöglichen sollten, von Russland besetzte Gebiete oder Städte zu verlassen, doch diese sind nicht sicher. "Diese Korridore werden häufig bombardiert oder Soldaten schießen einfach auf die Menschen, die aus den besetzen Gebieten flüchten wollen", sagt Anastasiia.

Für Ukrainer, die versuchen, in Freiheit zu gelangen, gibt es keine Garantie für Sicherheit und Überleben. Doch die Verzweiflung vieler Menschen ist so gross, dass sie trotzdem versuchen, die besetzten Gebiete zu verlassen, wie etwa eine 98-jährige Frau, die fast 10 Kilometer zu Fuß gelaufen ist, um ukrainisch kontrolliertes Gebiet zu erreichen.

Anastasiia war sich dieses Risikos bewusst und beschloss dennoch, die Reise ihrer Familie zu organisieren, um der Besetzung im Sommer 2022 zu entkommen. Ihr Mann war anfangs aufgrund des hohen Risikos unsicher. Er hatte Angst, dass sie auf dem Weg von russischen Soldaten erschossen werden würden.

Schließlich beschlossen sie, ihre Heimat zu verlassen und begaben sich auf eine gefährliche Reise, bei der sie rund 40 russische Kontrollpunkte passieren mussten. Als sie endlich den letzten Kontrollpunkt erreichten, und sich schon fast in Sicherheit wähnten, sahen sie, dass eine lange Schlange von Hunderten Autos sie von ihrem Ziel trennte.

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Russische Militärfahrzeuge in Cherson.
Russische Militärfahrzeuge in Cherson.Anastasiia

"Wir haben zwei kleine Kinder, bitte lasst uns gehen"

"Am letzten Kontrollpunkt warteten fast 700 Autos darauf, in die Ukraine gelassen zu werden. Pro Tag wurden etwa 100 Autos durchgelassen. Wir waren Nummer 690", erinnert sich Anastasiia.

In ihrer Verzweiflung fragte sie einen Soldaten, ob sie nicht irgendwie eine anderen Checkpoint öffnen könnten, da sie ein Kleinkind und ein Neugeborenes bei sich hatten. "Ich habe sie angefleht: Wir haben zwei kleine Kinder, bitte lasst uns gehen." Anastasiia hatte Glück und es wurde eine zweite Spur für Menschen mit Kindern unter einem Jahr geöffnet. Sie mussten am Ende nur einen Tag warten, bis sie endlich den letzten Kontrollpunkt erreichten.

Ich habe sie angefleht: Wir haben zwei kleine Kinder, bitte lasst uns gehen.
Anastasiia

Am letzten Checkpoint wurde ihr Auto kontrolliert. "Sie brachten unsere Telefone, Laptops und alle anderen elektronischen Geräte zu einem anderen Soldaten, der sie durchsuchte", erinnert sie sich. "Andere Soldaten kontrollierten alles in unserem Auto, jeden einzelnen Schuh". Sie müssen warten, erdrückt von der Angst, zurückgeschickt oder gar getötet zu werden. Als sie endlich passieren durften, fühlte Anastasiia eine riesen Last von ihr abfiel.

Teile der Region Cherson werden befreit

Am 23. September 2022 initiierte Russland "Referenden" zur Annexion von vier besetzten Regionen der Ukraine. Ukrainische Beamte berichteten, dass die Menschen während der viertägigen Abstimmung daran gehindert wurden, einige besetzte Gebiete zu verlassen, dass bewaffnete Gruppen in Häuser eindrangen und dass Angestellten mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes gedroht wurde, falls sie nicht an der Abstimmung teilnehmen.

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Weniger als einen Monat später, am 11. November 2022, wurde Cherson von den ukrainischen Streitkräften befreit. Teile der Region Cherson, insbesondere das Gebiet am linken Ufer des Dnjepr, befinden sich allerdings noch immer unter russischer Kontrolle.

Russisches Militärfahrzeug in Cherson.
Russisches Militärfahrzeug in Cherson.Anatasiia

"Der russische Terror setzt auf Unberechenbarkeit"

Anastasiia und ihre Familie zogen schließlich nach Kiew. Dort konnte Anastasiia endlich die Papiere für ihren Sohn beantragen, das Ganze dauerte etwa einen Monat. Sie musste mit Scans und anderen Dokumenten beweisen, dass sie seine Mutter ist. Sie lebt nicht mehr unter russischer Besatzung, doch die Angst ist immer noch da.

"Ich habe jeden Tag Angst. Der russische Terror beruht auf Unberechenbarkeit und ich weiß, dass meine Chancen, getötet zu werden, viel geringer sind als bei einem Autounfall. Aber ich habe das Gefühl, dass ich meine Sicherheit in einem Auto beeinflussen kann, indem ich vorsichtig bin. Die Quelle der Gefahr bleibt jedoch unberechenbar und beängstigend", sagt Anastasiia.

Der Umzug nach Kiew war nicht die einzige Veränderung in ihrem Leben. Russisch ist ihre Muttersprache, aber seit dem russischen Angriffskrieg will sie sie nicht mehr sprechen. "Seit dem Einmarsch habe ich mich über die ukrainische Geschichte informiert und darüber, wie die ukrainische Identität und Kultur im Laufe der Jahrhunderte von den Russen unterdrückt wurde. Ich spreche jetzt Ukrainisch, die Muttersprache meiner Kinder ist Ukrainisch. Ich habe das Gefühl, dass ich endlich meine ukrainische Identität zurückgewonnen habe", sagt Anastasiia.

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Einfrieren des Krieges

Seit dem Beginn der russischen Invasion gibt es immer wieder Forderungen nach Verhandlungen und Beschwichtigungen gegenüber dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Im März "riet" Papst Franziskus der Ukraine, den Mut zu haben, die "weiße Flagge" zu hissen und mit Russland über ein Ende des Krieges zu verhandeln.

Für die Ukrainer bedeutet das "Einfrieren des Krieges" ein Leben unter Besatzung. Unter russischer Besatzung zu leben bedeutet, in ständiger Angst zu leben, Gewaltandrohungen ausgesetzt zu sein und große Entbehrungen zu ertragen, wie die erschütternden Berichte über Vergewaltigungen und andere Kriegsverbrechen zeigen.

Anastasiia versteht die Forderungen nach einem Einfrieren des Krieges nicht. "Ein Einfrieren des Krieges in den besetzten Gebieten würde zu einem Massenexodus derjenigen führen, die es sich leisten können, zu gehen. Nur die Alten, die Kranken und diejenigen, die nicht über die Mittel für einen Neuanfang verfügen, würden bleiben und eventuell russische Pässe annehmen. Der beunruhigendste Aspekt ist, dass die Russen die Schulen übernehmen und russische Lehrbücher einführen, wodurch die Geschichte für die Kinder neu geschrieben wird", erklärt Anastasiia.

Ein Einfrieren des Krieges in den besetzten Gebieten würde zu einem Massenexodus derjenigen führen, die es sich leisten können, die Gebiete zu verlassen.
Anastasiia

Am 8. Mai 2024 unterzeichnete der russische Präsident Wladimir Putin ein Dekret zur Festlegung der staatlichen Politik im Bereich der historischen Bildung, das die Verbreitung zuverlässiger historischer Kenntnisse und die Förderung des Patriotismus in den Vordergrund stellt.

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Die Politik zielt darauf ab, ausländischen Versuchen, die russische Geschichte zu verfälschen, entgegenzuwirken, und umfasst Maßnahmen wie die Aktualisierung von Bildungsprogrammen, die Erstellung einheitlicher Geschichtslehrbücher und die Förderung des historischen und kulturellen Erbes. Das Dekret sieht auch die Entwicklung digitaler Plattformen für Bildungsmaterialien, die Unterstützung nichtstaatlicher historischer Museen und die Regulierung der Medien vor, um "Geschichtsfälschungen zu verhindern".

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