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Litauen-Brigade: Führt Russland einen hybriden Krieg gegen die Bundeswehr?

Deutsche Soldaten am 29. Mai 2024 bei der litauisch-deutschen internationalen Militärübung "Grand Quadriga 2024"
Deutsche Soldaten am 29. Mai 2024 bei der litauisch-deutschen internationalen Militärübung "Grand Quadriga 2024" Copyright  Mindaugas Kulbis/AP
Copyright Mindaugas Kulbis/AP
Von Franziska Müller & Johanna Urbancik
Zuerst veröffentlicht am
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Die Litauen-Brigade wird nicht beschossen, es rollen keine gegnerischen Panzer, attackiert wird sie doch: hybrid. Soldaten erhalten mysteriöse Anrufe und ins benachbarten Estland dringen "grüne Männchen" aus Russland ein. Der hybride Krieg ist im vollem Gange – was können Bundeswehr und NATO tun?

Vermehrt dringen mutmaßlich russische Kräfte immer wieder in Gebiete der EU und NATO ein: zu Fuß, mit Kampfjets, Drohnen oder Ballons – und zunehmend auch im digitalen Raum.

Moderne Kriegsführung beginnt demnach längst nicht mehr mit Panzern und Raketen, sondern mit hybrider, psychologischer Kriegsführung, so hat es Joshua Krebs als Soldat in Litauen erlebt, wie er es in seinem Buch Inside Bundeswehr beschreibt: "So kommt es vor, dass ein Kamerad zu Hause anruft, eine halbe Stunde telefoniert und danach von einer unbekannten Nummer angerufen wird. Er geht ran – und hört sein eigenes Gespräch von davor noch einmal, aufgezeichnet und abgespielt".

Krebs beschreibt diese Form der Überwachung in seinem Buch als "unheimlich".

Die europäische Streitkräfte, wie auch die Bundeswehr, erleben auch in ihren Heimatländern hybride Attacken. Drohnenüberflüge über Militärstützpunkten in Deutschland spähen kritische Abwehrsysteme, darunter auch das Luftverteidigungssystem Arrow 3, aus, oder Übungen der deutschen Panzerbrigade 45 in Litauen.

Soldaten 12. Mechanisierten Infanteriebrigade der Bundeswehr vor einem Leopard-Panzer am Bahnhof Sestokai Litauen, 24. Februar 2017
Soldaten 12. Mechanisierten Infanteriebrigade der Bundeswehr vor einem Leopard-Panzer am Bahnhof Sestokai Litauen, 24. Februar 2017 Mindaugas Kulbis/AP

Vergangenes Jahr wurde ein "russisches Spionageflugzeug im angrenzenden belarussischen Luftraum" während der Bundeswehrübung "Iron Wolf" in Litauen geortet. Generalinspekeur Carsten Breuer nannte den Vorfall einen "Beleg für die reale Bedrohung für Litauen".

Dass hybride Kriegsführung gerade für Litauen ein Thema ist, bestätigt auch Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) Ende Januar, als sein litauischer Amtskollege Robertas Kaunas in Berlin war. In Litauen und im gesamten Baltikum ist die hybride Bedrohung durch Russland stärker spürbar als in anderen Teilen Europas, etwa durch provokative Luftraumverletzungen, so Pistorius.

Boris Pistorius bei einer Pressekonferenz mit seinem litauischen Amtskollegen Robertas Kaunas, 26.01.2026
Boris Pistorius bei einer Pressekonferenz mit seinem litauischen Amtskollegen Robertas Kaunas, 26.01.2026 Franziska Müller / Euronews

Luftraumverletzungen: Provokation oder Versehen?

Pistorius bezieht sich auf die zwei russischen Kampfjets, die im Oktober 2025 in den litauischen Luftraum eingredrungen sind. Nach Angaben der litauischen Streitkräfte hielten sie sich dort rund 18 Sekunden auf, bevor sie in Begleitung von NATO-Jets den Luftraum wieder verließen. Mutmaßlich sollen die Maschinen aus der russischen Exklave Kaliningrad gekommen sein, die direkt an Litauen angrenzt.

Wegen der Nähe zu Russland auf beiden Seiten gilt der Luftraum über dem Baltikum als besonders sensibel und wird deshalb dauerhaft von NATO-Partnern gesichert.

Aktuell übernehmen unter anderem Deutschland, Spanien und Großbritannien die Luftraumüberwachung. Estland, Lettland und Litauen verfügen selber über keine eigenen Kampfflugzeuge.

Auch Deutschland ist dabei eng eingebunden. "Deutschland unterstützt die Sicherung des litauischen Luftraums unter anderem mit einem mobilen Luftwaffengefechtsstand zur Luftraumkontrolle von Januar bis März dieses Jahres", erklärte Pistorius im Januar.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nannte dem Vorfall eine weitere Provokation Russlands.

"Grüne Männchen" im Baltikum schüren Angst

Konsequenzen gab es nach dem Vorfall nicht, da bei hybrider Kriegsführung nicht klar geregelt ist, wann ein Angriff beginnt, wann reagiert werden darf und vor allem, wie.

Grund dafür ist vor allem der Mangel an Beweisen, die Auswirkungen und der eigentliche Täter. Denn, nicht immer ist es so klar wie das Eindringen russischer Kampfjets in fremden Luftraum, ein großer Teil hybrider Kriegsführung ist nicht auf einen Akteur direkt zurückzuführen.

Das Ziel ist dennoch immer dasselbe: Provokation und das Schüren von Angst. Die Reaktion darauf ist meist dieselbe: Besorgnis und die Forderung, damit aufzuhören.

Das estnische Außenministerium teilte einen Videoclip, das russische Grenzsoldaten auf NATO-Gebiet zeigt.
Das estnische Außenministerium teilte einen Videoclip, das russische Grenzsoldaten auf NATO-Gebiet zeigt. Estnisches Außenministerium, Screenshot

Als im Dezember vergangenen Jahres russische Grenzschutzsoldaten in Estland unerlaubt NATO-Boden betreten haben, reagierte Talin diplomatisch, forderte lediglich eine Erklärung von Russland und rief ein Treffen von Grenzvertretern Russlands und Estlands ein.

Das war jedoch kein Einzelfall: Bereits wenige Monate zuvor war nahe der estnischen Grenze eine Gruppe bewaffneter Männer in Militärkleidung – allerdings ohne Abzeichen – gesichtet worden. Vorfälle dieser Art wecken Erinnerungen an die sogenannten "grünen Männchen", die 2014 auf der ukrainischen Halbinsel Krim erschienen. Wenig später hat Moskau die Krim annektiert. Bis heute ist sie von Russland besetzt.

In Estland sind die unbekannten Soldaten nicht weiter eingedrungen. Experten schätzten den Vorfall vom Oktober demnach als psychologischen Schachzug ein und halten dies für keine echte militärische Bedrohung.

Vielmehr würde Russland seine Präsenz verstärken und durch diese Art der Demonstration daran erinnern.

Wann beginnt ein Angriff – und wann darf reagiert werden?

Grundsätzlich gilt im Völkerrecht das Gewaltverbot nach Artikel 2 Absatz 4 der UN-Charta. Dieses verbietet Staaten die Androhung oder Anwendung militärischer Gewalt gegen andere Staaten. Klassische militärische Angriffe sind davon demnach klar erfasst.

Hybride Angriffe gelten jedoch oft nicht automatisch als "bewaffneter Angriff", der ein Recht auf Selbstverteidigung nach Artikel 51 UN-Charta auslösen würde. Vielmehr können je nach Fall unterschiedliche Rechtsbereiche zum Tragen kommen.

Im Völkergewohnheitsrecht ist deswegen ein Verbot der Einmischung in innere Angelegenheiten festgelegt.

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