Zwischen 500.000 und 1,3 Millionen Menschen haben Russland 2022 wegen der Mobilisierung für die Armee verlassen. Viele sind inzwischen zurückgekehrt, doch seit Ende 2025 steigt das Interesse an der Auswanderung erneut. Jetzt scheitern russische Staatsbürger an den Behörden.
Wer in Russland einen Reisepass beantragen will, muss sich auf lange Wartezeiten einstellen. Das Interesse an Auswanderung ist sprunghaft gestiegen, doch für Russen ist es praktisch unmöglich, beim Innenministerium einen Termin zur Beantragung und Abholung von Reisepässen zu vereinbaren.
Darüber berichten sowohl die Medien als auch russische Staatsbürger in sozialen Netzwerken - das Phänomen wird zudem durch die Analyse der Publikation "Verstka" auf dem Portal "Gosusluzhby" bestätigt.
Als ein Journalist in Moskau einen biometrischen Reisepass beantragte, wurde ihm keine einzige "freie" oder "mäßig ausgelastete" Zweigstelle des Innenministeriums angeboten. Jede der über hundert Stellen wurde als "stark ausgelastet" aufgeführt, auf dem Bildschirm erschien eine Warnung über die Schwierigkeit, einen Termin zu vereinbaren.
Diese Situation kommt so nicht nur in Moskau vor. Auch in St. Petersburg, Jekaterinburg, Kasan und Krasnodar war die Lage ähnlich. In Nowosibirsk kam auf sechs überfüllte Ämter ein Amt mit "durchschnittlicher" Auslastung, in Samara waren es zwei.
Unterdessen schrieb eine Threads-Nutzerin, dass sie und ihr Mann seit Dezember vergangenen Jahres keine Dokumente mehr in Moskau beantragen konnten. Eine Einwohnerin in St. Petersburg berichtete, dass ihr Reisepass aufgrund der Warteschlangen nicht fertiggestellt werden konnte. Ekaterina aus Jekaterinburg sah sich in einer ähnlichen Situation: Sie sagte, sie habe ihren Reisepass seit dem 4. März "wegen der riesigen Warteschlangen" nicht abholen können.
Was kommt nach den Internetstörungen?
Die Schwierigkeiten bei der Bearbeitung von Ausreisedokumenten fallen mit dem steigenden Interesse der russischen Bevölkerung an Auswanderung und Umzug zusammen. Die entsprechende Statistik der Google-Trend-Anfragen wurde auch vom Onlinemedium "Verstka" festgestellt.
Das Medium untersuchte die Dynamik der Suchanfragen zum Thema "Russland verlassen" und stellte fest, dass das Thema im Februar dieses Jahres 2,5 Mal häufiger gesucht wurde als im Februar 2025. Im März stiegen die Zahlen der Suchanfragen weiter an.
Der Trend verstärkt sich vor dem Hintergrund einer sich verschlechternden Wirtschaftslage, der Internetbeschränkungen in den Regionen und in Moskau, der Rekrutierung von Studierenden für die Zusammenarbeit mit dem Verteidigungsministerium und der hartnäckigen Gerüchte über eine mögliche neue Mobilisierungswelle. Viele befürchten, dass sie zur Schließung der Grenzen für die von der Armee eingezogenen Personen führen könnte.
Wie eine Analyse der sozialen Netzwerke zeigt, stellen viele Nutzer einen Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen her und halten die Internetbeschränkungen für einen Vorboten neuer unpopulärer Maßnahmen des Kremls.
Offiziell weisen die Behörden diese Befürchtungen zurück und behaupten, dass es bei den Streitkräften keinen Personalmangel gibt. Gleichzeitig wurde der Präsidialerlass vom 21. September 2022 "Über die Ankündigung der Teilmobilisierung in der Russischen Föderation" bis heute nicht aufgehoben und ist weiterhin rechtsgültig.
"Alle sind müde, nicht nur von der Blockade"
Wie eine kürzlich durchgeführte Umfrage unter den Lesern vom Nachrichtenkanal Meduza über die Auswirkungen der Internetsperren auf das Privatleben zeigte, gaben mehrere Befragte in dieser kleinen Stichprobe an, das Land verlassen zu wollen.
Darunter waren auch Frauen, die nicht der Wehrpflicht unterliegen. Die Befragten sprachen von "Müdigkeit nicht nur wegen der Blockaden", "einem Leben in ständiger Wachsamkeit" und vom Risiko, aufgrund der Einschränkungen ihren Arbeitsplatz zu verlieren, und "einem Rückfall in die 2010er Jahre, wo es keine Kommunikation gibt".
In den sozialen Netzwerken werden zum gleichen Thema viele Vergleiche zwischen der aktuellen Lage in Russland und Nordkorea und China gezogen. Umso mehr, als der Pressesprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, die russischen Staatsbürger aufforderte, sich auf längere Stromausfälle vorzubereiten. Der Kreml begründete dies mit den Sicherheitsinteressen der Bürger, da die Ukraine "immer raffiniertere Methoden für Angriffe" anwende, so eine Meldung des Senders RBC.
Das Land für eine lange Zeit oder für immer zu verlassen - und das wird sowohl von Nutzern sozialer Medien als auch von Meinungsforschern der putinkritischer Medien anerkannt - ist eine komplexe und anspruchsvolle Maßnahme, die Vorbereitung erfordert.
Es ist kein Zufall, dass viele derjenigen, die aufgrund der Mobilisierung für das Militär das Land verlassen hatten, schon früher zurückgekehrt sind. Die Behörden sprechen von "fast der Hälfte der Rückkehrer" bis zum Winter 2025, während Experten des Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und öffentliche Verwaltung von etwa 10 Prozent ausgehen.
Als Gründe nannten die Rückkehrer unter anderem in Russland zurückgelassene Verwandte, die fehlende Möglichkeit, an einem neuen Ort einen Arbeitsplatz zu finden, finanzielle Verpflichtungen sowie Probleme bei der Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung im Ausland.
Russische Staatsbürger, die einen Reisepass besitzen, können für einen begrenzten Zeitraum ohne Visum in etwa hundert Länder ausreisen - darunter die GUS-Staaten sowie Thailand, die Türkei, Montenegro und Vietnam. Diese Möglichkeit ist jedoch nicht für jeden geeignet. Laut VTsIOM-Daten für den Herbst 2022 besaßen 29 % der Russen einen Reisepass. Im vergangenen Sommer ermittelte der Dienst "Kupibilet", dass 47 % der Bürger kein Ausreisedokument besitzen, 29 % hatten noch nie eines, und 22 % besitzen abgelaufene Dokumente.
Wird es heute möglich sein, ihn zu verlängern oder neu ausstellen zu lassen? Die Frage bleibt offen.