"Es ist ein Inferno": UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese erhebt schwere Vorwürfe gegen Israel und den Westen. Sie spricht von Entmenschlichung, mutmaßlicher „ethnischer Säuberung“ – und fordert ein Ende deutscher Waffenlieferungen. Auch den Krieg gegen Iran nennt sie völkerrechtswidrig.
Sie ist eine der umstrittensten Repräsentantinnen der Vereinten Nationen und eine Ikone der propalästinensischen Szene: Francesca Albanese, UN-Sonderberichterstatterin für die Palästinensergebiete.
Erst kürzlich wies sie Rücktrittsforderungen aus Deutschland und Frankreich zurück. Im Gespräch mit dem italienischen Sender La7 sprach sie von einem "beispiellosen Angriff gegen eine Expertin der Vereinten Nationen", wie die Zeit zitiert. Außenminister Johann Wadephul (CDU) schrieb im Vorfeld auf der Social-Media-Plattform X, Albanese sei "in ihrer Position unhaltbar" und habe sich "bereits in der Vergangenheit vielfach Ausfälle geleistet".
Wegen ihrer Haltung zum Krieg zwischen Israel und der Terrororganisation Hamas im Gazastreifen, als Folge des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023 an israelischen Bürgern mit 1200 Toten, verhängten die USA im Juli 2025 Sanktionen gegen Albanese.
In Berlin stellte Albanese in den vergangenen Tagen den Dokumentarfilm "Disunited Nations" über die Lage im Nahen Osten und die Vereinten Nationen vor. Es ist ein kritischer Abriss über eine Institution, die sich 80 Jahre nach ihrer Gründung mit schwerwiegenden Brüchen des Völkerrechts durch ihre Mitglieder konfrontiert sieht.
Vor der Filmvorführung forderte die Deutsch-Israelische Gesellschaft, die Veranstaltung abzusagen. Sie sei "keine menschenrechtliche Heroine, als die sie sich zu inszenieren versucht. Sie verbreitet antisemitische Stereotype und verharmlost antisemitischen Terror".
Im Euronews-Interview kritisiert Albanese scharf eine aus ihrer Sicht zunehmende Entmenschlichung der Palästinenser, etwa durch politische Rhetorik und Gesetzesvorhaben wie die diskutierte Todesstrafe, die ihrer Ansicht nach faktisch gegen Palästinenser gerichtet ist.
Auch den regionalen Konflikt, insbesondere den Krieg im Iran, bewertet sie als eine Folge politischer Fehlentscheidungen mit gravierenden Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung und die Stabilität der gesamten Region. Sie kritisiert die Rolle Israels und der USA, aber auch die deutschen Waffenlieferungen an Israel.
Euronews: Frau Albanese, Sie sind heute hier, um einen Film vorzustellen. Worum geht es?
Albanese: "Disunited Nations" ist ein Dokumentarfilm, an dem ich beteiligt war, ohne wirklich zu verstehen, woran ich da eigentlich mitwirken würde. In gewisser Weise ist daraus eine Auseinandersetzung mit dem internationalen multilateralen System entstanden, von dem ich selbst auch ein Teil bin. Das kam überraschend. Gleichzeitig ist es auch ein Dokumentarfilm, den ich sehr schätze, weil er den kritischen Punkt zeigt, an dem wir uns befinden, sowie die zentrale Bedeutung Palästinas und insbesondere des Gazastreifens – trotz des Zustands der Verleugnung, den ein Teil unserer Welt gegenüber Palästina zu haben scheint.
Euronews: Die Knesset, das israelische Parlament, hat beschlossen, die Todesstrafe in Israel aber auch im Westjordanland einzuführen. Was halten Sie davon?
Albanese: Stellen Sie sich vor, die Palästinenser würden die Todesstrafe für Israelis einführen. Das wäre ein Schock, ein enormer Schock. Aber heute schockiert nichts mehr, weil die Palästinenser in diesem Teil der Welt, und nicht nur in Israel, so stark entmenschlicht worden sind, dass alles, was ihnen widerfährt, fast als gerechtfertigt erscheint.
Ich habe in deutschen Medien gelesen, dass dort von einer Todesstrafe für "Terroristen" die Rede ist. Wie kann es sein, dass eine gesamte Bevölkerung als Terroristen bezeichnet wird?
Das ist der Punkt, an dem wir stehen. Es ist wirklich unfassbar zu erkennen, dass wir im Jahr 2026 mit all diesem Wissen und einem bestehenden Menschenrechtssystem ein solches Ausmaß an internationalisierter Entmenschlichung eines ganzen Volkes erleben. Es ist wirklich zutiefst brutal.
Euronews: Es gibt viel Kritik an dem Gesetz, das gerade in der Knesset verabschiedet wurde. Stimmen Sie den Kritikern zu, die sagen, dass sich das Gesetz im Grunde gegen Palästinenser richtet? Oder den Stimmen, die sagen, dass darin nicht ausdrücklich von Palästinensern die Rede ist. Wie sehen Sie das?
Albanese: Sehen Sie, ich werde das Gesetz nicht detailliert analysieren. Aber Israel hat die Palästinenser, insbesondere die aus dem Gazastreifen, als "unlawful combatants" bezeichnet, also als unrechtmäßige Kombattanten.
Israel hat die Palästinenser, vor allem jene aus Gaza, als "Amalek" (Anm. der Redaktion: Amalek ist ein Volk, das in der Hebräischen Bibel als Feind der Israeliten beschrieben wird), als unrechtmäßige Kombattanten, als Terroristen bezeichnet. All diese Begriffe haben dazu beigetragen, sie zu entmenschlichen.
Und diese Gesetze werden ganz offensichtlich auf niemand anderen angewendet werden als auf die Palästinenser. Während Israel seine Besatzung, die völkerrechtswidrig ist, im Westjordanland, im Gazastreifen und in Ostjerusalem beenden und sich zurückziehen sollte, wird Israel de facto weiterhin die Möglichkeit gegeben, die Palästinenser zu besetzen, zu misshandeln und Verbrechen gegen sie zu begehen, einschließlich Folter und Hinrichtungen.
Das ist die Welt, in der wir leben.
Euronews: Wie würden Sie die aktuelle Situation für Palästinenser im Gazastreifen und im Westjordanland beschreiben?
Albanese: Es ist ein Inferno. Die Palästinenser leben in einer Hölle auf Erden. Und besonders im Gazastreifen ist es unfassbar, was geschieht. [...] Alles, was in Gaza existierte, wurde dem Erdboden gleichgemacht. Die Menschen sind zu Obdachlosen geworden, die nur noch in Zelten leben – mit nichts als Elend und Krankheiten. Es ist wirklich unfassbar, dass wir zulassen, dass ihnen das angetan wird.
Euronews: Tut die israelische Regierung genug, um die Gewalt extremistischer Siedler im Westjordanland einzudämmen?
Albanese: Nein. Die Gewalt extremistischer Siedler wird aus israelischer Sicht nicht bekämpft. Sie wird vielmehr fortgesetzt, damit noch mehr Palästinenser von ihrem Land vertrieben werden können. [...] Das mögen viele Deutsche und andere Europäer nicht hören oder vielleicht nicht verstehen wollen. Aber es reicht mit der Instrumentalisierung von Unwissenheit auf unserem Kontinent. Es geht darum, Geschichte zu verstehen, sie zu kennen – und sich ihr zu stellen, ohne sich dafür zu entschuldigen.
Euronews: Kommen wir zu einem anderen Konfliktherd: Der Krieg im Iran dauert nun schon seit mehr als einem Monat an. Was denken Sie über diesen Krieg und wie wirkt er sich auf die Menschen im Iran aus?
Albanese: Nun, natürlich trifft jeder Krieg in erster Linie die Menschen schwer. Es gibt diesen Satz – ich erinnere mich nicht mehr, von wem er stammt – dass Kriege von jungen Menschen geführt werden, basierend auf schlechten Entscheidungen älterer Menschen. Und genau das sehe ich immer wieder.
Die Menschen im Iran sind heute Opfer einer Aggression – zusätzlich zu der Tatsache, dass sie seit vielen Jahren auch unter ihrem eigenen Regime leiden. Aber ein schlechtes Regime rechtfertigt nicht die Aggression, die Israel und die Vereinigten Staaten gegen Iran ausüben.
Daher gilt mein großer Respekt und meine Solidarität dem iranischen Volk, dem libanesischen Volk und dem palästinensischen Volk. Gleichzeitig denke ich, dass das, was Israel und die USA tun, letztlich auch den Israelis selbst und jüdischen Menschen weltweit schadet, weil sie in gewisser Weise mit dem Handeln Israels in Verbindung gebracht werden.
Das ist sehr ernst. Und ich hoffe, dass diese Angriffe auf grundlegende Rechte und Freiheiten aufhören. Rechte, die eigentlich längst selbstverständlich sein sollten.
Euronews: Was bedeutet der Krieg im Iran für die gesamte Region?
Albanese: Er bringt Chaos und Zerstörung über die gesamte Region. Plötzlich sehen sich auch die Golfstaaten in einen regionalen Krieg hineingezogen, weil Iran als Reaktion alle Länder in der Region angreift, in denen sich amerikanische Militärbasen befinden.
Ich habe seit drei Jahren vor dem Risiko eines regionalen Krieges gewarnt, weil ich wusste, dass dies eines der Ziele war, insbesondere von Benjamin Netanjahu.
Und er hat es erreicht.
Euronews: Was kann Deutschland tun, um den Konflikt zu beenden?
Albanese: Deutschland sollte das Völkerrecht respektieren. Das allein würde bereits ausreichen, um zur Beendigung des Krieges beizutragen.
Mir ist nicht entgangen, dass der deutsche Bundeskanzler im vergangenen Jahr sagte, Israel erledige mit dem Angriff auf Iran gewissermaßen "die Drecksarbeit für uns alle". Ich weiß nicht, wen er damit meint – westliche Regierungen, bestimmte Bevölkerungen, die Deutschen? Aber das ist höchst problematisch, denn Krieg ist immer "Drecksarbeit", und Aggression ist niemals gerechtfertigt. Aggression ist ein Verbrechen.
Zu sagen, dass Israel Verbrechen begeht, um uns alle zu schützen, ist sehr gefährlich. Und heute sehen wir die Tötung und Gefährdung vieler unschuldiger Menschen. Das muss aufhören.
Zunächst sollte Deutschland aufhören, Waffen an Israel zu liefern. Nicht, weil ich das sage, sondern weil der Internationale Gerichtshof alle Staaten, die Waffen an Länder liefern, die gegen das humanitäre Völkerrecht verstoßen, dazu aufgefordert hat, das zu beenden.
Deutschland als zweitgrößter Waffenlieferant Israels muss daher seine Rüstungsexporte einstellen.