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Hitze und Sturm: Halten erneuerbare Energien dem extremeren Klima stand?

Aufnahme vom ersten Juni zweitausendsiebzehn: Eine Windkraftanlage des Windparks Lost Creek zeichnet sich bei King City in Missouri vor der untergehenden Sonne ab.
Aufnahme vom ersten Juni 2017: Eine Turbine des Windparks Lost Creek zeichnet sich bei Sonnenuntergang nahe King City im US-Bundesstaat Missouri ab. Copyright  Copyright 2017 The Associated Press. All rights reserved.
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Von Liam Gilliver
Zuerst veröffentlicht am
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Erneuerbare als Wundermittel gegen die Klimakrise: Halten sie den Belastungen einer heißer werdenden Erde stand?

Der Krieg gegen den Iran hat unerwartet ein Wettrennen um erneuerbare Energien ausgelöst. Europa wird sich nun seiner Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen schmerzlich bewusst.

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Die Preise für Öl und Gas sind in den vergangenen Wochen stark hin und her gesprungen. Grund ist der Würgegriff, den Iran über die Straße von Hormus hält, eine 39 Kilometer lange Meerenge, durch die rund zwanzig Prozent der globalen Ölversorgung fließen.

Analysten warnen, dass die Rekordpreise an der Zapfsäule und auf der Energierechnung nicht sofort sinken, selbst wenn der Krieg endet. Das befeuert den Boom bei erneuerbaren Energien. Viele Europäerinnen und Europäer greifen verstärkt zu grüner Technik wie Elektroautos (EVs), Wärmepumpen und steckfertigen Solarsystemen.

Erneuerbare gelten vielen als Wundermittel gegen den jüngsten fossilen Preisschock. Ihre Belastungsprobe kommt jedoch ausgerechnet von dem Problem, das sie mildern sollen: dem Klimawandel.

Halten erneuerbare Energien dem Klimawandel stand?

Nach Angaben der Vereinten Nationen bringt jede zusätzliche Erwärmungsstufe „rasch wachsende Gefahren“ mit sich. Dazu zählen heftigere Hitzewellen, kräftigere Regenfälle und andere Wetterextreme, die die Risiken für Menschen und Ökosysteme erhöhen.

Thomas Balogun, Investor im Bereich erneuerbare Energien, nennt das gegenüber Euronews Earth eine der „größten operativen und strategischen Herausforderungen“ für die Branche.

„Erneuerbare Energien stehen im Zentrum der Bemühungen, unsere Kohlenstoffemissionen zu senken und die Klimakrise zu begrenzen. Sie hängen aber per Definition von den Umweltbedingungen ab“, sagt er.

Nach seiner Einschätzung werden Wetterlagen immer unberechenbarer, weil Treibhausgase die Temperaturen weiter nach oben treiben. Dadurch geraten Zuverlässigkeit, Effizienz und Widerstandskraft des Umstiegs auf grüne Energie an ihre Grenzen.

Hitzesommer und Solarstrom: das Paradox

Eine neue Analyse von SolarPower Europe zeigt, dass Solarstrom allein im März mehr als drei Milliarden Euro an fossilen Brennstoffimporten eingespart hat. Bleiben die Gaspreise hoch, könnten es bis Jahresende insgesamt 67,5 Milliarden Euro werden.

Allerdings dürfte 2026 zu den heißesten Jahren seit Beginn der Aufzeichnungen gehören. Prognosen deuten zudem auf ein mögliches El-Niño-Ereignis hin, das die Lage verschärfen würde. Höhere Temperaturen klingen nach einem Vorteil für Solaranlagen, doch große Hitze mindert ihren Wirkungsgrad und setzt das Stromnetz zusätzlich unter Druck.

„Es ist ein verbreiteter Irrtum, dass mehr Sonne automatisch mehr Strom bedeutet“, sagt Ioanna Vergini, Gründerin von [wfy24.com](http://wfy24.com %28Quelle auf Englisch%29/), einer Plattform, die Wetterdaten und Klimarisiken auswertet, zu Euronews Earth.

„Photovoltaikzellen sind Halbleiter. Wie alle elektronischen Bauteile verlieren sie an Effizienz, wenn die Temperatur steigt.“

Für jedes Grad über 25 Grad Celsius sinkt der Wirkungsgrad von Solarmodulen um etwa null Komma vier bis null Komma fünf Prozent.

Im vergangenen Sommer litten große Teile Spaniens und Griechenlands unter extremen Hitzewellen. In dieser Zeit verzeichneten die dortigen Solarparks „deutliche Einbußen bei der Stromproduktion“ – ausgerechnet als der Bedarf an Klimaanlagen seinen Höhepunkt erreichte.

„Wir haben Fälle dokumentiert, in denen die Oberflächentemperatur der Module 65 Grad erreichte“, sagt Vergini. „Die theoretische Leistung brach dabei um fast zwanzig Prozent ein.“

Im vergangenen Jahr litten große Teile Europas unter extremer Hitze, selbst das sonst kühle Finnland erlebte drei Wochen am Stück mit Temperaturen um 30 Grad. Weiter südlich kämpften die Menschen mit über 40 Grad, in dutzenden Ländern kam es zu Dürre.

Forscherinnen und Forscher am Imperial College London und an der London School of Hygiene and Tropical Medicine untersuchten 754 europäische Städte und stellten fest, dass der Klimawandel die Temperaturen im Sommer 2025 im Schnitt um drei Komma sechs Grad Celsius in die Höhe getrieben hat.

Windräder: der schmale Sweet Spot

Stürmisches Wetter ist ideal für Windkraft und hat Großbritannien in diesem Jahr zu einem neuen Rekord bei erneuerbaren Energien verholfen. Am 26. März erzeugten britische Windparks 23.880 Megawatt Strom – genug für rund 23 Millionen Haushalte.

Werden die Winde jedoch zu stark, ist das Stromnetz oft mit mehr grüner Energie gefüllt, als tatsächlich abgenommen werden kann.

Nach Angaben des britischen Energieunternehmens Octopus Energy entsteht dann eine Art „Rushhour auf dem Netz“. Der Strom kommt nicht dort an, wo er gebraucht wird.

Die Folge: Windräder werden häufig abgeschaltet – Fachleute sprechen von „Abregelung“. Gleichzeitig erhalten Gaskraftwerke Geld dafür, wieder hochzufahren. Großbritannien kostete das im vergangenen Jahr rund eineinhalb Milliarden Pfund, also fast zwei Milliarden Euro.

Auch in Deutschland schlugen Entschädigungszahlungen für abgeregelte Ökostromanlagen 2025 mit 435 Millionen Euro zu Buche, während die Abregelungsquoten in mehreren EU-Ländern wie Spanien und Frankreich in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres Rekordwerte erreichten.

Die britische Regierung hat deshalb Pläne vorgestellt, Hausbesitzerinnen und Hausbesitzern bei einem Überschuss an grünem Strom vergünstigte oder sogar kostenlose Elektrizität anzubieten, um die teuren Abschaltungen zu vermeiden.

Starke Böen können Windräder zudem unabhängig von behördlich angeordneten Abschaltungen zum Stillstand zwingen.

„Windräder haben einen Optimalbereich“, erklärt Vergini. „Übersteigt die Windgeschwindigkeit etwa 90 Kilometer pro Stunde, schalten die Anlagen in den Überlebensmodus und stellen die Rotorblätter quer zum Wind, um Schäden zu verhindern.“

Während des Sturms Ciarán Ende 2023 mussten leistungsstarke Offshore-Parks in Großbritannien und Frankreich vom Netz gehen, obwohl die Windbedingungen auf dem Papier ideal wirkten. Die Lücke schlossen kurzfristig Gaskraftwerke, die für Spitzenlasten vorgehalten werden.

Zuvor war in Australien bei einem Sturm ein Rotorblatt nur sechs Monate nach der Montage schlicht abgebrochen.

Deshalb rüsten Betreiber weltweit ihre Anlagen nach, damit sie höheren Windgeschwindigkeiten standhalten, vor allem in Regionen mit Hurrikanen und tropischen Wirbelstürmen.

2023 installierte MingYang Smart Energy im Südchinesischen Meer eine „taifunfeste“ Windturbine. Nach Unternehmensangaben hält sie Windgeschwindigkeiten von bis zu 215 Kilometern pro Stunde für zehn Minuten stand.

Klimaprojektionen gehen allerdings davon aus, dass Zahl und Stärke der Winterstürme leicht zunehmen. Viele der europäischen Anlagen könnten dadurch stärker gefährdet sein.

Europas „größte Batterie“ vor dem Leerlauf?

Die steigenden Temperaturen infolge der vom Menschen verursachten Erderwärmung setzen auch der Wasserkraft zu.

Ein Beispiel ist Norwegen, das wegen seiner Tausenden Staudämme oft als „größte Batterie Europas“ gilt. Nach einem warmen, trockenen Winter sind die Schneereserven des Landes auf den niedrigsten Stand seit zwanzig Jahren gesunken.

Fachleute sprechen von einem Defizit von rund 25 TWh. Das entspricht dem Jahresverbrauch von etwa zweieinhalb Millionen Haushalten und fast einem Fünftel der norwegischen Wasserkrafterzeugung des vergangenen Jahres.

„Die geringe Schneedecke in Norwegen in diesem Winter ist ein gutes Beispiel für eine grundlegende Veränderung: Wasserkraft in Europa wird schwankungsanfälliger“, sagt Alex Truby vom Prognoseunternehmen Upstream Tech, das auf KI-gestützte Modelle setzt, Euronews Earth.

„Gleichzeitig verändern sich die Niederschlagsmuster. In vielen Regionen Europas könnte insgesamt mehr Niederschlag fallen, aber ein größerer Teil davon kommt als Regen statt als Schnee.“

Mit jedem Grad Erwärmung der Luft kann die Atmosphäre etwa sieben Prozent mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Das begünstigt heftigere und intensivere Regenfälle.

Regen fließt sofort ab. Schnee hingegen speichert Wasser den ganzen Winter über und gibt es im Frühjahr und Sommer nach und nach frei. Das sorgt normalerweise für eine gleichmäßige, gut planbare Wassermenge zur Stromerzeugung.

Truby plädiert dafür, Wasserkraftwerke an die neuen Bedingungen anzupassen. Nötig seien bessere saisonale und kurzfristige Prognosen, mehr Speicherkapazität und ein ausgebautes Stromnetz, das erneuerbare Energie flexibler zwischen Regionen transportieren kann und so die Schwankungen ausgleicht.

Europas Stromnetz bleibt zu schwach

Schon heute kommen viele bestehende Ökostromanlagen mit Europas veralteter Netzinfrastruktur kaum zurecht. Eine neue Analyse warnt zudem, dass wegen Netzengpässen mehr als 120 Gigawatt geplanter grüner Projekte auf der Kippe stehen.

Der Thinktank Ember berichtet, jeder zweite Netzbetreiber verfüge über „unzureichende Netzkapazitäten“, um neue Wind- und Solarparks überhaupt anschließen zu können. Besonders gravierend sind die Einschränkungen demnach in Österreich, Bulgarien, Lettland, den Niederlanden, Polen, Portugal, Rumänien und der Slowakei.

Die Hürden treffen laut Bericht sowohl große Projekte als auch Anlagen in Privathaushalten. In den siebzehn Ländern, die ihre Netzkapazitäten melden, gelten inzwischen mehr als zwei Drittel der bis 2030 geplanten Windparks und großen Solarkraftwerke als gefährdet.

Zu wenig Netzkapazität könnte zudem die Installation von 16 Gigawatt an Solaranlagen auf Hausdächern verzögern. Betroffen wären mehr als eineinhalb Millionen Haushalte in ganz Europa.

Die EU schätzt, dass zwischen 2031 und 2050 jedes Jahr Investitionen von rund 85 Milliarden Euro in die Netzinfrastruktur nötig sind.

Als Antwort darauf hat die Europäische Kommission im vergangenen Jahr ihr EU-Netzpaket vorgestellt. Es sieht Investitionen von 1,2 Billionen Euro vor, um das Stromsystem der Union grundlegend zu erneuern – von Leitungen und Umspannwerken bis zu den digitalen Technologien, die Energie über den Kontinent verteilen.

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