Durch den Krieg der USA und Israels gegen Iran sind Energierouten gestört, Öl- und Gaspreise steigen. Nach der Energiekrise 2022 setzt Brüssel auf das europäische Netzpaket: Kann es Europas Energieabhängigkeit senken?
Die Energieabhängigkeit wurde im Jahr 2022 zu einem akuten Problem für Europa. Dennoch ist die EU weiterhin stark auf importierte fossile Brennstoffe angewiesen.
Um die Abhängigkeit von Russland zu verringern, ist Europa vielerorts auf Flüssigerdgas (LNG) umgestiegen. Inzwischen verlaufen 10 bis 15 Prozent der Lieferungen durch die Straße von Hormus.
Jüngste Angriffe im Golf und Drohungen des Regimes in Teheran haben den Schiffsverkehr dort gebremst und die Lage für Europa verschärft. Knappheit treibt die Nachfrage nach Öl und Gas hoch und damit auch die Strom- und Spritpreise.
Die europäischen Versuche, die Abhängigkeit zu verringern, bleiben hinter den Möglichkeiten zurück. Für den Europaabgeordneten und Volt-Mitgründer Damian Boeselager liegt das an einer seit gut einem Jahrzehnt vorherrschenden, rein reagierenden Politik.
Das Jahr 2026 gilt als möglicher Wendepunkt. Das Netzpaket (auf Englisch: "Grids Package)" und das "Citizens Energy Package", das Bürger-Energiepaket, sollen einen einheitlichen europäischen Energiemarkt mit grenzüberschreitender Infrastruktur schaffen, damit Energie sicherer und für Bürgerinnen und Bürger besser zugänglich wird.
Wie gut ist Europa heute gerüstet?
Mit REPowerEU hat die Union die Gasspeicher der Mitgliedstaaten rasch ausgebaut: Sie sollen nun in jedem Jahr zu mindestens 90 Prozent gefüllt sein und so seit 2022 die Versorgungssicherheit erhöhen.
Im Jahr 2025 deckten erneuerbare Energien 25,2 Prozent des gesamten Energieverbrauchs der EU. Das stärkt die heimische Produktion und hat die Importquote russischen Gases von 45 Prozent im Jahr 2022 auf 13 Prozent im Jahr 2025 gedrückt.
Die Diversifizierung der fossilen Energiequellen erwies sich als entscheidend. 2021 kamen noch 45 Prozent der Gasimporte aus Russland, beim Öl waren es 27 Prozent, bei Kohle 50 Prozent.
Laut aktuellen Zahlen stammten im dritten Quartal 2025 rund 60 Prozent des in die EU gelieferten LNG aus den USA, 70 Prozent der Kohle kamen aus Australien und den USA, und Norwegen, die USA und Kasachstan deckten zusammen 42 Prozent des Ölbedarfs der Europäischen Union.
Die heimische Förderung deckt nur zehn Prozent des europäischen Gasbedarfs. Die EU treibt den Ausstieg aus russischen fossilen Brennstoffen voran und hat den Anteil von LNG an den Gasimporten von 20 Prozent im Jahr 2021 auf 45 Prozent im Jahr 2025 erhöht.
Da zehn bis fünfzehn Prozent des weltweiten LNG über die Straße von Hormus laufen, hat sich Europas geringere Abhängigkeit von russischen Pipelines faktisch in eine neue Abhängigkeit von LNG-Routen durch diese Region verwandelt.
Selbst mit besserer Vorbereitung als 2022 bleibt Europa verwundbar. Irans neuer oberster religiöser und politischer Führer Modschtaba Chamenei hat angekündigt, die Straße weiter zu blockieren; damit werden Europas LNG-Routen zur neuen Achillesferse.
Ausmaß der europäischen Abhängigkeit
Die EU gab 2025 rund 396 Milliarden Euro für Importe fossiler Energieträger aus – ein Hinweis darauf, dass sich fast sechs Jahrzehnte Energieabhängigkeit nicht einfach und nicht schnell zurückdrehen lassen.
Die Union importiert 57 Prozent ihres gesamten Energiebedarfs. Öl hat mit 37 Prozent den größten Anteil, es folgen Gas mit 21 Prozent und Kohle mit 12 Prozent. Bei Öl liegen die USA mit 16 Prozent vorn, gefolgt von Norwegen mit 12 Prozent und Kasachstan mit 9 Prozent. Norwegen liefert zudem 30 Prozent des Pipelinegases. Russland steht trotz umfassender Sanktionen noch immer für 14 Prozent der Erdgasimporte.
Die Abhängigkeit trifft die Mitgliedstaaten unterschiedlich hart. Malta importiert 98 Prozent seiner Energie, Zypern 88 Prozent, Luxemburg 91 Prozent. Frankreich steht anders da: Dank der Kernkraft liegen die Energieimporte dort bei 52 Prozent und damit deutlich niedriger als in den meisten anderen Ländern der Region.
REPowerEU hat die Lieferantenstruktur verändert, aber das Grundproblem nicht gelöst. US‑LNG ersetzt zunehmend russisches Gas und könnte bis 2030 an die 40 Prozent der EU‑Gasimporte ausmachen – ein neuer geopolitischer Risikofaktor.
2025 übertrafen erneuerbare Energien die fossilen Quellen erstmals bei der Stromerzeugung in der EU und erreichten 23 Prozent des Endenergieverbrauchs. Das ist ein Fortschritt, doch die Stromerzeugung ist nur ein Teil des Problems. Heizen, Verkehr und Industrie sorgen weiter dafür, dass die Importrechnung bei Hunderten Milliarden Euro liegt.
Antwort der EU: Europa neu vernetzen
Auf die energiepolitische Verwundbarkeit Europas antwortet Brüssel nun mit einem Gesetzespaket – und einer Rechnung über 1,2 Billionen Euro: dem EU‑"Grids Package" oder dem Netzpaket. Die EU‑Kommission stellte das Projekt im Dezember 2025 vor. Es ist ihr bislang ehrgeizigster Versuch, das Stromsystem der Union grundlegend umzubauen: das Netz aus Leitungen, Umspannwerken und digitalen Technologien, das die Versorgung quer durch die Mitgliedstaaten sichert. Das Ziel ist klar: schneller bauen, enger verknüpfen und die durch wiederholte geopolitische Schocks offengelegte Abhängigkeit von Importbrennstoffen überwinden.
Das Paket schreibt die Regeln für Planung, Genehmigungen, Investitionen und die grenzüberschreitende Koordinierung neu und ändert vier zentrale EU‑Gesetze, darunter die Erneuerbare‑Energien‑Richtlinie und die Reform des Strommarktdesigns. Energiekommissar Dan Jørgensen und Exekutiv‑Vizepräsidentin Teresa Ribera setzen beträchtliches politisches Kapital ein – für den Grundpfeiler einer strategisch autonomeren EU.
Im Zentrum der Debatte stehen einzelne Regelungen. Kleine Solar- und Speicherprojekte unter 100 Kilowatt sollen nur noch eine Netzanschlussgenehmigung brauchen. Größere Netzprojekte müssen innerhalb von zwei Jahren genehmigt werden; schaffen die Behörden das nicht, gilt die Genehmigung automatisch als erteilt. Für große grenzüberschreitende Projekte von gemeinsamem Interesse (projects of common interest - PCI) gilt eine strenge Obergrenze von 42 Monaten für alle Genehmigungsschritte.
Branchenverbände wie Eurelectric begrüßen die Reformen grundsätzlich, lehnen aber eine verpflichtende Beteiligung der lokalen Bevölkerung an den Erträgen von Projekten über zehn Megawatt ab. Nach dem Entwurf müssten Projektentwickler einen Teil der Gewinne mit Betroffenen vor Ort teilen. Umweltorganisationen warnen zudem, dass der Status "überragendes öffentliches Interesse" für bestimmte Projekte den Stellenwert von Prüfungen zur biologischen Vielfalt mindern und eine Klagewelle auslösen könnte.
Die nationalen Regierungen sind uneins. Deutschland und Dänemark befürworten eine EU‑weite Koordinierung, wollen aber keine zentrale Planung, die nationale Strategien übersteuert. Polen und Rumänien fordern flexiblere Fristen, weil ihren Verwaltungen Personal und Ressourcen fehlen; auch beim Verteilen der Kosten gibt es weiterhin Konflikte.
Das ungenügend ausgebaute europäische Netz kann derzeit Windstrom aus der Nordsee oder Solarstrom von der Iberischen Halbinsel bislang nur begrenzt über Grenzen hinweg transportieren – das schwächt die Widerstandskraft des Systems. Mit der Initiative "Energy Highways" oder Energieautobahnen sollen leistungsstarke Stromkorridore entstehen, die diese Lücken schließen. Um Lieferkettenrisiken zu begrenzen, setzt das Paket das Ziel, 40 Prozent der Transformatoren und Kabel bis 2030 in der EU herzustellen, und führt neue Prüfregeln für Anbieter ein.
In Brüssel gilt das Paket als Rückgrat einer energiepolitisch unabhängigen EU. Ob es umgesetzt wird, ist der eigentliche Test.
Reserven, Preisdeckel und Krisentreffen
Die Zahlen verändern sich rasant. Die niederländischen TTF‑Gas-Futures sind seit den Angriffen auf Iran um 60 Prozent gestiegen, der Ölpreis kletterte über die Marke von 100 Dollar pro Barrel. Die Gasspeicher der EU, die vor dem Winter aufgefüllt werden sollten, sind nur zu 30 Prozent gefüllt; vor einem Jahr waren es 39 Prozent. Goldman Sachs warnt, eine einmonatige Blockade der Straße von Hormus könne die Gaspreise auf 73 Euro pro Megawattstunde (MWh) treiben.
Brüssel hat reagiert. Die EU‑Kommission berief Krisensitzungen ihrer Gas‑ und Ölkoordinierungsgruppen ein. Die Finanzminister trafen sich unter dem französischen Ratsvorsitz von Roland Lescure, um über die Freigabe strategischer Reserven zu beraten. Die Internationale Energieagentur (IEA) segnete die Freigabe von 400 Millionen Barrel Öl-Reserven ab – die größte in ihrer Geschichte –, unterstützt von 32 Ländern, darunter Deutschland und Österreich.
Kritik entzündet sich allerdings am Tempo grundlegender Reformen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen brachte vor dem Gipfel am 19. und 20. März erneut eine Deckelung oder Subventionierung der Gaspreise ins Spiel, machte aber zugleich klar, dass eine Rückkehr zu russischer Energie für sie ein "strategischer Fehler" wäre.
Wirtschaftskommissar Valdis Dombrovskis begrüßte in der Euronews‑Morgensendung "Europe Today“ den Schritt der IEA, warnte aber vor einem "Stagflationsschock", falls sich der Konflikt in die Länge zieht. Energiekommissar Jørgensen wies Forderungen zurück, den CO2‑Preis aufzugeben, und betonte, nur erneuerbare Energien und neue Infrastruktur böten eine dauerhafte Antwort.
Die G7 behalten eine koordinierte Nutzung ihrer Lagerbestände als Option, haben sie aber bislang nicht gezogen. Ein vorgeschlagener Gaspreisdeckel, der einen 2022 beschlossenen, nie aktivierten Mechanismus wiederbeleben würde, stößt in Berlin und Den Haag auf Widerstand.
Der EU-Abgeordnete Boeselager warnt offen vor den wirtschaftlichen Folgen einer anhaltenden Störung. Der Ölpreisschock schlägt bereits auf die Inflation im Euroraum durch, und die politischen Gegenmittel sind begrenzt.
"Der Sprung von 70 Dollar pro Barrel auf etwa 120 Dollar hat enorme Auswirkungen auf die Inflation im Euroraum. Die Preise steigen, die Zinsen auch – das trifft die Menschen und Unternehmen in Europa massiv", sagt er.
Spaniens Finanzminister Carlos Cuerpo stellt klar: Europa braucht jetzt eine schnellere Netzintegration und Reformen des grenzüberschreitenden Energiemarkts. Doch das Netzpaket und der vollendete Binnenenergiemarkt werden voraussichtlich erst 2028 vollständig greifen.
Die EU ist besser vorbereitet als 2022. Doch bei steigenden Preisen und noch nicht vollendeter Strukturgesetzgebung bleibt die Lücke zwischen politischem Willen und der Umsetzung groß. Für Boeselager sollte die aktuelle Krise die Energiewende endlich neu bewerten – nicht als reine Umweltlast, sondern als wirtschaftliche Notwendigkeit und als Frage der Souveränität.
"Die Transformation gilt oft als sehr teuer. Jetzt sehen wir, dass Nicht‑Handeln am Ende noch teurer ist", erklärt Boeselager Euronews.