Loader
Finden Sie uns
Werbung

Warschau nach 1945: Die Stadt des Aufstands und des Neuanfangs

Die Ausstellung "Warschaus Neuanfang 1945 - 1949. Fotografien vom Leben in den Trümmern" zeigt, wie Warschau und seine Bewohner einen Neuanfang wagten.
Die Ausstellung "Warschaus Neuanfang 1945 - 1949. Fotografien vom Leben in den Trümmern" zeigt, wie Warschau und seine Bewohner einen Neuanfang wagten. Copyright  Stanisław Dąbrowiecki/PAP
Copyright Stanisław Dąbrowiecki/PAP
Von Veronika Schuerr
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button
Den Link zum Einbetten des Videos kopieren Copy to clipboard Link kopiert!

Der 1. August: In Polen ein Tag des Gedenkens, in Deutschland kaum bekannt. Dabei war der Warschauer Aufstand 1944 der größte Aufstand gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Im Berliner Pilecki-Institut erzählt die Fotoausstellung "Warschaus Neuanfang" von Zerstörung und Wiederaufbau.

Eine Frau steht inmitten einer menschenleeren Trümmerlandschaft. Wo einst das Warschauer Ghetto stand, blickt sie auf ein Meer aus Ruinen. Die Fotografie dokumentiert, was vom nationalsozialistischen Racheakt gegen das aufständische Warschau blieb: eine Hauptstadt in Trümmern.

WERBUNG
WERBUNG
Aufnahme der Ruinen des Warschauer Ghettos.
Aufnahme der Ruinen des Warschauer Ghettos. Stanisław Dąbrowiecki/PAP

Nach 63 Tagen Widerstand kapitulierte die polnische Heimatarmee (Armia Krajowa) unter General Komorowski am 2. Oktober 1944. Bis zu 200.000 Polinnen und Polen verloren während des Aufstands ihr Leben. Hunderttausende Überlebende wurden in Konzentrationslager oder als Zwangsarbeiter in das Deutsche Reich deportiert.

Adolf Hitler und die Nazi-Führung ordneten außerdem die systematische Zerstörung der Hauptstadt an – als Vergeltung für den Aufstand. Die Dimension der Verwüstung war beispiellos: Bis Kriegsende lagen rund 85 Prozent Warschaus in Schutt und Asche.

Ganze Stadtviertel wurden dem Erdboden gleichgemacht, Museen, Bibliotheken, Archive, Theater, Kirchen und Denkmäler gezielt gesprengt oder niedergebrannt. Rund 90 Prozent der industriellen Infrastruktur und Sehenswürdigkeiten sowie 72 Prozent der Wohngebäude waren vernichtet.

Aus der einst als "Paris des Ostens" bekannten Metropole war eine Ruinenlandschaft geworden. Zeitweise wurde sogar erwogen, die polnische Hauptstadt nach Łódź zu verlegen und die zerstörte Stadt als Mahnmal der deutschen Zerstörung zu erhalten.

Phönix aus der Asche

Exhumierungen der Opfer des Warschauer Aufstands treffen in den Fotografien auf Bilder von Kindern, die zwischen den Ruinen tanzen und Menschen, die dort Gottesdienst feiern. Die aus dem Bestand der Polnischen Presseagentur (PAP) stammenden Aufnahmen sind mehr als ein Zeugnis des Zerstörungswerkes der Nazis. Sie dokumentieren zugleich den ungebrochenen Lebenswillen einer Stadt, deren Wiederaufbau zum Symbol des polnischen Neuanfangs wurde.

Die Ausstellung "Warschaus Neuanfang 1945 - 1949. Fotografien vom Leben in den Trümmern" zeigt Alltagsszenen in den zerstörten Häusern.
Die Ausstellung "Warschaus Neuanfang 1945 - 1949. Fotografien vom Leben in den Trümmern" zeigt Alltagsszenen in den zerstörten Häusern. Stanisław Dąbrowiecki/PAP

"Das ganze Volk baut seine Hauptstadt" - unter diesem Motto begann nach 1945 der Wiederaufbau Warschaus. Die Regierung gründete bereits im Februar 1945 das Büro für den Wiederaufbau der Hauptstadt (Biuro Odbudowy Stolicy). Baumaterialien wurden aus verschiedenen Regionen Polens herangeschafft, Trümmersteine wiederverwendet und Tausende Menschen beteiligten sich an der Rekonstruktion der Metropole.

Die Ausstellung zeigt auf einer Fotografie eine Menschenkette, die Ziegelsteine weiterreicht: Sinnbild für den Einsatz, der als nationaler Kraftakt in die Geschichte einging. Das kommunistische Regime nutzte genau diese Mobilisierung, um seine politische Legitimität zu festigen und sich als Architekt eines neuen Polen zu inszenieren.

Besonders symbolisch war die erfolgreiche Rekonstruktion des historischen Stadtkerns. Fast vollständig zerstört, wurde er anhand alter Fotografien, Pläne und Gemälde rekonstruiert. Dass die Altstadt seit 1980 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, ist auch dieser außergewöhnlichen Mobilisierung zu verdanken.

Für Patryk Szostak, Pressesprecher des Berliner Pilecki-Instituts, sind die Bilder ein Schlüssel zum Verständnis der heutigen Stadt: "Es lohnt sich, zuerst die Fotoausstellung zu besuchen und anschließend nach Warschau zu reisen. Man versteht, wo diese dynamische und inspirierende Stadt ihren Ursprung hat."

Warschauer Aufstand: In Polen wichtig, in Deutschland vergessen?

Bis heute prägt jedoch vor allem der Warschauer Aufstand, mehr noch als der anschließende Wiederaufbau, das polnische Selbstverständnis als freiheitsliebende Nation.

Am 1. August 1944 erhob sich die polnische Heimatarmee (Armia Krajowa) mit rund 40.000 Kämpfern gegen die deutsche Besatzungsmacht. Ihr Ziel: Warschau noch vor dem Eintreffen der Roten Armee unter polnische Kontrolle zu bringen. "Es ist besser, sich selbst zu befreien, als befreit zu werden" – so lautete die Devise des Befehlshabers der Untergrundarmee.

Die Hoffnung, einer sowjetischen Vorherrschaft zuvorzukommen, stürzte die Aufständischen in einen aussichtslosen Kampf. Den deutschen Truppen waren sie militärisch deutlich unterlegen. Gleichzeitig blieb die Rote Armee auf der anderen Seite der Weichsel stehen. Viele Historiker sprechen von einem Kalkül Stalins, den Weg für ein von Moskau abhängiges Nachkriegspolen zu ebnen.

Während der Warschauer Aufstand in Polen als Moment der nationalen Selbstbehauptung gilt, ist er spielt er in der deutschen Erinnerung kaum eine Rolle. Nicht selten wird er mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto verwechselt.

Herzstück der polnischen Identität

Wie konnte ein militärisch gescheiterter Aufstand zum Gründungsnarrativ des demokratischen Polens nach 1989 werden? Antworten darauf gibt der Historiker Stephan Lehnstaedt, Professor für Holocaust-Studien an der Touro University Berlin. Mit seinem 2024 erschienenen Buch "Der Warschauer Aufstand" wurde eine der wenigen deutschsprachigen Monografien über den Aufstand von 1944 veröffentlicht.

Entscheidend für die heutige Bedeutung des Aufstands und die Herausbildung eines "polnischen Nationalgeschichtsbewusstseins" sei, dass sich die Heimatarmee gleich zwei Gegnern gegenübersah: der deutschen Besatzungsmacht und der heranrückenden Roten Armee.

Zugleich wird die Erinnerung an die Heimatarmee in Abgrenzung zum Aufstand im Warschauer Ghetto erzählt: Während dieser vor allem als jüdischer Widerstand gegen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik gilt, steht der Warschauer Aufstand für einen polnischen Freiheitskampf.

Polen: Ein langer Weg zum Gedenken

Dass der Aufstand heute einen so zentralen Platz im polnischen Gedächtnis einnimmt, hängt auch mit seiner jahrzehntelangen Verdrängung zusammen, erklärt Lehnstaedt im Gespräch mit Euronews. In der kommunistischen Volksrepublik Polen wurde das Gedenken an die Heimatarmee unterdrückt, da sie den Machthabern als politischer Gegner galt. Der Aufstand verschwand weitgehend aus der offiziellen Geschichtsschreibung.

Erst nach 1989 setzte eine umfassende Erinnerungskultur ein. Ein weiterer Meilenstein war die Eröffnung des Museums des Warschauer Aufstandes in der polnischen Hauptstadtim Jahr 2004. Das Museum wurde zum zentralen Ort der Aufarbeitung.

Aus einem lange verschwiegenen Kapitel der Geschichte wurde zunehmend ein "Ereignis von nationaler Relevanz", wie Lehnstaedt betont. Der jahrzehntelange "Nachholbedarf" in der Erinnerungskultur erklärt, warum der Warschauer Aufstand heute als nationales Symbol gilt.

"Für das Verständnis des heutigen Polens muss man sich mit dem Warschauer Aufstand beschäftigen"

Bundespräsident Steinmeier nimmt am 31. Juli 2024 in Warschau, dem Vorabend des 80. Jahrestags, an den Gedenkfeierlichkeiten zum Warschauer Aufstand teil.
Bundespräsident Steinmeier nimmt am 31. Juli 2024 in Warschau, dem Vorabend des 80. Jahrestags, an den Gedenkfeierlichkeiten zum Warschauer Aufstand teil. AP Photo/Czarek Sokolowski

Dass der Warschauer Aufstand im Land der Täter und Opfer unterschiedlich erinnert wird, hat mit den verschiedenen historischen Erfahrungen zu tun: "Für die polnische Geschichte ist der Aufstand zentral, für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs war er von geringer Bedeutung", erläutert Lehnstaedt.

Die brutale Niederschlagung des Aufstands und die Zerstörung Warschaus gingen im deutschen Gedächtnis lange unter der Vielzahl nationalsozialistischer Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs unter.

Dass das Schicksal der polnischen Hauptstadt heute in Deutschland stärker wahrgenommen wird, hängt auch mit einem Wandel des polnischen Erinnerungsdiskurses zusammen, erklärt der Historiker.

Nach 1989 stand im Gedenken an den Aufstand zunächst vor allem die Rolle der Sowjetunion im Mittelpunkt: das Ausbleiben der Unterstützung durch die Rote Armee und die spätere sowjetische Vorherrschaft über Polen.

Seit dem Regierungswechsel 2015 rückte unter der PiS-Regierung dagegen stärker die deutsche Besatzung und die historische Verantwortung des westlichen Nachbarn in den Fokus, beschreibt Lehnstaedt.

Diese veränderte Perspektive trug auch dazu bei, dass der Warschauer Aufstand in Deutschland mehr Aufmerksamkeit erhielt. Zum 80. Jahrestag 2024 berichteten zahlreiche deutsche Medien über das Ereignis. Für den Holocaust-Forscher ist die Auseinandersetzung unverzichtbar: "Für das Verständnis des heutigen Polens muss man sich mit dem Warschauer Aufstand beschäftigen."

Wie kann die Lücke der deutsch-polnischen Erinnerungskultur geschlossen werden?

Die Lücke in der deutsch-polnischen Erinnerungskultur ist jedoch noch nicht geschlossen: "Polen wissen immer noch mehr über Deutsche als Deutsche über Polen", beschreibt Lehnstaedt seine Wahrnehmung.

Gerade bei Fragen wie den Reparationsforderungen fehle es in Deutschland teilweise noch an Sensibilität für die tiefe Präsenz der Geschichte des Zweiten Weltkriegs im polnischen Gedächtnis. Entscheidend sei deshalb mehr Bereitschaft zum Dialog:

Nachbarschaft sollte bedeuten, dass man sich auf Augenhöhe begegnet und sich möglichst wenig Ignoranz erlaubt.

Aus dem Berliner Pilecki-Institut kommt zudem der Wunsch, den 1. August stärker als europäischen Gedenktag zu etablieren. Denn die Botschaft der Ausstellung und der Geschichte Warschaus sei aktueller denn je: Freiheit ist hart erkämpft – und auch in europäischen Demokratien niemals selbstverständlich.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Nach Massenzustrom in Ceuta: Rund 48.000 Migranten kehren wieder zurück

Erdbeben in Neapel: 21 Verletzte, schwere Schäden, Menschen evakuiert

EU bereit für Krisentreffen wegen AKW-Ausfall in Ungarn