Empörung in Frankreich nach dem Verschwinden der elfjährigen Lyhanna: Der Hauptverdächtige wurde mehrfach wegen Kindesmissbrauchs angezeigt, blieb aber unbehelligt.
Knapp eine Woche nach dem Verschwinden der elfjährigen Lyhanna haben Einsatzkräfte im Südwesten von Frankreich eine Leiche entdeckt, wie franceinfo aus Justizkreisen erfuhr.
Die Behörden prüfen nun, ob es sich tatsächlich um die Schülerin handelt, die seit Freitag, dem 29. Mai, vermisst wird. Nach Informationen von franceinfo trägt die Leiche ähnliche Kleidung wie das vermisste Mädchen. Suchkräfte fanden die Leiche auf dem Gelände eines landwirtschaftlichen Betriebs zwischen den kleinen Gemeinden Puycasquier und Mirepoix, rund 15 Kilometer südlich von Fleurance, wo Lyhanna lebte.
Der Verdächtige in dem Fall war der Vater einer Mitschülerin, der auch Lyhanna und ihre Eltern kannte.
Verdächtiger wurde mehrfach wegen sexueller Übergriffe auf Kinder angezeigt
In Frankreich ist die Empörung groß, seit bekannt wurde, dass der Hauptverdächtige im Fall der verschwundenen elfjährigen Lyhanna bereits mehrfach wegen sexueller Übergriffe auf Minderjährige angezeigt wurde, ohne dass ein Strafverfahren eingeleitet wurde.
Der Fall beherrscht seit Tagen die Schlagzeilen. Dutzende Polizisten und Freiwillige hatten seit mehreren Tagen nach Lyhanna gesucht.
Das Mädchen war am Freitag in der Nähe des Ortes Fleurance verschwunden, nachdem Zeugen gegen 15 Uhr gesehen hatten, wie Lyhanna in das Auto eines Mannes einstieg.
Der 41-jährige Vater von zwei Kindern ist seitdem als Hauptverdächtiger in Polizeigewahrsam. Nach Angaben der Staatsanwältin machte der Mann während der Vernehmung widersprüchliche und ungenaue Angaben.
Welle der Empörung
Eine Staatsanwältin erklärte, dass bereits Anzeigen gegen den Verdächtigen auch wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen vorlagen. Das hat eine Welle landesweiter Empörung über mutmaßliche Versäumnisse der Justiz ausgelöst.
Medien benennen den Verdächtigen als Jérôme B.
"Was wir Tag für Tag erfahren, ist absolut unerträglich“, sagte Regierungssprecherin Maud Bregeon. "Das wirft eine grundlegende Frage auf: Welchen Stellenwert geben wir den Aussagen der Opfer? Wie werden Ermittlungen geführt?“, sagte sie den Sendern Europe 1 und CNews.
Noch am Donnerstag unterstützten Freiwillige zu Pferd rund 170 Gendarmen bei der Suche nach dem Kind.
Nach Sichtung der Bilder von Überwachungskameras gab der Verdächtige zu, das Mädchen mitgenommen zu haben, behauptete jedoch, er habe sie an einem Schwimmbad abgesetzt.
Am Mittwoch bestätigte Staatsanwältin Clémence Meyer, dass es bereits frühere Anzeigen gegen den Mann gab.
Im Dezember 2017 meldete eine Mutter, dass ihre 17-jährige Tochter eine Beziehung mit dem Mann unterhielt. Das Verfahren wurde 2018 eingestellt, nachdem die junge Frau erklärt hatte, sie habe in das Verhältnis eingewilligt.
Im Januar 2022 gab es eine Anzeige gegen ihn ein wegen Vergewaltigung eines Kindes unter 15 Jahren im Jahr 2020 in seinem Haus im Südwesten Frankreichs.
Der Fall wurde an die regionale Staatsanwaltschaft übergeben, jedoch 2024 mangels Beweisen eingestellt.
"Das System hat versagt“
In einem dritten Fall beschuldigte im August 2025 die Mutter eines 2014 geborenen Mädchens den Mann, ihre Tochter zwischen September 2024 und Mai 2025 in seiner Wohnung vergewaltigt zu haben, wie die Staatsanwältin erläuterte.
Zunächst befassten sich die Justizbehörden in der benachbarten Stadt Toulouse mit der Anzeige, dann wurde der Fall an die regionale Staatsanwaltschaft übertragen, die im Januar eine polizeiliche Ermittlung anordnete. Bis zum Verschwinden der elfjährigen Lyhanna war der Verdächtige jedoch noch nicht vernommen worden.
"Die Ermittlungen liefen noch, als Lyhanna verschwand“, sagte Clémence Meyer.
Die Staatsanwältin bestätigte, am Mittwoch sei eine weitere Anzeige wegen mutmaßlicher Vergewaltigung einer Minderjährigen erstattet worden, ohne nähere Angaben zu machen.
Frankreichs Innenminister Laurent Núñez erklärte am Mittwoch im Parlament, er habe das Justizministerium gebeten, eine Untersuchung einzuleiten. Am Freitag wollte Premierminister Sébastien Lecornu den Fall mit dem Innen- und dem Justizminister besprechen.
"Wir sind alle bestürzt über dieses Versagen, das meiner Meinung nach unsere mangelnde Organisation widerspiegelt“, sagte Justizminister Gérald Darmanin.
Anne-Cécile Mailfert von der Frauenrechtsorganisation Fondation des Femmes betonte, es brauche wirksamere Gesetze, um sexuelle Gewalt zu verhindern.
"Ich bin fassungslos und wütend“, schrieb sie auf der Instagram-Seite der Organisation, nachdem sie erfahren hatte, dass der Verdächtige bereits im vergangenen Jahr der Vergewaltigung beschuldigt worden war.
"Ein anderes zehnjähriges Mädchen hat den enormen Mut gefunden, seinen Eltern anzuvertrauen, was ihm widerfahren ist. Die Eltern haben zu ihr gestanden, ihr geglaubt, sie ist zur Polizei gegangen, um Anzeige zu erstatten – und dann passierte nichts mehr“, kritisierte sie.
"Wir fordern ein umfassendes Gesetz gegen sexuelle Gewalt, denn das derzeitige System versagt“, sagte Mailfert.