Die Zahl der Satelliten im All soll in den kommenden Jahren auf 1,7 Millionen ansteigen. Expertinnen und Experten warnen: Immer mehr Trümmerteile von Satelliten könnten kollidieren und eine gefährliche Kettenreaktion nach dem sogenannten Kessler-Syndrom auslösen.
In den kommenden Jahren wollen Unternehmen 1,7 Millionen Satelliten in die Erdumlaufbahn bringen. Eine neue Studie warnt, dass dies verheerende Folgen für die Astronomie hätte.
Nach Angaben der Europäischen Südsternwarte (ESO), die die Studie durchgeführt hat, stellen die Pläne, die Erde mit riesigen, extrem hellen Satelliten zu umgeben, eine "existenzielle Bedrohung" für Teleskope dar, die ins Universum blicken - und damit für die Erforschung des Weltraums.
Forscher fordern Obergrenze für Satelliten im All
Damit die Menschheit den Nachthimmel weiter erforschen kann, fordert das Team eine Obergrenze von 100.000 Satelliten im Erdorbit.
Die Untersuchung berechnet erstmals, wie stark die geplanten Konstellationen großer, besonders heller Satelliten astronomische Beobachtungen beeinträchtigen würden, weil sie den Nachthimmel deutlich aufhellen.
Inzwischen kreisen 14.000 Satelliten um die Erde, deutlich mehr als noch vor wenigen Jahren. Viele sind Teil der Starlink-Internetkonstellation des Multi-Milliardärs Elon Musk.
Doch das ist erst der Anfang.
Musks Unternehmen SpaceX plant, bis 2028 mehr als eine Million Satelliten zu starten. Sie sollen als Datenzentren den Boom der Künstlichen Intelligenz antreiben.
Was das All für Satelliten zu bieten hat
Weitere Projekte, etwa "Cinnamon" des Start-ups E-Space sowie die chinesischen Konstellationen CTC-1 und CTC-2, könnten Hunderttausende zusätzliche Satelliten in die Umlaufbahn der Erde bringen.
Das US-Start-up Reflect Orbital will 50.000 große Satelliten mit riesigen Spiegeln ins All schicken. Sie sollen Sonnenlicht zur Erde zurücklenken und nachts für Beleuchtung sorgen.
Insgesamt könnten damit bald mehr als 1,7 Millionen Satelliten den Nachthimmel erhellen und die Sicht bodengebundener Teleskope verdecken oder vollständig blockieren.
Nachthimmel bis zu viermal heller
"Wenn ein Satellit durch das Bild zieht, das wir beobachten, hinterlässt er einen hellen Streifen und überstrahlt alles, was dahinter liegt", sagte der ESO-Astronom Olivier Hainaut, der die in Astronomy & Astrophysics veröffentlichte Studie leitete.
"In den vergangenen Jahren ist das bereits passiert, bislang konnten wir damit noch umgehen", sagte Hainaut der Nachrichtenagentur AFP.
Die Satelliten von Reflect Orbital bedrohen den dunklen Nachthimmel besonders stark.
Selbst wenn ihre Spiegel nicht direkt auf Beobachter gerichtet sind, streuen sie so viel Licht, dass jeder Satellit so hell wie die Venus erscheint, der sogenannte Morgenstern, erklärte Hainaut.
Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass fast alle Aufnahmen der größten je gebauten Kamera unbrauchbar würden. Sie ist Teil des neuen Vera C. Rubin Observatory in Chile.
Ob in Frankreich, in der Sahara oder in Chile: Der Himmel wäre „nicht mehr klar und würde eher dem Himmel über den Vororten einer Stadt ähneln“, warnte er.
In lichtverschmutzten Städten wären die Satelliten „die einzigen ‚Sterne‘, die am Nachthimmel noch zu sehen sind“, so die ESO.
Alle 50.000 Reflect-Orbital-Satelliten zusammen würden den gesamten Nachthimmel zudem bis zu viermal heller machen, fügte die Organisation hinzu.
Ein Sprecher von Reflect Orbital sagte AFP, das Unternehmen lasse unabhängige Studien zu den Auswirkungen seiner Technologie erstellen und sei „zu einem kontinuierlichen Dialog mit Astronomen bereit“.
Im Normalzustand sollen die Satelliten abgeschaltet sein, „und wir werden systematisch vermeiden, Licht in der Nähe von Observatorien umzuleiten“, fügte der Sprecher hinzu.
Entscheidung liegt bei der FCC
Hainaut fordert, die Zahl der Satelliten im Erdorbit auf 100.000 zu begrenzen und sie so abzudunkeln, dass sie mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen sind.
Reflect Orbital und SpaceX warten nun auf eine Entscheidung der US-Regulierungsbehörde Federal Communications Commission (FCC), ob sie ihre Konstellationen starten dürfen.
Die neue Studie bildet die Grundlage für die Stellungnahme der ESO zu den Anträgen. Daran beteiligt sind auch die britische Royal Astronomical Society und die Internationale Astronomische Union.
"Jetzt liegt der Ball bei der FCC", sagte Betty Kioko, Leiterin der institutionellen Beziehungen der ESO, in einer Erklärung.
"Für die optische Astronomie ist dies eine existenzielle Bedrohung, und wir hoffen, dass die Regulierungsbehörden das ebenso sehen."
Die Lichtverschmutzung durch Konstellationen sehr heller Satelliten betrifft nicht nur Astronomen.
Der Verlust des dunklen Nachthimmels stört die biologischen Rhythmen von Menschen und Tieren und greift in Ökosysteme ein.
Hinzu kommen der Energieverbrauch und die Umweltfolgen, wenn knapp zwei Millionen Satelliten ins All geschossen werden.
Zudem wächst die Sorge, dass große Mengen Weltraumschrott aus Satelliten immer häufiger zusammenstoßen könnten, in einer gefährlichen Kettenreaktion, die als "Kessler-Syndrom" bekannt ist.