Sollte die Straße von Hormus dauerhaft blockiert werden, drohen Europa und dem Rest der Welt gravierende Folgen, warnte IEA-Chef Fatih Birol im Gespräch mit Euronews.
Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA) schlägt Alarm: Die weltweite Versorgung mit Brennstoffen gilt zwar derzeit als gesichert, doch die jüngsten Angriffe auf Tankschiffe nahe der Straße von Hormus zeigen, dass Europas Abhängigkeit von importierten fossilen Energieträgern seine Wirtschaft weiter gefährdet.
„Die ganze Welt sollte auf den schlimmsten Fall vorbereitet sein. Wir hoffen, dass er nicht eintritt, aber wir müssen ernsthaft mit diesem Szenario rechnen“, sagte IEA-Chef Fatih Birol zu Euronews. Er spielt damit auf eine vollständige Blockade der Meerenge an, über die rund 20 Prozent des weltweiten Öl- und Gasverkehrs laufen.
Birol hält an seinen früheren Warnungen vor Engpässen bei Kerosin fest. Panikmache weist er zurück und bezeichnet die Lage stattdessen als „Weckruf“ für europäische Raffinerien und Politiker, rasch Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen.
„Dank der hervorragenden Arbeit der Kommissare, der Raffinerien und der Unterstützung aus den Vereinigten Staaten und Nigeria können wir die Versorgung mit verarbeiteten Produkten inzwischen ausgleichen. Dennoch stehen uns große Herausforderungen bevor, falls die Straße von Hormus nicht vollständig offen bleibt“, fügte er hinzu.
Der Konflikt im Nahen Osten trifft nicht nur die Energieversorgung. Er belastet auch den Welthandel mit Düngemitteln, Chemikalien und Arzneimitteln.
Europa kehrt Moskau den Rücken
Birol lehnt eine Rückkehr zu russischem Gas ab. Die EU will diese Importe ab 2027 offiziell untersagen. Die jahrelange Abhängigkeit von Moskau sei ein zentraler Grund für die heutigen hohen Strompreise gewesen und zugleich ein Aha-Erlebnis, das Europa dazu gebracht habe, seine Energieabhängigkeit von Drittstaaten zu beenden.
„Wir haben in Europa schwer unter der Überabhängigkeit von Russland gelitten, nachdem die Gaslieferungen aus Russland gekappt wurden“, sagte Birol. „Unsere Volkswirtschaften, Unternehmen und Haushalte hatten mit extrem hohen Energiepreisen zu kämpfen.“
Energieminister diskutieren zwar derzeit neue Öl- und Gasbohrungen im eigenen Land, vor allem Rumänien und Zypern treiben solche Pläne voran. Doch der IEA-Chef warnt: „Europa wird morgen nicht plötzlich neue Öl- oder Gasvorkommen entdecken.“ Aus seiner Sicht ist die beste Antwort, massiv in die Elektrifizierung der europäischen Wirtschaft zu investieren.
„Wenn es große Öl- und Gasvorkommen in Europa gäbe, hätten wir sie schon vor vielen Jahren gefunden“, sagte Birol und widersprach damit Branchenvertretern, die von unerschlossenen fossilen Ressourcen in EU-Staaten sprechen.
Entscheidend sei, so Birol, dass die europäischen Staaten so viel Energie wie möglich im eigenen Land erzeugen und ihre Abhängigkeit von anderen Ländern reduzieren.
Die EU hat ihre Energieabhängigkeiten in den vergangenen Jahren verschoben. Inzwischen sind die Vereinigten Staaten wichtigster Lieferant von Flüssigerdgas (LNG) nach Europa. Washington setzt die EU-Kommission jedoch unter Druck, ihre Methan-Regeln zurückzunehmen. Andernfalls drohen Kürzungen bei den LNG-Lieferungen.
Die Regierung von Donald Trump argumentiert, die Regeln, die Öl- und Gasunternehmen zur Überwachung und Meldung der mit ihrer Produktion verbundenen Emissionen zu verpflichten, würden die Kosten für US-Energieerzeuger in die Höhe treiben.
Auf die Frage, ob die Kommission den Forderungen aus Washington entgegenkommen will, sagte Energiekommissar Dan Jørgensen zu Euronews: „Es wird Anpassungen geben und wir werden einiges anders machen müssen (...). Aber wir werden unsere Ziele und Verpflichtungen in keiner Weise zurückschrauben.“
Elektrifizierung ist die Antwort
Für Birol führt der Weg zur Energiesouveränität vor allem über die Elektrifizierung. Sie verringere die Importe fossiler Brennstoffe.
„Wir müssen unsere Energieversorgung und unsere Wirtschaft so weit wie möglich elektrifizieren. Das heißt mehr Elektroautos, mehr Wärmepumpen und stärker elektrisch betriebene Industrie“, sagte der IEA-Chef.
Birol räumt ein, dass die EU zwar viel saubere Energie erzeugt, beim Anteil der Elektrifizierung aber seit einem Jahrzehnt auf 23 Prozent stagniert. Damit liegt sie deutlich hinter Ländern wie Japan, Korea und China, die kaum eigene Öl- und Gasvorkommen haben.
„Im vergangenen Jahr wurden 85 Gigawatt erneuerbarer Energien an das europäische Netz angeschlossen. Das ist eine beeindruckende Zahl. Aber Projekte für 600 Gigawatt, fast das Siebenfache, wurden nicht umgesetzt, weil es kein Netz gab, das den Strom zu Haushalten und Industrie transportieren konnte“, sagte Birol. Er betonte, wie veraltet die europäischen Stromnetze seien und dass sie technisch mit dem Tempo des Ausbaus sauberer Energien nicht Schritt halten.
Strom ist zu teuer
„Das ist, wenn ich es so ausdrücken darf, beinahe ein wirtschaftliches Vergehen. Ich unterstütze die Kommission voll und ganz dabei, neue Netze aufzubauen und ein robustes europäisches Energiesystem zu schaffen.“
Trotz milliardenschwerer Investitionen in saubere Energie ist Strom in vielen EU-Ländern noch immer zwei- bis dreimal so teuer wie Gas. Beobachter fürchten, dass sich mittelfristige Elektrifizierungsziele schwer vermitteln lassen, solange Regierungen Strom nicht günstiger machen.
„Wir müssen Strompreise so gestalten, dass sie für die Menschen erschwinglich sind. Dann können Verbraucherinnen und Verbraucher, Haushalte und Unternehmen sich für die günstigere Option entscheiden. Sie wählen Strom nicht, weil er sauber ist, sondern weil er billig ist“, sagte Birol.
Nach der Sommerpause starten Europäisches Parlament und Rat politische Verhandlungen über die Modernisierung der Stromnetze. Grundlage ist die gemeinsame Position der Mitgliedstaaten, die im Juni unter der rotierenden EU-Ratspräsidentschaft Zyperns beschlossen wurde.
Die anspruchsvolle Aufgabe, den heiklen Gesetzesvorschlag zu verhandeln, liegt nun bei der irischen Ratspräsidentschaft. Sie hofft, die Einigung bis Jahresende zu erreichen.