Golfölproduzenten investieren Milliarden in neue Pipelines, um Rohöl an der Straße von Hormus vorbeizuleiten. Irans Einfluss auf die Wasserstraße treibt den Ölpreis auf 100 Dollar je Barrel, den höchsten Stand seit Mai.
Vor dem Krieg passierten täglich rund 15 Millionen Barrel Öl aus dem Golf die Straße von Hormus. In Friedenszeiten liefen etwa ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls durch diese maritime Engstelle.
Da die Meerenge weitgehend geschlossen bleibt und die Preise hoch sind, treiben die Staaten am Golf mindestens sieben große Pipelineprojekte voran. Einige werden bereits gebaut, andere geplant oder verhandelt. Sie sollen die Ölströme über das Rote Meer, den Suezkanal und den Golf von Oman umlenken, sagen Golfvertreter, Energiekonzerne und Marktanalysten.
Seit sich der Iran-Krieg in diesem Monat wieder verschärft, ist der Brent-Preis am Donnerstag erstmals seit Mai auf 100 Dollar je Barrel gestiegen. Nach der kurzen Waffenruhe im Juni lag er noch bei etwa 72 Dollar. Die US-Sorte WTI kletterte ebenfalls über 90 Dollar.
„Sich so stark auf die Straße von Hormus zu verlassen, ist keine vernünftige langfristige Strategie mehr“, sagt Victoria Grabenwöger, Seniorforscherin beim Datendienst Kpler.
Es gibt bereits zwei Ausweichrouten. Beide stoßen inzwischen an ihre Grenzen.
Saudi-Arabiens Ost-West-Pipeline, die in den 1980er-Jahren gebaut wurde, als Teheran die Schifffahrt im Iran-Irak-Krieg bedrohte, bringt Rohöl vom Abqaiq-Komplex nach Yanbu am Roten Meer. Von dort fahren Tanker nach Süden in Richtung Arabisches Meer oder nach Norden zum Suezkanal.
Die Vereinigten Arabischen Emirate leiten inzwischen mehr Öl nach Fudschaira, ihren Hafen am Golf von Oman rund 145 Kilometer südlich der Straße von Hormus.
Zusammen hatten beide Leitungen vor dem Krieg eine freie Kapazität von rund 3,5 bis 5,5 Millionen Barrel pro Tag, so die US-Energiebehörde. Inzwischen laufen sie fast voll und transportieren etwa 6,5 Millionen Barrel täglich.
Abu Dhabis staatlicher Ölkonzern arbeitet zudem im Eiltempo an einem Projekt, das schon vor Kriegsbeginn gestartet wurde.
Die 3 Milliarden Dollar teure, 300 Kilometer lange Pipeline nach Fudschaira verläuft parallel zu einer bestehenden Leitung. Sie soll die Liefermengen um mehr als 1,2 Millionen Barrel täglich erhöhen und ist nach Angaben von Kpler etwa zur Hälfte fertiggestellt. Das Unternehmen rechnet damit, dass das offizielle Fertigstellungsziel Anfang 2027 auf Mitte 2027 rutscht, weil der Hafen selbst ausgebaut werden muss.
Selbst dieser Zeitplan wäre ohne die Blockade kaum vorstellbar gewesen, argumentiert Kpler.
Ölumleitung über Rotes Meer: Entlastung mit Risiko
Die Route über das Rote Meer hat eigene Schwachstellen. Diese Woche hat das erneut deutlich gemacht.
Die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen im Jemen haben als Vergeltung für die saudische Blockade des Landes und einen Angriff auf den Flughafen von Sanaa eine Blockade gegen saudisch verbundene Schiffe ausgerufen. Am Donnerstag meldeten sie Angriffe auf zwei saudische Tanker, die Encelia und die Layla, und erklärten, beide seien in Brand geraten.
Saudische Staatsmedien berichteten von einem Feuer am Bug der Encelia, ohne Opfer. Das britische Zentrum UK Maritime Trade Operations meldete einen Tanker, der südwestlich von Al Shuqaiq von „einem unbekannten Projektil“ getroffen worden sei.
Die vom Iran unterstützte Gruppe hat die Meerenge Bab al-Mandab, über die rund zwölf Prozent des Welthandels laufen, bereits früher gestört. Ein Drohnenangriff der Huthi zwang 2019 sogar die Ost-West-Pipeline zeitweise zur Stilllegung.
Irak setzt 60 Milliarden Dollar auf Washington
Am dringendsten ist die Suche nach Alternativen im Irak. Das Land erzielt rund 90 Prozent seiner Staatseinnahmen aus Ölexporten und musste seine Förderung wegen der Abhängigkeit von der Straße von Hormus zurückfahren.
Ministerpräsident Ali al-Zaidi ist vergangene Woche aus Washington zurückgekehrt. Dort hat er nach Angaben von Reuters 48 Vereinbarungen mit US-Unternehmen unterzeichnet. Sie betreffen Energie, Gesundheitswesen und Technologie und haben zusammen einen Wert von mehr als 60 Milliarden Dollar. Beteiligt sind unter anderem ExxonMobil, Shell, Halliburton, KBR und GE Vernova.
Kernstück ist ein Abkommen mit Syrien über den Wiederaufbau der seit Langem stillstehenden Pipeline von den Feldern bei Kirkuk zum Mittelmeerhafen Baniyas. Nach irakischen Staatsmedien soll Chevron das Projekt umsetzen. Das US-Außenministerium begrüßte den Plan und sprach von einem „kritischen Energiekorridor“ mit einer Anfangskapazität von 2 Millionen Barrel pro Tag.
Bagdad prüft außerdem eine Leitung von Basra zum jordanischen Hafen Aqaba.
Der US-Botschafter in der Türkei, Tom Barrack, prognostizierte, die Vereinbarungen würden die Straße von Hormus „nur noch zur Randnotiz“ machen.