Nolans "The Odyssey" sorgt weltweit für einen Homer-Boom: Die Buchverkäufe steigen rasant, Tausende wollen Griechisch lernen. Doch nicht alle sind von der Verfilmung begeistert.
Christopher Nolans "The Odyssey" setzt seinen Siegeszug an den weltweiten Kinokassen fort: Nur zwei Wochen nach dem Kinostart hat das Epos bereits mehr als 650 Millionen Dollar eingespielt. Damit ist der Film schon jetzt der erfolgreichste Realfilm des Jahres und steuert auf die begehrte Marke von einer Milliarde Dollar zu.
Bemerkenswert ist jedoch nicht nur der Erfolg an den Kinokassen – der Film sorgt auch dafür, dass viele Menschen wieder zu Homers antikem Epos greifen. In Großbritannien sind die Verkaufszahlen der "Odyssee" in diesem Jahr Medienberichten zufolge im Vergleich zu 2025 um 70 Prozent gestiegen. In Frankreich haben sich die täglichen Hörstunden des Hörbuchs auf Spotify Mitte Juli gegenüber dem Vormonat um mehr als 752 Prozent erhöht. In den USA liegen die Buchverkäufe laut Daten von Circana BookScan seit Jahresbeginn 76 Prozent über dem Vorjahresniveau.
Der Film weckt jedoch nicht nur die Lust aufs Lesen, sondern auch das Interesse an der griechischen Sprache. Nach Angaben von Google Trends, ausgewertet von Preply und der britischen Zeitung The Times, ist die Zahl der Suchanfragen nach "Griechisch lernen" in den vergangenen zwei Wochen um 5.000 Prozent gestiegen.
"Homers Odyssee wurde in Altgriechisch verfasst, das sich deutlich von der heute in Griechenland gesprochenen Sprache unterscheidet", erklärt Madeline Enos, Expertin für Sprachtrends bei Preply. "Altgriechisch ermöglicht einen direkten Zugang zu Homers Originaltext und zur antiken Welt. Moderne Griechischkenntnisse helfen hingegen dabei, die heutige Kultur besser zu verstehen und sich mit Menschen in Griechenland auszutauschen."
Enos ergänzt: "Ob jemand die Sprache Homers entdecken oder das heutige Griechisch lernen möchte – dieser erste Funke kann zu einem tieferen Verständnis des sprachlichen und kulturellen Erbes Griechenlands führen."
Der Film sorgt also nicht nur an den Kinokassen für Furore und beflügelt Buchverkäufe sowie das Interesse am kulturellen Erbe Griechenlands. Einige Puristen zeigen sich jedoch enttäuscht von Christopher Nolans Umgang mit der Vorlage – insbesondere von der Verwendung moderner englischer Sprache.
Während viele diese Entscheidung als künstlerische Freiheit akzeptieren und Nolans Adaption loben, äußern andere deutliche Kritik. Zu ihnen gehört die britisch-amerikanische Altphilologin Emily Wilson, deren 2017 erschienene Übersetzung von Homers Epos die erste englische Versübertragung einer Frau war.
In einem Essay für die London Review of Books schreibt Wilson: "Ich hatte gehofft, dass Nolans Nähe zu diesen homerischen Themen ihn zu neuen kreativen Höhen treiben und ihm helfen würde, glaubwürdigere Figuren zu entwickeln. Doch The Odyssey bietet seine übliche Mischung aus Größenwahn und Oberflächlichkeit … Die Vision des Films ist zu unklar, die Figuren zu wenig ausgearbeitet, um das einzulösen, was er an großen Ideen halb verspricht – obwohl er sehr gut darin ist, große Explosionen und große Riesen zu zeigen."
Weiter schreibt sie: "Nolans Odyssee fehlen viele der Elemente, die das Gedicht großartig machen. Der Film sagt nichts Überzeugendes über Zeit, Erinnerung, Geschichte oder Krieg – ebenso wenig über das Verhältnis zwischen der glanzvollen Heimkehr eines Kriegers und dem Leben seiner Familie, Gegner, Kameraden, Freunde sowie Nachbarn."
Ihr Fazit fällt entsprechend vernichtend aus: "Es fehlt ihm an psychologischer, emotionaler, politischer und ethischer Tiefe. Die Erzählstruktur ist effekthascherisch, das Drehbuch katastrophal. Keine der Figuren hat eine überzeugende Motivation für ihr Handeln oder ihre Worte. Es gibt keine Sexszenen, und sämtliches Essen sieht furchtbar aus."
Wilson erklärte zudem, sie "würde sich schämen, auch nur einen Teil dieses Drehbuchs geschrieben zu haben". Gleichzeitig räumt sie ein, dass der Film das Interesse an der antiken griechischen Literatur und am Kino selbst neu belebe.
Gegenüber der Times sagte sie, die Veröffentlichung von The Odyssey sei "trotz allem ein Ereignis, das man feiern sollte". Der Film bringe "das Publikum zurück in die Kinos". "Nolan tut sein Möglichstes, um die breite Öffentlichkeit wieder zum Lesen zu bringen, und dafür bin ich dankbar."
In der Kritik von Euronews Culture zu The Odyssey heißt es: "Es gibt vieles zu bewundern an Nolans gigantischem Projekt und daran, wie er sich von der homerischen Vorlage löst und stattdessen eine Geschichte erzählt, in der das Übernatürliche zugunsten einer modernistischen Lesart von Odysseus' Psyche in den Hintergrund tritt."
Als Schwächen nennt die Rezension jedoch Probleme beim Schnitt und Erzähltempo sowie einen Mangel an Leichtigkeit und emotionaler Tiefe. Weiter heißt es: "Etwas fehlt. Nicht die filmische Finesse, auch nicht der Ehrgeiz, sondern ein Moment zum Durchatmen und Fühlen auf einer Reise, die sich mitunter wie ein pflichtbewusster α-zu-β-zu-γ-Trip in die Unterwelt und zurück anfühlt."
Die vollständige Kritik lesen Sie hier. Außerdem erfahren Sie, welchen Platz The Odyssey in unserem Ranking von Christopher Nolans Filmen und in unserer Liste der bislang besten Filme des Jahres 2026 belegt.